Samstag, 04.02.2012
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"Tucson-Habana"
Wrasse Records
Zehn Jahre lang stand die spanische Sängerin Amparo Sánchez der Mestizo-Band Amparanoia vor, sie war deren Stimme und Gesicht. Nun wandelt sie auf Solo-Pfaden, präsentiert sich unter eigenem Namen und schlägt deutlich leisere Töne an als bisher.
Mit schleppendem Schlagzeug und Westerngitarre setzt "Aqui Estoy" ("Hier bin ich"), der erste Song auf ihrem neuen Album "Tucson-Habana" ein, bevor der raunende Sprechgesang von Amparo Sánchez erklingt.
Rund um erneuert präsentiert sich die einstige "Königin des Mestizo" in neuem Klanggewand. Es ist der karge Wüstensound von Calexico aus Tucson Arizona, der jetzt den Rahmen für die spanische Sängerin mit der vollen und ausdrucksstarken Stimme setzt. Er trägt die Handschrift des Gitarristen Joey Burns und des Schlagzeugers John Convertino.
Die sportliche Trainingsjacke hat Amparo Sánchez abgestreift, ihre meistens mit einem Tuch zum Turban hochgebundenen Dreadlocks hat sie zu einer kurzen Strubbelfrisur gestutzt. Aus dem einstigen Hippie-Chick aus der spanischen Alternativszene ist eine ernsthaft reinblickende Künstlerin geworden, die gerne schwarz trägt und sich in gediegener Melancholie wiegt.
Der musikalische Globetrotter Manu Chao war es, der die aus dem südspanischen Granada stammende und damals in Madrid lebende Amparo Sánchez dazu ermutigte, eine Band zu gründen und ihr dabei half, 1997 ihr erstes Album aufzunehmen.
Schnell stieg sie zu einer der Schlüsselfiguren der
spanischsprachigen Mestizo-Szene auf, wie man die musikalische
Bewegung zwischen Lateinamerika und Spanien nennt, die aus Ska,
Punk, Reggae und lateinamerikanischen Einflüssen ein neues Genre
formte.
Amparo Sánchez gehörte zu den wenigen Frauen, die sich auf diesem
Gebiet nach vorne arbeiten konnten. Nun hat sie sich von diesem
Klüngel emanzipiert und in den Jungs von Calexico neue Kumpels
gefunden.
Der Zufall kam ihr dabei zu Hilfe. Den Anstoß gab ein Auftritt beim Jazzfestival in Montreal im Jahr 2006. Ein Teil ihrer Bandmitglieder hatte ihr Flugzeug nach Kanada verpasst, und so musste sich die Sängerin auf der Bühne mehr oder weniger alleine behelfen. Lediglich von ihrem Bassisten und ihrem Schlagzeuger begleitet, legte sie ein Akustikset hin, mit dem sie ein Publikum überzeugen konnte, das eher auf eine Mestizo-Fiesta eingestellt gewesen war.
Beeindruckt von diesem Erlebnis, traf sie in Montreal auf Joey Burns, dem sie zuvor schon ein paar Mal über den Weg gelaufen war. Aus dieser Begegnung wuchs die Idee, ein gemeinsames Album aufzunehmen und so fand sich Amparo Sánchez ein paar Monate später in der Sonora-Wüste von Arizona wieder, wo Calexico ihr Hauptquartier aufgeschlagen haben. Den gemeinsamen Sessions entsprang der Bolero, der es vor zwei Jahren schon auf das letzte Calexico-Album "Carried to Dust" schaffte. Darauf folgte ein ganzes Album gemeinsamer Songs.
Für den zweiten Teil der Aufnahmen, die sich nun auf "Tucson-Habana" wieder finden, lud sie die Musiker nach Kuba ein. Sie mieteten sich die berühmten Egrem-Studios in Havanna, wo schon die Salsa-Legende Beny Moré oder der Buena Vista Social Club ihre legendären Aufnahmen machten.
Schon auf ihren letzten Alben hatte sich Amparo Sánchez immer mehr vom Reggae entfernt und anderen karibischen Rhythmen zugewandt, vom Cumbia aus Kolumbien über mexikanische Boleros bis zum kubanischen Son. Nun taucht sie noch tiefer in diese Materie ein und interpretiert mit "La Parrandita de las Santas" ("Das Fest der Heiligen") eine schwelgerische Ballade des kubanischen Duos Manelic Ferret und Carlos Lage oder liefert sich mit Omara Portuondo, der 79jährigen Diva der kubanischen Musik, bekannt geworden durch den Buena Vista Social Club, ein beeindruckendes Duett der Generationen.
Die politischen Slogans früherer Zeiten ("Solidarität mit Chiapas") sind einer romantischen Innerlichkeit gewichen, nur am Rande findet sich in "Corazon de la Realidad" ("Herz von La Realidad") ein Verweis auf das matriarchalische Maya-Volk der Tojolabales, dass in der nordwestmexikanischen Chiapas-Region lebt. Ingesamt ist die Stimmung verhalten, mit vielen melodramatischen Balladen gibt Amparo Sánchez einen Einblick in ihre Gefühlswelt.
Im Song "Hoja En Blanco" ("Weißes Laken") breitet sie ihr Lebensmotto aus: "Mein Herz ist offen / für was auch immer da kommen mag / eine offene Flamme / die mit dem Rest brennt". Auf ihrer musikalischen Reise stellt "Tucson-Habana" einen markanten Einschnitt dar.
Autor: Daniel Bax
| Titel | "Tucson-Habana" |
|---|---|
| Vertrieb | Wrasse Records |
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