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CD der Woche 28. Juni 2010

Songs about Leaving Africa

V.A.: Yes we can

Outhere records

CD Cover "Yes we can"; Rechte: Outhere records

CD Cover "Yes we can"

Zigtausende junge Afrikaner verlassen jedes Jahr ihre Heimat, um auf einem anderen Kontinent ihr Glück zu suchen: den einen gelingt es, andere scheitern - und für manche endet schon allein der Versuch, auf illegalen Wegen über das Mittelmeer nach Europa zu kommen, tödlich. Keine Frage, dass eine der größten Wanderungsbewegungen unserer Zeit auch in der Musik ihren Niederschlag finden musste.


Der Sampler "Yes we can" versammelt 15 Stücke, die in der einen oder anderen Weise die afrikanische Massenemigration zum Thema haben. Der Titel greift den bekannten Obama-Slogan auf und münzt ihn sarkastisch auf die Situation in Afrika um. Denn der Wandel zum Besseren, den der US-Präsident seinen Landsleuten versprach, ist für viele Afrikaner nur durch Auswanderung zu haben, der Traum von Wohlstand und gesellschaftlichem Aufstieg erscheint ihnen nur in der Fremde realisierbar. "Barka mba Mbarzak" - sinngemäß: "nach Barcelona gehen oder ein Leben in der Hölle führen" - so lautet das bittere Motto, das in den Straßen von Dakar längst zum geflügelten Wort geworden ist.

Während das schöne Leben in Europa durch Filme, Fernsehen und das Internet nur einen Knopfdruck entfernt scheint, ist es für die meisten Menschen in Afrika fast unmöglich, ein Visum zur Reise zu bekommen. Und selbst wenn sie es irgendwie schaffen, auf verschlungenen Wegen ans Ziel ihrer Träume zu gelangen, wartet dort alles andere als das Paradies auf sie. Davon künden die afrikanischen Straßenhändler, die fast überall in Europa auf den Straßen und Plätzen, auf Märkten und an den Stränden gefälschte Uhren, Fake-Designerware und anderen billigen Mode-Tand feil bieten. Sie leben von der Hand in den Mund, werden von der Polizei drangsaliert oder sogar gejagt, während man sich in der Heimat noch immer oft völlig falsche Vorstellungen von ihrem Leben in Europa macht.

Von all diesen Dingen handeln die Songs auf diesem liebevoll zusammengestellten und von großartigen Melodien und Grooves nur so überbordenden Sampler - vom schweren Los auf der Straße, den alltäglichen Schwierigkeiten und dem Abdriften in die Kleinkriminalität ("Lidl" vom Grime-MC Afrika Boy aus London), von Ausgrenzung und Diskriminierung ("Green Passport" vom nigerianischen Rapper Modenine), vom Heiratstourismus ("Green Card" von Wanlov the Kubolor aus Ghana) oder von Materialismus und moralischer Orientierungslosigkeit ("Money Talk" vom nigerianischen Rapper Rapturous). Während der französische Slam-Rapper Rouda in "Paris Canaille" den Rassismus in Europa geißelt, der von bestimmten Politikern geschürt wird, weisen CAPSI Revolution aus dem Senegal in "Immigration Clandestine" auf die fatalen Auswirkungen hin, die der Massenexodus auf die Herkunftsländer hat, die durch den steten Brain Drain ausgerechnet die aktivsten und mobilsten Teile ihrer Gesellschaften verlieren - und damit ihre Zukunft aufs Spiel setzen.

Musikalisch werden auf "Yes we Can" alle möglichen Spielarten des HipHop gestreift, von brummenden Elektro-Tunes, dublastigen Reggae-Hop, hektischen Breakbeats, französischen Chanson-Rap, nöligen Sprechgesang und bis hin zu klassischen Conscious-Tracks. Dazwischen finde sich Ausflüge in den aktuellen Londoner Club-Underground sowie zu den hüpfenden Party-Beats westafrikanischer Modetänze wie "Coupé decalè" von der Elfenbeinküste, Funana von den Kapverden oder Sokous-Pop aus dem Kongo.

An Highlights herrscht kein Mangel. Senegals HipHop-Superstars Daara J etwa haben für die Compilation eigens einen neuen, wuchtig wummernden und kühl schimmernden Track verfasst. Der Titel "Unite 75" bezieht sich auf den Preis, den ein Telefongespräch nach Europa in Westafrika kostet, 75 afrikanische Cents pro Einheit. Er handelt von den Schwierigkeiten vieler Migranten, in Europa über die Runden zu kommen und regelmäßig Geld nach Hause an die Familie zu schicken.

Auch der Track "15 Minutes away" handelt von Geldüberweisungen - der Titel zitiert einen Werbeslogan der Geldtransfer-Firma "Western Union" und spielt auf die 15 Minuten an, die es dauert, eine Summe an eine "Western Union" - Filiale in Afrika zu übermitteln - von diesen regelmäßigen Transfers hängen dort mancherorts ganze Dörfer ab. Der somalische Rapper K'Naan zählt heute zu den Großen im HipHop, zur WM 2010 in Südafrika steuerte er die offizielle FIFA-Hymne bei. Auf "15 Minutes away" gibt er in lässigen Lyrics die widerstreitendem Gefühle wieder, die mit diesen Geldtransfers verbunden sind - die Bürde der Verantwortung, der Druck überzogener Erwartungen, die Freude, anderen etwas Gutes tun zu können, und die Scham, sich dafür das Essen vom Mund absparen zu müssen. Sein Lob der Großzügigkeit hat K‘Naan in eine sommerlich-leichte Melodie und einen unwiderstehlichen Groove verpackt, die unweigerlich zum Fingerschnippen und Mitsummen einladen.

Ein weiteres Leckerbissen ist der Track von Afrikan Boy, der die bekannte deutsche Supermarktkette "Lidl" im Titel trägt. Zu einem ziemlich roh scheppernden Beat lässt sich der Shooting Star der Londoner Grime-Szene in provokanten Zeilen über das Leben illegaler Migranten aus, die sich mit kleinen Ladendiebstählen über Wasser halten und Probleme mit der Einwanderungsbehörde bekommen, weil sie sich bei der Einreise fälschlich als Minderjährige ausgegeben haben. Geschichten, die das Leben so schreibt.

Wie bei dem Plattenlabel "Outhere" üblich, sorgt ein reich bebildertes, gut gestaltetes und informatives Booklet für Überblick. So vermittelt der Sampler "Yes we Can" ein besseres Bild dieser brisanten Problematik als es viele Zahlen und Statistiken, Konferenzen oder Zeitungsartikel vermögen.



Autor: Daniel Bax


TitelSongs about Leaving Africa
VertriebOuthere records
BestellnummerOH 017

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Nico Aslanidis

Moderation:
Niko Aslanidis

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