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CD der Woche 16. August 2010

Fe Na Festa

Gilberto Gil

Universal Jazz

CD Cover "Fe Na Festa"; Rechte: Exilmusik Bild vergrößern

CD Cover "Fe Na Festa"

Gilberto Passos Gil Moreira, kurz: Gilberto Gil, stammt aus gutbürgerlichem Elternhaus und war auf dem besten Wege, nach einem Betriebswirtschafts-Studium Manager zu werden. Doch da war er bereits von der Musik infiziert, was in Brasilien Anfang der 60-er für die meisten nur eines bedeuten konnte: Bossa Nova, eine leicht-luftige Version des Samba mit jazzigen Einschlüssen.

Gilberto Gils erstes Album Louvacao erscheint 1967, seiner Arbeit als Zollinspektor, die ihm sein Studium finanzieren half, ging er da schon nicht mehr nach. Seit 1965 war er zudem mit der Bankerin Belina de Aquiar verheiratet, die auch seine Managerin wurde. Es sollten noch zwei Ehen folgen, aus denen insgesamt acht Kinder hervorgingen.

Erste Erfolge hatte Gilberto Gil mit Bossa-Nova-Liedern, doch als Ende der 1960-er Jahre der Tropicalismo aufkam - eine Vermengung von Bossa Nova und Samba mit internationalen Pop- und Rockmusikklängen - bildete Gilberto Gil mit seinem Partner Caetano Veloso und Künstlern wie Tom Zé, Maria Bethânia oder Gal Costa bald die Speerspitze dieser Bewegung. Ziel: Eine freie, klassenlose Gesellschaft ohne die Dominanz der europäischen Kolonialmächte. Dazu Gil 1993 im Interview: "Tropicalia folgte diesem Erneuerungsprozess, der überall in der Welt vonstatten ging, in Nordamerika, in England, in Frankreich, wo politisch und kulturell mit den 68-ern ein ganz neuer Wind wehte. Modernisierung stand ganz oben auf der Tagesordnung. Und genau das versuchten wir auch in Brasilien."

Der damaligen Militärdiktatur passte die Rebellen-Musik natürlich überhaupt nicht. Dabei war Tropicalia erst einmal keine politische Bewegung, sie wurde es erst, als sie rigoros abgelehnt wurde. Gilberto Gil und sein engster Freund und Mitstreiter Caetano Veloso landeten Ende Dezember 1968 im Gefängnis, nach zwei Monaten wurden sie unter Hausarrest gestellt und dann im Juli 1969 ins Exil nach London abgeschoben. Doch Gilberto Gil war nicht aufzuhalten, der Wind der 68-er wehte jetzt überall. 1972 kehrte er aus dem Exil zurück. Das Jahr 1977 markierte eine Wende: Er nahm am Black Art and Culture Festival in Lagos in Nigeria teil, was seine Musik beeinflusste und sein Bewusstsein schärfte, ein schwarzer Brasilianer zu sein. Im Jahr 1979 wurde Gil als erster schwarzer Brasilianer Mitglied im Kulturrat des Bundesstaates Bahia - das war der Beginn eines Lebens zwischen Musik und Politik. Und dann veröffentlichte er den größten Hit seiner Karriere: "Não chore mais," seine Version von "No woman, no cry", dem Bob Marley-Lied, das zu einer regelrechten Hymne in Brasilien wurde. 18 Jahre später nahm er das Album Kaya N´Gan Daya auf, ein Tribut an Bob Marley. Das Selbstbewusstsein, die "black consciousness" Bob Marleys oder auch eines Jimi Hendrix hatten Gil stark beeinflusst. Bald nach seiner Rückkehr bekleidete er in Brasilien erste politische Ämter und wurde für vier Jahre in den Stadtrat Salvadors gewählt. Und er schrieb weitere Lieder, die heute zu den Klassikern der brasilianischen Musik gehören.

Der nächste Schritt Gilberto Gils in die Politik - immer parallel zu seiner Karriere als Musiker - erfolgte 1987. Er wurde Präsident der Gregório de Matos-Stiftung und damit de facto Kulturstadtrat seiner Geburtsstadt Salvador. Ein Jahr darauf leitete er bereits die Umweltschutzbehörde, der Beginn seines Engagements für ökologische Belange. Das Musizieren aber konnte er nicht lassen: Wiederholt nahm er sich Auszeiten für Tourneen, eine Praxis, die er selbst als Minister beibehielt. Aber auch das ist Gilberto Gil: Sein ältester Sohn, Schlagzeuger in Gils Band, starb 19-jährig Anfang Februar 1990 nach einem Autounfall. Drei Wochen später ging Gilberto Gil auf Europa-Tournee.

Mit dem Ende seines Mandates 1992 stieg Gilberto Gil erst einmal wieder aus der Politik aus. Seine Bilanz 1993: "Ich habe positive wie negative Erfahrungen gemacht. Ich bin zu der Erkenntnis gelangt, dass ich weder vorbereitet noch talentiert war für die politische Bühne. Politik ist trocken, gewalttätig und hart. Ich bin aber eher ein sanfter Typ." Trotzdem wird er 2003, in der Regierung Lula, der erste schwarze Minister Brasiliens. Er verdreifacht die Etats der Museen, lässt Theater und Kinos bauen, sorgt im ganzen Land und für alle Schichten für Internet-Zugang und leitet ein neues Urheberrecht in die Wege. Zur Fußball-WM 2006 in Deutschland fährt Gil ein umfangreiches Kulturprogramm auf ("Copa da Cultura"). Ganz ohne Kritik geht seine Amtszeit indessen nicht vonstatten: Er sei zu oft außer Landes und nutze seine politischen Termine nur allzu gerne, um sich auch als Musiker auf die Tagesordnung zu setzen. Und eine gewisse Nähe zum Kriminellen-Milieu der Favelas wird ihm vorgehalten. Doch Gilberto Gil nennt die Kritik "systemimmanent", ein Minister werde grundsätzlich kritisiert. Seine musikalischen Verdienste sind hingegen unbestritten, er hat zwei Grammys erhalten und ist außerdem Träger des renommierten Polar-Musikpreises, den er 2005 "für sein unbeirrbares kreatives Engagement, der Welt Herz und Seele der reichen Musik Brasiliens nahe zu bringen", verliehen bekam. Das Album Fe Na Festa schließt nun einen Kreis: Es ist randvoll mit Forró, der akkordeonlastigen, quirligen Musik aus dem Nordosten Brasiliens, Gilberto Gils Heimat. Gil, inzwischen 68 Jahre alt, kehrt damit zu den Klängen seiner Kindheit zurück.



Autor: Luigi Lauer


TitelFe Na Festa
VertriebUniversal Jazz

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