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"Vaterland, Sozialismus oder Tod"

Die Hochhausinvasoren von Caracas

Sendung vom 20. Juli 2012

Ursprünglich sollte der "Turm von David" ein Kreditinstitut beherbergen. Inzwischen haben ihn die "Chavistas" übernommen, Anhänger des linken Präsidenten Hugo Chávez. Die neuen Bewohner sind froh, dass sie den wild wuchernden Unterschichtenvierteln am Rande der venezolanischen Hauptstadt entkommen sind.

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Niko Aslanidis im Gespräch mit Thomas Wagner, Funkhaus Europa-Reporter

(20.07.12), 3'13


Spricht man mit Alexander Daza, wird man das Gefühl nicht los, vor einer verkleinerten Version des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez zu sitzen. Dieselben markigen Parolen, dieselbe Kritik am Klassenfeind in Washington, obwohl dieser der wichtigste Abnehmer venezolanischen Öls ist.

Daza ist 33 Jahre alt, er hat einen mit militärischem Kurzhaarschnitt und kräftigen Oberarmmuskel. Als er für einige Zeit im Gefängnis saß, fand er zu Christus und zu Chávez. An der Spitze von 200 Familien besetzte Daza an einem Samstagabend im Oktober 2007 einen leerstehenden Wolkenkratzer im Zentrum der venezolanischen Hauptstadt Caracas.


Nach der Finanzkrise kamen die "Chavistas"

Die Themenwoche

45 Stockwerke ragt der "Turm von David", wie die Venezolaner das Hochhaus nennen, in den Himmel. Seine löchrige Innenseite aus unverputztem Beton verschwindet im Schatten, so als ob keiner sehen sollte, dass sie nie fertig gestellt wurde. Vom Helikopterlandeplatz auf dem Dach scheint der Ávila, die grüne Bergkette im Norden der venezolanischen Hauptstadt, nur einen Steinwurf entfernt.

Ein Bankier namens David Brillembourg hatte sich den Bürokomplex mit der zwölfstöckigen Hochgarage und einer Veranstaltungshalle ausgedacht. Es sollte der Sitz seiner Banco Metropolitano sein, die Anfang der 90er Jahre in den Strudel einer nationalen Finanzkrise geriet. 1993 starb Brillembourg an Krebs. Er hinterließ das Kreditinstitut, das ein Jahr später pleite ging - und das halb fertige Hochhaus.

Heute ist Daza der unbestrittene Chef in dem Hochhaus: Der evangelikale Pastor führt eine Gruppe militanter Chavistas, die bestimmt, wer aufgenommen wird in die Gemeinschaft der Hochhausinvasoren. Was der Präsident für sein Volk wolle, das habe seine Gemeinschaft schon erreicht. "Bei uns gilt 'Patria, socialismo o muerte - Vaterland, Sozialismus oder Tod'", zitiert Daza eine von Chávez' Lieblingslosungen.


Wachmänner mit Baseballmütze und Bibel

Bis zum 28. Stockwerk haben sich die Hochhausinvasoren mittlerweile vorgearbeitet. Erkennbar ist das an den weißen Satellitenschüsseln und der bunten Wäsche, die über die Brüstungen hängt. Vor dem Parkhaus steht ein Lastwagen, der Trinkwasser in blauen Zehn-Liter-Kanistern anliefert. Ein etwa 20-jähriger junger Mann mit Baseballmütze sitzt mit einer Bibel in der Hand vor einem Wächterhäuschen. Dazas Männer bewachen alle Ein- und Ausgänge. Fremde haben keinen Zutritt. Auch die Polizei macht einen weiten Bogen um das Gelände, sagen Nachbarn.

Es ist ein Querschnitt durch Venezuelas Unter- und Mittelklasse, der durch die weiß gestrichene Metalltür am Haupteingang läuft. Viele der Hausbesetzer gehen einer regulären Arbeit nach, selbst Bankangestellte sind unter ihnen. Andere haben in ihren Wohnungen kleine Geschäfte eröffnet: Kioske, Friseursalons und Internetcafés.


Hauptsache raus aus den Armenvierteln

Der "Turm von David" wurde nicht dafür konzipiert, Menschen über einen längeren Zeitraum zu beherbergen. Vor einiger Zeit fiel ein junges Mädchen aus einem der oberen Stockwerke in die Tiefe, weil der Bauherr die Wände zum Innenhof nicht beendet hatte. Die meisten Bewohner zogen daraufhin eine Brüstung am Abgrund hoch. Die Ziegel schleppten sie zu Fuß, denn die Fahrstühle funktionieren nicht. Immer wieder fällt das Licht aus.

Doch ziehen es selbst Dazas Kritiker vor, unter der Aufsicht des Mini-Chávez zu wohnen, statt in die wild wuchernden Unterschichtviertel am Rande von Caracas zurückzugehen. Jene Bezirke, in denen bewaffnete Jugendbanden die Bewohner terrorisieren und die Leute morgens um vier Uhr losfahren müssen, um nach drei Stunden im Stau pünktlich auf der Arbeit anzukommen. Dazu kommt, dass schätzungsweise vier Millionen Wohnungen in ganz Venezuela fehlen.

Vielleicht braucht es in so einem Land, in dem der Staat keine Lösungen anbietet und die Anarchie jeglichen Versuch der Ordnung erstickt, auch so einen wie Daza. Einen, der der fehlenden Staatsgewalt seine eigene Ordnung entgegensetzt.
(Thomas Wagner)





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