Dienstag, 07.02.2012
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Latinista
Etnagigante
"Dieses Album habe ich wie Kaktusfeigen in der Sonne von Morro
de Sao Paolo in Bahia reifen lassen, um die Früchte dann in meinem
Keller in Lecce auszusortieren."
Drei Jahre war Roy Paci unterwegs, in Südamerika, Afrika, Europa
und Indien, ist auf den Azoren aufgetreten, hat in Kenia Brunnen
gebaut, in der italienischen TV-Comedy-Show Zelig den Bandleader
gegeben, hat an der Seite von Faith No More-Sänger Mike Patton
gespielt und in Brasilien Urlaub gemacht. Auf "Latinista" spürt man
jeden Moment, jede Erfahrung, jede Facette dieser Zeit.
Die Songs sind wie die Seiten eines Tagebuchs: Man erlebt in
"Maasai" wie Paci von den Massai im kenianischen Distrikt Kajiado
auf den Namen Olmurani getauft wird (der Verteidiger des Berges),
wie er in Mexiko "La Santa Muerte", der Heiligen der Bettler und
Banditen begegnet ("Santa") oder wie Blaxploitation-Queen Pam Grier
auf einer Tomatenkiste für seinen nächsten Bloody Mary tanzt ("Can
I go").
Paci pflegt immer noch den Mafia-Style: Anzug, schmaler
Oberlippenbart, die tiefschwarzen Haare mit viel Pomade so nach
hinten gelegt, daß man plötzlich versteht, warum die italienischen
Emigranten in den USA "Greaseballs" genannt wurden. "Das ist ein
Spiel und eine Provokation, wir sind die Mafia gegen jede Form von
Mafia", sagt er lachend. Und zeigt gleich anschließend seine Wut
darüber, daß die meisten sizilianischen Musiker sich in ihren Songs
nicht deutlich gegen die Mafia positionieren. Paci hat gut reden,
schließlich bringt er sein Publikum trotz politischer Texte zum
Tanzen. Der Vierzigjährige ist Sizilianer durch und durch und
gleichzeitig ein überzeugter Weltbürger. Nie war er so nah dran an
einer universellen musikalischen Sprache wie mit seinem 5.Album
"Latinista". "Ein Latinista ist für mich ein Südländer, ein sehr
temperamentvolles Individuum, das soviel Energie hat, daß es wie
ein Katalysator auf andere wirkt." Genau so ein Typ wie der Bläser
selbst. Doch Paci liebt Wortspiele und Doppeldeutigkeiten, in
"Latinista" steckt noch mehr drin: Eine Verbeugung vor seinen
Punk-Heroen The Clash und ihrem legendären Triple-Album
"Sandinista", das vor genau 30 Jahren erschienen ist und das - von
heute aus gesehen - der Vorläufer aller Patchanka-Bands war. Damals
war der kleine Roy gerade 10 Jahre alt und spielte schon Trompete.
Mit der CD feiert Roy Paci also auch sich selbst, dreißig Jahre
eigenes Musikerleben.
Treibende Kraft hinter seinem Rücken ist seit 1999 die Band
Aretuska, acht Musiker, die Hälfte davon Bläser. Der Name ist wie
alles bei Paci ein Wortspiel aus Aretusa, dem alten Namen der
sizilianischen Provinz Siracusa und Ska. Der Maestro ist stolz auf
seine Jungs, die sich, wie er es nennt "mit Lichtgeschwindigkeit
bewegen". Und besonders stolz ist er auf den zwanzigjährigen
Neuzugang Stefano "Anansi" Banno, der rappt und toastet und ist die
Kontraststimme zu Pacis Crooner-Organ.
Ska und Rocksteady, die Musikschiene auf der alles anfing, sind nur
noch Schatten im Soundkosmos der kleinen Bigband mit der großen
Wirkung. Patchanka 2.0 könnte man den Mix aus Latino-Einflüssen,
Funk, Mariacci-Musik, Pop, Reggae, Rock, sizilianischen Traditionen
und Hip Hop nennen, unmöglich aufzuzählen was alles drin steckt.
Drei Freunde hat Paci sich zur Unterstützung geholt, den apulischen
Rapper Caparezza, Eugene Hütz, den irren Leader der
ukrainisch-amerikanischen Gypsytruppe Gogol Bordello und Lorenzo
Cherubini, besser bekannt als Jovanotti.
Der hat ausgeholfen, als Paci die Worte ausgingen und mit "Bonjour
Bahia" einen Jovanotti-typischen Text geliefert. Der Song ist einer
der Sommerhits in Italien und witzigerweise kann man Paci und
Jovanotti beim Singen kaum auseinanderhalten. "Als ich zurückkam
aus Brasilien, wo die CD konzipiert wurde und gereift ist, hatte
ich alle Texte und die Musik schon fertig dabei. Aber "Bonjour
Bahia" hat mich nicht überzeugt und deshalb habe ich Lorenzo dazu
geholt, weil er von Tropicalismo soviel versteht wie ich. Und er
hat alle Gefühle, die ich habe, wenn ich in Morro de Sao Paolo bin,
wunderbar beschrieben."
Der kleine Ort Morro de Sao Paolo auf der Insel Ilha de Tinharé ist
seit langem Pacis Refugium, ein Zimmerchen mit Blick aufs Meer und
die Schiffe, die die Touristen zu den Mangrovenwäldern bringen.
Schon als junger Mann hat der kleine Sizilianer mit der großen
Musikerseele sein Herz in Südamerika verloren. Nach einem
Engagement auf einem Kreuzfahrtdampfer, war ihm Sizilien und der
Job als erster Trompeter in der Kapelle seiner Heimatstadt Augusta
zu eng geworden und er zog in die Welt. Lebte drei Jahre in
Uruguay, Argentinien, Brasilien, spielte - was bei seinem Talent
kein Problem war - in Bigbands und Orchestern, mit Cumbia-Crews und
für Musica Popular Brasileira-Künstler. Vielleicht wäre er
geblieben, doch da war diese Geschichte mit einer Frau, die er
buchstäblich im letzten Moment vor dem Altar sitzen ließ. Jetzt ist
er zurück gekehrt und erobert mit "Latinista" die ganze Welt.
Autor: Anna-Bianca Krause
| Titel | Latinista |
|---|---|
| Vertrieb | Etnagigante |
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