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Der Chef
Sendung vom 16. Juli 2012
Der Regisseur Jean-Pierre Melville wurde in seiner Heimat Frankreich lange Zeit nicht beachtet. Mittlerweile hat man ihn aber wiederentdeckt und viele seiner Filme gelten als Meisterwerke. So erging es auch "Der Chef" von 1972, der jetzt erstmals auf DVD erscheint.
Beitrag von Francesco Tornabene, Filmexperte
(16.07.12), 3'31
Es gibt Bilder und Töne, die brennen sich auf ewig ein ins Gedächtnis von Filmliebhabern. Der französische Meisterregisseur Jean-Pierre Melville hat viele solcher Szenen geliefert. Nehmen wir allein den Anfang von "Der Chef". Wir sind in einem Badestädtchen an der Atlantikküste. Die Straßen sind leer, die Ferienwohnungen-Betonburgen am Strand sehen verbarrikadiert aus, alles ist in ein kaltes blaues Licht getaucht. Selten ist einem Regisseur eine so treffende Metapher für Einsamkeit und Isolation gelungen. Und genau darum geht es auch in diesem Film.
Vier Gangster machen sich auf den Weg, um in dieser verlassenen, seelenlosen Welt eine Bank zu überfallen. Auch der Titelheld Kommissar Edouard Coleman ist gerade mit seinem Dienstwagen unterwegs. Er ermittelt in Paris, und wie er das macht, verdeutlicht schnell, dass sich Polizisten und Verbrecher in diesem Film nicht wirklich unterscheiden. Der Kommissar, eine Paraderolle für Melvilles Lieblingsschauspieler Alain Delon, könnte genauso zu der Bande gehören, die die Bank überfallen hat. Melville, der das amerikanische Kino sehr liebte, liefert mit der Figur des Eduard Coleman eine Art französischen Dirty Harry, einen einsamen, eiskalten Todesengel, für den nur drei Dinge zählen: Musik, die Freundschaft mit dem Nachtclubbesitzer Simon und die Affäre mit Simons Frau Cathy.
Am Anfang weiß Coleman noch nicht, dass Simon ein Gangster ist. Simon hat den Banküberfall in dem Küstenort geplant und ausgeführt und er plant nun seinen größten Coup, den Melville in einer ruhigen, fast zwanzig Minuten langen Sequenz minutiös inszeniert. Für Ungeduldige ist das nichts, aber Melville zeigt nunmal, dass Verbrechen harte Arbeit sind. Und er zeigt noch etwas anderes: "Fast alle Schauspieler tragen Trenchcoats und Hüte," erzählt das damalige Skript-Girl Florence Moncorgé-Gabin, die Tochter des berühmten Schauspielers Jean Gabin im kurzen aber hervorragenden Bonusmaterial der DVD. "Sie ähneln amerikanischen Figuren wie in den Filmen der 40er-Jahre mit Humphrey Bogart oder Henry Fonda. Es ist eine ganz eigene Welt."
Melvilles Filme entführen immer in eine ganz eigene Welt. So rein in der Stilisierung, perfekt in der ästhetischen Bildkomposition hat Melville sein düsteres Universum verlorener Seelen aber selten inszeniert. "Melville hat mit dem Film etwas Visionäres geschaffen", meint in den Extras zu Recht Jean-Francois Delon, der Bruder von Alain Delon, der Melvilles Regieassistent war. Die Künstlichkeit und Vollkommenheit seiner Vision unterstreicht Melville mit Szenen, die ganz offensichtlich im Studio entstanden sind. Das nimmt dem Krimi aber keineswegs die Spannung, sondern unterstreicht eine ungewöhnliche Filmerfahrung. Delon-Fans sollten "Der Chef" ohnehin nicht verpassen. Wo sonst sieht man den eiskalten Engel mal als Polizisten?
(Francesco Tornabene)
Der Chef
Originaltitel: Un Flic (Frankreich / Italien 1972), ca. 95 Min.
Regie
Jean-Pierre Melville
Schauspieler
Alain Delon, Richard Crenna, Catherine Deneuve, Michael Conrad, Riccardo Cucciolla, Simone Valere, Paul Crauchet u.a.
Bildformat
Widescreen (1.85:1 - anamorph)
Tonformat
Dolby Digital 1.0 in Deutsch
Dolby Digital 1.0 in Französisch
Untertitel
Deutsch
Bonusmaterial
Interview mit Film Team
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