Sonntag, 26.05.2013
Sie befinden sich hier:
WDR.de
Funkhaus Europa
Themen
"Aufstand der Zeichen"
Sendung vom 15. August 2012
Für die einen ist es Sachbeschädigung, für die anderen eine künstlerische Intervention im urbanen Raum. Und was ist mit dem Ego der Sprayer? Schließlich kam es schon bei Joseph Kyselak, dem ersten Tagger, vor gut 200 Jahren darauf an, seinen Namen an möglichst vielen Orten zu sehen. Christian Werthschulte hat sich in der Welt der gesprayten und gemalten Schriftzüge umgesehen.
Sebastian Filipowski im Gespräch mit Christian Werthschulte, Funkhaus Europa-Reporter (15.08.12), 3'13
Wer mit dem Auto über die B1 durch Dortmund fährt, kennt den Schriftzug schon seit Jahren. "Masone Shark" steht auf das oberste Stockwerk eines 60m hohen ehemaligen Brauerei-Lagerhauses geschrieben. Es ist das Pseudonym eines Sprayers und er hat geschafft, wonach die meisten Sprayer und Tagger streben: Sein Pseudonym ist sichtbar.
Sebastian Filipowski im Gespräch mit Tim Gerrit Köhler, Funkhaus Europa-Korrespondent in Wien (15.08.12), 4'05
Aus diesem Grund findet sich Graffiti auch an Zügen, entlang von Bahnstrecken oder auf Autobahnbrücken. Je sichtbarer und aufwändiger, desto größer der Respekt von anderen Sprayern, auf den es ankommt. Graffiti und Tags sind eine Art Katz-und-Maus-Spiel im öffentlichen Raum. Die einen sprayen, die anderen putzen. Und um zu gewinnen, wird aufgerüstet: Waggons z.B. kann man mit Graffiti-resistenter Farbe lackieren, die Tagger reagieren darauf, indem sie ihre Tags in die Fensterscheiben ritzen.
Jean Baudrillard hat dieses Spiel schon Mitte der 1970er Jahre begriffen. Damals bezeichnete der französische Theoretiker der Postmorderne Graffiti als "Aufstand der Zeichen". Seiner Meinung nach besteht eine Stadt zuerst aus einer durchstrukturierten Ordnung von austauschbaren Zeichen, z.B. der Architektur von Einkaufszentren. Tags und Graffiti stören diese Ordnung. Die Pseudonyme der Sprayer behaupten ein "Ich", das Baudrillard als "leer" bezeichnet — es steht nicht für ein "volles" Individuum, es symbolisiert keine politische Bewegung, sondern signalisiert maximal noch Gruppenzugehörigkeit.
Graffiti als öffentliche Kunst zu begreifen, neutralisiert laut Baudrillard diesen "Aufstand der Zeichen". Schon alleine, weil der Kunstmarkt Störungen in seinem Sinne nutzen kann und sie in seine eigenen Räume — Ateliers, Galerien — übersetzt und damit aus dem urbanen Raum löst. Und Kunst wird auch im öffentlichen Raum geduldet. Die eigentlich illegalen Stencils von Banksy sind mittlerweile eine Touristenattraktion, so dass sie, z.B. wie in Brighton, mit einer Glasplatte geschützt werden.
Diesen Status erreicht Graffiti nur selten. Zwar werden immer wieder Flächen zur Verfügung gestellt, die legal besprüht werden dürfen, aber das soll in der Regel der Eindämmung des "wilden" Graffiti dienen. Rechtlich ist die Lage eindeutig. Graffiti und Tagging sind illegal und können zur Anzeige gebracht werden. Aber das wird nicht überall gleich gehandhabt.
In Köln gibt es die "Kölner Anti-Spray-Aktion", ein Zusammenschluss aus Hausbesitzern, die zusammen mit dem Ordnungsamt gegen Graffiti vorgehen will. Gleichzeitig wird Graffiti z.B. in U-Bahn-Stationen schnell, meistens am gleichen Tag, wieder entfernt. Dahinter steckt die sog. "Broken-Windows-Theorie", die sozialwissenschaftlich stark umstritten ist, aber eine großen Einfluss auf Stadtverwaltungen und Polizei hatte. Nach dieser ist Graffiti ein Indikator des Niedergangs eines Viertels. Lässt man Graffiti zu, steigt die Kriminalität und die Mieten fallen.
Von daher ist Graffiti auch überwiegend dort präsent, wo man aus sehr pragmatischen Gründen tolerant gegenüber den Sprayern ist. Die Stadt Dortmund, die sich seit Jahren in der Haushaltssicherung befindet, kann nicht die Mittel aufbringen, sich überall um die Entfernung von Graffiti zu kümmern. Gleichzeitig laden die vielen Industriebrachen zum Sprayen ein. Aus diesem Grund gilt Dortmund zusammen mit Berlin als eine der Graffiti-Hauptstädte Deutschlands.
(Christian Werthschulte)
Der WDR ist nicht für die Inhalte fremder Seiten verantwortlich, die über einen Link erreicht werden.