Freitag, 30.07.2010
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Künstlerlexikon
Che Sudaka
vorgestellt am 20.08.07 in Funkhaus
Europa
Che Sudaka leben in Barcelona, im Stadtteil Raval, dem alten gotischen Viertel der Stadt. Lange Jahre war das eine verrufenes, verfallendes Viertel, das magisch all die Leute anzog, die sich kaum eine normale Wohnung leisten konnten. Immigranten aus aller Herren Länder also, legale wie illegale, arbeitende wie arbeitslose. Und natürlich jede Menge Künstler und Musiker.
Che Sudaka besteht aus vier Argentiniern und zwei Kolumbianern, die nach Spanien kamen, um hier ihren Lebensunterhalt als Musiker zu verdienen. Als Lateinamerikaner kommt man meistens mit dem Flugzeug und einem Touristenvisum nach Spanien. Ist das Visum abgelaufen, dann ist man sin papeles, ohne Papiere, also ein Illegaler. Aus stolzen Argentiniern, Kolumbianern, Venezuelanern werden dann ganz schnell Sudakas, wie sich selbst nennen, Kanaken, die mehr geduldet als willkommen sind. Che ist übrigens kein Vorname, Che ist Mapuche, die Sprache der argentinischen Ureinwohner - und heißt Freund.
Straßenmusik ist ein hartes Brot. Wie viel Geld sich über
den Tag in den Hüten oder Töpfen sammelt, mit denen die Musiker
ihren verdienten Lohn einsammeln, kann man nie voraussagen. Ob es
reicht, erst recht nicht. Che Sudaka sind eine große Band, das hat
den Vorteil, dass sie auf den ziemlich lauten Straßen Barcelonas
kaum zu überhören sind. Um über die Runden zu kommen, sind sie 8
Stunden am Tag oder mehr unterwegs. Manchmal sitzen nur ein paar
Gelangweilte auf den Terrassen leerer Cafés, manchmal aber sammelt
sich auf einem Platz schnell ein Haufen junger Leute um die Band,
und wenn der Funke erst einmal übergesprungen ist, dann kann die
Party auch mal länger dauern.
Straßenmusiker in Spanien sind auch gern mal in Bars und in
Bahnhöfen unterwegs. Oder in U-Bahnwagen, was streng verboten ist.
Und weil es da unendlich viele Kontrolleure in den Zügen und
Security auf den Bahnhöfen gibt, artet die Situation gern mal zu
einem Räuber-und-Gendarm-Spielchen aus: wird ein Security-Mann
gesichtet, packen die Musiker blitzschnell ihre Instrumente ein und
ergreifen auf der Stelle die Flucht.
Der allererste Song, der von Che Sudaka auf CD zu hören war, handelte übrigens von den ‚sin papeles', den rechtlosen, illegalen Einwanderern, und ist verewigt auf dem "Colifata"-Sampler, einer für die Szene in Barcelona wegweisenden Veröffentlichung. Einmal abgesehen davon, dass er Bands wie Che Sudaka erstmals eine CD für den Straßenverkauf in die Hand gab, lenkte er auch die Aufmerksamkeit vieler Musikinteressierter und auch vieler Musiker auf die Szene. Amparo Sánchez zum Beispiel, besser bekannt unter dem Namen Amparanoïa, ist über "Colifata" auf Che Sudaka gestoßen, fand die Band großartig und ist deshalb als Gastsängerin auf dem neuen Che-Suduka-Album zu hören.
Auf dem Cover von "Mirando el mundo al revés” sieht man einen kleinen Jungen, der sich nach vorn beugt, die Hände auf der Straße, und uns durch die gespreizten Beine anlacht. Und was sieht er? Die Welt, wie sie auf dem Kopf steht. "Mirando el mundo al revés" eben. Es ist bereits das dritte Che-Sudaka-Album. Die Band ist inzwischen längst über den Status einer reinen Straßenband hinausgewachsen, sie spielt längst in klassischen Rockclubs, und da sind dann auch Schlagzeug, E-Gitarre und Keyboards im Einsatz. Aber einmal abgesehen davon, dass sie sich sehr viel Mühe gegeben haben mit Samples, Geräuschen und Sprachfetzen, die immer wieder untergemischt werden, sind sie doch bei purer Straßenmusik geblieben. Akustische Gitarren, Akkordeon, Bass und alle möglichen Arten von Trommeln - das reicht auf der Straße, das reicht auch auf CD. Mit Folk-Musik im klassischen angloamerikanischen Sinn hat das überhaupt nichts zu tun, mit Mano Negra in deren Anfangsphase umso mehr, mit Manu Chao sowieso. Che Sudaka sind clever genug, aniemanden zu kopieren, obwohl doch manches vertraut klingt. Sie kochen ihre eigene Straßenmusik-Mischung aus Rap, Dancehall, Cumbia, Samba und Punk zusammen, und die verbreitet auf jeden Fall immer guter Laune, auch wenn die Texte oft eher ernst sind.
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