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CD der Woche 19. April 2010

"Tango 3.0"

Gotan Project

Ya Basta / Universal

CD Cover: Gotan Project "Tango 3.0"; XL Recordings Bild vergrößern

Gotan Project "Tango 3.0"

Sie waren die Ersten und Erfolgreichsten. Zwei Geniestreiche hintereinander: 2000 die CD "La Revancha del Tango", mit der das Gotan Project den Tango Electronico kreierte und weltweit die Dancefloors kaperte, 2006 dann der Nachfolger "Lunático", ein Eindringen in noch tiefer gelegene Schichten des Tango. Deshalb war die Angst vor Album Nummer 3 groß. Wiederholungstat oder müder Abklatsch? Nichts dergleichen! Aber um das zu spüren, muss die CD gut abgehangen sein, sie braucht Zeit, um ihre Intensität und Schönheit offen zu legen.


Schon der Einstieg ist ungewohnt: Behäbige Bläsersätze begrüßen die Aficionados im Stück "Tango Square", einem Tango-Blues. Der legendäre Dr.John macht mit seiner Hammond-B3-Orgel die Tür nach Louisiana weit auf, zum Congo Square, dem einzigen Platz in New Orleans, an dem es den afrikanischen Sklaven früher erlaubt war Musik zu machen.

Waren die CDs des Gotan Project bislang der Soundtrack zur Dunkelheit, Nachtabenteuer und Schattenmusik, kommt jetzt auch zaghaft Licht durch die Ritzen. Z.B. der Blick auf das verlorene El Dorado Argentinien, das Edurado Makaroff, einer der drei Bandgründer, noch gut kennt: "Das Argentinien der Träume, dieses reiche, gastfreundliche Land, in das unsere Großeltern und alle, die vor Armut und Krieg aus Europa geflüchtet sind, kamen. All diese Emigranten, die Argentinien geprägt haben."

Drei Songs erzählen von der Heimat Makaroffs: "Desilusión", "Mil millones" und ganz am Ende steht das Märchen "Érase una vez", musikalisch inszeniert wie für ein Walt Disney-Musical aus den Vierziger Jahren. "Es war einmal und dann kommen drei kleine Punkte, so hört das Album auf. Da steckt die Öffnung zur Zukunft doch schon drin," freut sich Philippe Cohen-Solal, neben Makaroff und dem Schweizer Christophe H. Mueller, der Franzose im Führungstrio der Band.

Für den Produzenten, Bassisten und DJ war Argentinien anfangs nur ein Hirngespinst, das er zeitlebens mit sich herum trägt: "Ende der Sechziger Jahre haben alle Linken total viel südamerikanische Musik gehört. Ich sehe meine Eltern mit Freunden über Politik diskutieren und im Hintergrund läuft südamerikanische Musik. Das ist der Soundtrack meiner Kindheit." Durch das Gotan Project wurde das Traumgebilde mehr als real: "Ich hatte wirklich nicht vorgehabt, so viel Zeit mit dem Tango zu verbringen. Aber er hat mein Leben so sehr erfasst, dass ich vorübergehend keinen Tango mehr hören konnte".

Der Vierzigjährige verbrachte einige Zeit in Nashville und nahm die CD "Moonshine Sessions" auf, die Americana-Eskapade hat auf "Tango 3.0" eindeutige Spuren hinterlassen.

Bei Makaroff, dem Mann aus Buenos Aires, ist die Affäre mit dem Tango ganz anders verlaufen: "Man vergisst, dass man Argentinier ist und den Tango liebt, solange man in Argentinien lebt. Das fällt einem erst wieder ein, wenn man in Paris ist."

Der Puls von Paris ist weniger spürbar als der von Buenos Aires, New Orleans oder sogar New York. Die französische Metropole ist jedoch der Subtext: Lebensmittelpunkt fast aller Beteiligten, europäische Hauptstadt des Tango und voller argentinischer Abdrücke."Rayuela" enthält die Stimme des argentinischen Kultautors Julio Cortázar, der bevor er 1984 in Paris starb im selben Mietshaus gelebt hat, in dem Cohen-Solal wohnt. Von seinem Studio hätte er direkt ins Fenster von Cortázar geblickt. Für die Hommage hat Cohen-Solal im Refrain einen Kinderchor Himmel und Hölle (auf spanisch Rayuela, so wie der Roman des Argentiniers) spielen lassen.

Neben den Bläsern, die vom ersten Moment an da sind, gibt es aber noch andere Überraschungen auf der CD, ein opulentes Streichorchester beispielsweise oder "El mensajero", das erste Stück ohne Bandoneon, Franco Luciani spielt statt dessen eine Spaghetti-Western-Mundharmonika.
Ansonsten ist die Besetzung des Gotan Project seit 10 Jahren konstant: Cohen-Solal, Makaroff, Mueller, Pianist Gustavo Beytelmann, Nini Flores am Bandoneon, Geigerin Line Kruse, am Kontrabass, Romain Lecuyer und dann wäre da noch die Stimme von Cristina Vilallonga. Die Spanierin wirkt wie eine Art Catherine Deneuve des Tango, elegant-unterkühlt im emotional aufgeladenen Tango.

"Tango 3.0", das dritte Album einer Band um drei visionäre Musiker. Der Titel ist Konzept: "Von der Tradition zur Technologie. Vergangenheit und Zukunft. Tango 3.0 ist alte Musik, deren Zukunft im Web liegt", sagt Cohen-Solal und als ob das nicht schon genug wäre: "Außerdem ist die Drei eine mystische Zahl und die Amerikaner sagen: Three is a lucky number!" Ein Glück, dass es das Gotan Project gibt!



Autor: Anna-Bianca Krause


Titel"Tango 3.0"
VertriebYa Basta / Universal

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