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Filmtipp

Miss Bala

Authentisches Schlachtengemälde des Drogenkrieges

Sendung vom 18. Oktober 2012

Filme aus Südamerika haben in den letzten Jahren zunehmend auf sich aufmerksam gemacht. "City of God", "Amores Perros", "Sin Nombre" - um nur einige gute Beispiele zu nennen. Alle handwerklich auf hohem Niveau, waren sie immer auch extrem sozialkritisch. Jetzt kommt ein neuer Film in die Kinos, der gut in diese Reihe passt: "Miss Bala" beschreibt die Spannungen, mit denen Mexiko seit einigen Jahren kämpft.

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Beitrag von Ravi Karmalker, Filmexperte

(18.10.12), 3'41


Laura ist schön. Und arm. Sie lebt in einem trostlosen mexikanischen Städtchen, einen Steinwurf von der US-Grenze entfernt. Auf einem Trümmerfeld, in einer Bruchbude, zusammen mit ihrem Vater. Ihrem zehnjährigen Bruder will sie gerne einen Schulaufenthalt zahlen, aber dafür braucht sie Geld. Das könnte sie gewinnen, wenn sie Miss Baja California wird, die neue Schönheitskönigin.

Das könnte gelingen. Laura ist schlank, braune lange Haare, große braune Augen. Da stört auch das schmuddelige Kleid aus Polyester nicht weiter. Laura schafft die Vorrunde. Bald schon darf sie um den Titel der Miss Baja California antreten. Doch eines Abends in einer Disco gerät sie in eine Schießerei. Eine Bande will Rache an den mexikanischen Polizisten üben, die sich zu dröhnender Musik mit ein paar Mädchen vergnügen.

Glück im Unglück: Laura überlebt. Pech allerdings: Sie hat bei der Schießerei den Chef der Bande gesehen. Als sie Anzeige erstatten will, liefert die Polizei Laura kurzerhand bei den Mafiosi ab. Dass Laura nicht sofort umgebracht wird, liegt einzig und allein daran, dass der Bandenchef noch etwas mit ihr vorhat.


Wer ist gut, wer ist böse?

Filmplakat: Laura (Stephanie Sigman) mit Händen hinter dem Kopf bekommt Geldbündel um den Bauch gebunden; 20th Century Fox Bild vergrößern

von Gerardo Naranjo

Und so beginnt das Doppelleben der Laura. Schönheitskönigin und Drogenkurierin. Dabei ist die junge Laura eine von vielen, die in den mexikanischen Drogenkrieg hinein gezogen werden. Seitdem die mexikanische Regierung 2006 den Drogenkartellen den Kampf ansagt hat, sind knapp 40.000 Menschen gestorben. 50.000 schwerbewaffnete Polizisten stehen etwa 300.000 Söldnern der Drogenkartelle gegenüber. Ein Land im Ausnahmezustand. Keiner ist mehr sicher. Nirgendwo. Das ist schon lange aus den Nachrichten bekannt, aber erst "Miss Bala" trägt dieses wunde Lebensgefühl mit einer Wucht an uns heran, wie es sehr wahrscheinlich nur das Kino vermag.

Der Film wirkt dabei wie die Antithese zu 08/15-Actionstreifen. Kein Feuerwerk aus schnellen Schnitten und schrillen Effekten. Regisseur Gerardo Naranjo vertraut dem Inhalt und seinen Darstellern. Fast schon dokumentarisch erzählt er die Odyssee der 23-jährigen Laura.

Anfangs sollte sie nur einen kleinen Job erledigen. Danach hätte man sie sehr wahrscheinlich abgeknallt. Aber im Chaos der Kampfhandlungen zwischen Polizei und Drogenbanden wird sie zufällig zu einer Schlüsselfigur. Wer ist hier noch gut, wer böse? So wie die Grenzen zwischen Polizei und Gangstern immer mehr verschwimmen, wird auch Laura immer mehr vom Opfer zur Täterin. Moral: Wenn du um dein Leben kämpfst, wirst du womöglich selbst töten.


Hölle auf Erden

Szene: Laura (Stephanie Sigman) sitzt mit gesenktem Kopf auf der Rückbank eines Autos und hat eine Rolle Geld in ihrer Hand; auf dem Beifahrersitz ein Mann ihr zugewandt; 20th Century Fox Bild vergrößern

Mitten im Drogenkrieg

Wo ist die Lösung? Regisseur Gerardo Naranjo liefert darauf keine Antworten. Aber mit den wie aus dem Leben gegriffenen Darstellern, einer realistischen Kamera, einem brachialen Soundmix, der unter die Haut geht, setzt er ein Statement: Mexiko heute ist die Hölle auf Erden. So kann es nicht weiter gehen.

Ein sozialkritischer Ansatz, und nicht zuletzt eine spannende Geschichte, die unter anderem auf den Filmfestspielen in Cannes bejubelt wurde. Zudem bekam "Miss Bala" eine Oscar-Nominierung für den besten fremdsprachigen Film. Dass die Jury sich letztlich nicht zur Verleihung des Oscars durchringen konnte, könnte auch einem schlechten Gewissen geschuldet sein. Denn wie weit die USA den chaotischen Drogenkrieg in Mexiko noch mit anheizen, das wird in "Miss Bala" mit nur einer kleinen Nebenszene - wo die Grenzen zwischen good Cop und bad Cop verschwimmen - angedeutet. Aber auch die hat, wie alles in diesem Film, eine ungeheure Wucht.
(Ravi Karmalker)


Filminfos

Miss Bala
Originaltitel: Miss Bala (Mexiko 2011), Krimi/Drama/Thriller, 113 Minuten

Regie
Gerardo Naranjo

Schauspieler
Stephanie Sigman, Juan Carlos Galván, Noé Hernández, Irene Azuela, Javier Zaragoza, Lakshmi Picazo, Jose Yenque, James Russo u.a.





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