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Thema

Schönheits-OP mit dem Bagger

Stadtentwicklung in Istanbul

Sendung vom 05. Oktober 2012

Gentrifizierung - das sperrige Wort steht für eine weltweite Modeerscheinung: Meist arme, aber zentral gelegene Viertel werden im Rahmen von Strukturprogrammen abgerissen, neu aufgebaut oder aufgehübscht. Aktuelles Beispiel ist das historische Viertel Tarlabasi in Istanbul. Bisher war es vor allem Heimat von zugezogenen Kurden und Roma. Ihre Häuser müssen weichen, für Fünf-Sterne-Hotels und Shoppingmalls.

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Schönheits-OP mit dem Bagger

Beitrag von Luise Sammann

(05.10.12), 3'43


Bis vor kurzem noch spielten Kinder in den Gassen von Tarlabasi, alte Männer saßen rauchend in ihren Teehäusern, Wäsche baumelte an langen Leinen über der Straße. Jetzt herrscht Ruhe. Ganze Straßenzüge sind bereits an die Baufirma verkauft, die Tarlabasi in den nächsten Monaten von einem Schmuddelviertel in einen Edelstadtteil verwandeln soll. Dass im Vorstand dieser Baufirma der Schwiegersohn von Ministerpräsident Erdogan sitzt, gehört zu den pikanten Details der buchstäblichen Umwälzungen in Tarlabasi.

Die bisherigen Einwohner wie Ahmet Gül sehen mit ihren Häusern ihre Altersvorsorge und die Zukunft ihrer Familien wegbrechen. Denn die Entschädigungszahlungen reichen wohl kaum für eine neue Existenz. "Die Angebote der Baufirma waren einfach lächerlich - vielleicht 10 Prozent des Marktwertes. Es hieß: Entweder ihr verkauft zu diesem Preis, oder wir nutzen unser Recht zur 'dringenden Verstaatlichung'", erzählt der 60-Jährige.


Scheinheilige Argumente

Süleymaniye-Moschee Istanbul; Rechte: dpa Bild vergrößern

"Würde man die berühmte Süleymaniye-Moschee abreißen, weil sie nicht erdbebensicher ist?"

Grundlage des Ganzen ist das türkische Gesetz 5366. Darin ist von Sicherungsmaßnahmen gegen Erdbeben die Rede und vom Schutz historischen Erbes - Aspekte, die die Architektin Mucella Yapici für vorgeschoben hält. "Hier wird eine Gegend auf eine Art zerstört, die allen Abkommen zum Schutz des Weltkulturerbes widerspricht", sagt sie. Auch in Punkto Erdbebenschutz hat sie ein Gegenargument: "Heutzutage gibt es doch längst Techniken um Gebäude zu stärken. Die muss man eben nutzen, gerade in historischen Vierteln. Würde vielleicht einer die berühmte Süleymaniye-Moschee abreißen und sagen, sie war eben nicht erdbebensicher?"

Dabei spricht sich Mucella Yapici nicht grundsätzlich gegen die Erneuerung von Tarlabasi aus. Sie weiß, dass der Stadtteil nicht nur wegen seiner historischen Gebäude bekannt ist, sondern zuletzt vor allem wegen Drogenhandel und Prostitution - dass das vor sich hingammelnde Viertel also in vieler Hinsicht eine Erneuerung nötig hat.


Vorbild Berlin?

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Interview

Natalie Akbari im Gespräch mit dem Stadtsoziologen Dr. Andrej Holm

(05.10.12), 5'11

Als "unheilvolles Zusammenspiel" bezeichnet der Stadtsoziologe Andrej Holm das, was hinter den Kulissen der Gentrifizierung in Tarlabasi steht: die Verbindung zwischen dem Profitinteresse privater Investoren und dem Interesse des Staates, ein heruntergekommenes Viertel aufzuwerten. Berlin ist für ihn ein Beispiel, wie es anders gehen kann: "In den 80er und 90er Jahren gab es in Berlin eine 'behutsame Stadtentwicklung', da standen die Bewohnerinteressen sehr stark im Vordergrund", sagt er im Interview mit Funkhaus Europa.

Den aktuellen Trend in der deutschen Hauptstadt sieht Holm allerdings mit gemischten Gefühlen: Wenn es so weitergehe wie in jüngster Zeit, "wird die Berliner Innenstadt bald kein Platz mehr für die Ärmeren und kein Platz für subkulturelle Experimente sein." Andererseits könnten sich internationale Investoren in Berlin nicht beliebig breit machen, sondern träfen immer mehr auf den Widerstand der Bewohner - "und wie diese Auseinandersetzung ausgeht, bleibt offen."
(Luise Sammann/Regina Mennig)





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