Freitag, 12.03.2010
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Funkhaus Europa
World Wide Music
CD der Woche: LeTour 4
Bei der Verleihung der "Baguette d'or” für besondere Verdienste bei der Verbreitung frankophoner Popmusik in Deutschland, gibt es nur zwei Anwärter: Das kleine Kölner Label Le Pop Musik und der Musikjournalist und DJ Thomas Bohnet.
Beide haben in den vergangenen Jahren mit Samplern
die von angloamerikanischer Gitarrenmusik ausgehöhlten Gehörgänge,
mit frischem Pop à la francaise durchgespült und für
kontinuierlichen Nachschub an Talenten gesorgt.
Bohnet, der nur den vagen Verdacht hat, seine
Vorfahren seinen möglicherweise Hugenotten gewesen, sonst aber
keine wirkliche Erklärung für seine Frankophilie findet, wurde von
einer Kindheit in den Sechziger Jahren geprägt. Damals schwappte
gerade die erste große Welle mit französischer Popmusik durch
Deutschland, Francoise Hardy wurde von den Lesern der Bravo auf
Platz 2 der Beliebtheitsskala gewählt, France Gall war durch ihren
Sieg beim Grandprix mit "Poupée de cire, pupée de son" ein
Superstar, beide mussten aufgrund ihrer Popularität sogar
deutsch singen.
Bohnet wuchs unweit der französischen Grenze in
Freudenstadt auf und hat lange bevor der French Pop durch den
Erfolg von Air, Daft Punk und den Charme des Soundtracks von "Die
fabelhafte Welt der Amelie" wieder en Vogue kam, das richtige
Gespür gehabt. Er interviewte französische Künstler, schrieb
Reportagen über die französische Independant-Szene und
Plattenkritiken für die Süddeutsche Zeitung, Spex und andere
Magazine.
Anfangs konnte er nicht einmal Französisch, diesen
Zugang, der zuerst auf die Musik schielt und dann erst auf den
Text, hat er bis heute beibehalten. Seit dem Jahr 2000 zielt Bohnet
noch viel direkter auf ein Publikum, das Spaß an frankophoner Musik
hat und stellt sich regelmäßig an die Plattenteller. Einmal
monatlich im Café der Muffathalle in München und im Roten Salon der
Volksbühne in Berlin, legt er von French Ska über Nouvelle Chanson
bis Elektro-Pop alles auf, was Frankreich an Tanzbarem
hergibt.
"Tour de France" heißen die Clubabende, die inzwischen quer durch die Republik stattfinden, der Name ließ sich aus rechtlichen Gründen nicht auf die Sampler übertragen, die der DJ seit 2003 herausgibt. Also heißen seine Compilations "LeTour": "In Frankreich sagt sowieso kein Mensch Tour de France, die sagen Le Tour, wenn sie von ihrem geliebten Radrennen sprechen," sagt Bohnet grinsend.
Hießen die ersten beiden CDs noch im Untertitel "The
Best in French Alternative Music", setzte der Connaisseur bei
LeTour 3 vor allem auf Pop-Mademoiselles wie Anais, Pauline Croze
oder Dobacaracol.
"LeTour 4" ist schon allein deshalb anders, weil der Sampler mehr Entdeckungen und Überraschungen enthält und etliche Songs, die noch nicht oder bislang nur auf obskuren, kaum erhältlichen Tonträgern veröffentlicht wurden. Bohnet hat alle Stücke an seinen Versuchskaninchen, den Tänzern und Tänzerinnen getestet, d.h. der Großteil der Songs ist partytauglich und hat nichts mit dem Minimalismus im aktuellen Chanson zu tun, wie ihn beispielsweise Camille zelebriert.
Benjamin Biolay hat den Vortritt, er ist Bohnets
Lieblingsfranzose, allerdings auch einer der wenigen Big Names des
Samplers. Andere bekannte Namen tauchen mit weniger bekannten
Projekten auf, Olivier Libaux, die eine Hälfte von Nouvelle Vague,
mit einem Song seines Musicals "Imbécile", Mickael Furnon, der
Sänger der Band Mickey 3D mit seinem Solo-Projekt Mick es tout seul
und Lux B. und Gari Greu, die beiden MCs des Massilia Sound System
toben sich unter dem Namen Oaistar aus. Rock
(Dionysos), Ska-Hip Hop-Dub-Chanson (Mouss &
Hakim), French Country (Poney Express), Elektro-Pop mit
Punkattituede (Pravda), Chanson-Marshmellows (Renan Luce), Hip Hop
mit Karibik-Flair und Latino-Schlagseite (La vieille école), Bohnet
hat sich beim Zusammenstellen keine Handfesseln angelegt. Und dabei
einige wunderbare Pop-Bastarde wie "Train Grande Vitesse" von
Electrique zutage gefördert.
Das britisch-holländische Duo hat den sinnlichen "pampampadam".-Singsang, der auf französischen Bahnhöfen einer Zugansage vorausgeht, zur Soundbasis ihres Songs gemacht. Ähnlich genial, was der Elektroniker Pascal Houpert alias Minimatic alias Boogalox aus dem Serge Gainsbourg-Klassiker "Chez les yé-yé" zaubert. Dass der Pate des französischen Chansons auftauchen muß ist klar, auf "LeTour 4" tut er es gleich zweimal. Das bislang völlig unbekannte Duo Mademoiselle Olivier erzählt in "Initials SG" die Geschichte des Gitane-rauchenden Snobs, zitiert damit nicht nur "Initials BB", die Gainsbourg-Hommage an Brigitte Bardot, sondern liefert auch eines der schönsten Chansons der Compilation.
Autor: Anna-Bianca Krause
| Titel | LeTour 4 |
|---|---|
| Land | Frankreich |
| Vertrieb | Local Media / ALIVE |
| Bestellnummer | loc 030/LC 11784 |
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