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Der Persönliche Gast

Lena Gorelik

Romanautorin, die nicht mehr dankbar sein will

Sendung vom 19. September 2012

"Sie sprechen aber gut Deutsch!", dieses Lob mag Lena Gorelik nicht mehr hören. Weil die preisgekrönte Romanautorin auf Lesungen immer wieder die Erfahrung gemacht hat, mehr als Migrantin denn als Autorin wahrgenommen zu werden, hat sie jetzt ein sehr persönliches Buch geschrieben. Der passende Titel: "Sie können aber gut Deutsch! Warum ich nicht mehr dankbar sein will, dass ich hier leben darf, und Toleranz nicht weiterhilft."

Lena Gorelik; Markus Gruber Bild vergrößern

Lena Gorelik

In ihrem Buch beschreibt sie ihre Kindheit Anfang der 90er-Jahre in einer schwäbischen Kleinstadt. Dort war sie mit ihrer russisch-jüdischen Familie zufällig gelandet, nachdem sie kurz zuvor als "Kontingentflüchtling" nach Deutschland kam. Als Elfjährige wollte Lena Gorelik mit ihrer russischen Frisur, den russischen Pausenbroten und den Schulheften aus Russland nicht auffallen. Um möglichst "deutsch" zu sein blondierte sie sich die Haare, schmierte sich die Pausenbrote so, wie die anderen Kinder sie hatten und vermied es, ihre Mitschüler nach Hause einzuladen, denn ihr Zuhause war anfangs ein Asylbewerberwohnheim.

Zwanzig Jahre später wird Lena Gorelik häufg als Beispiel für "gelungene Integration" vorgestellt. Doch sie will nicht als Vorzeigeausländerin herhalten - wie ein gut dressiertes Tier im Migrantenzoo, das gelernt hat, akzentfrei deutsch zu sprechen und Goethe zu zitieren, wie sie schreibt. Bissig und schonungslos kritisiert sie die Integrationsdebatte, die ganzen Gruppen von Menschen das Recht aberkennt, schon längst dazuzugehören. Als Beispiel führt sie den Integrationspreis auf, der zum Beispiel im Jahr 2010 an den Fußballnationalspieler Mesut Özil verliehen wurde, aber letztendlich nur aussagen würde, dass er doch nur ein Beinahe-Deutscher sei, sonst bräuchte er ja keinen Integrationspreis.


Realistische Perspektive auf unsere Gesellschaft

In ihrem Buch beschreibt Lena Gorelik viele nachdenklich machende Situationen, die sie auf Lesereisen oder bei ihren Schreibwerkstätten an Schulen beobachtet hat. Sie berichtet von Lehrern, die nicht hinter dem Berg halten, wie wenig sie ausländischen Schülern in der Klasse zutrauen. "Ach das werden die nicht schaffen, die können ja noch nicht mal richtig Deutsch," bekommt sie vor einer Schreibwerkstatt an einer Hauptschule zu hören. Ein anderes Mal kritisiert ein Lehrer ein literarisch talentiertes Mädchen ausschließlich für ihre Rechtschreib- und Grammatikfehler und gibt ihr zu verstehen, dass sie erst einmal richtig Schriftdeutsch lernen müsse, bevor sie es wagen könne, schreiben zu wollen. Das entmutigte Fazit der Schülerin: Ich kann nicht schreiben, ich bin ja nur Ausländerin.

Mit ihrem Buch will Lena Gorelik der Problem-Sicht auf Migranten eine realistischere Perspektive auf unsere Gesellschaft entgegenhalten. Denn eigentlich ist das Zusammenleben von Einheimischen und Zuwanderern längst Normalität: Es ist normal, dass Migranten und deren Kinder gut Deutsch sprechen und nichts, wofür man sich beklatschen lassen muss. Am liebsten wäre es Lena Gorelik also, ihr neuestes Buch würde im Mülleimer landen, weil es im Grunde genommen überflüssig geworden ist. So wie man ein Mathebuch entsorgt, wenn man das Einmaleins schon längst beherrscht.
(Rebecca Roth)



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