Dienstag, 18.06.2013
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Geschichten in der Ferne
Sendung vom 31. Oktober 2012
Ab in die Welt! - so kann man zwei Debütromane jüngerer deutscher Autoren lesen: Jan Sprenger hat sich für Kirgisien entschieden, Andreas Stichmann führt seine Heldin in den Iran.
Jonas ist unterwegs, in Kirgisien, und fast könnte man meinen, er sei auf der Flucht: Der junge Mann von vielleicht Mitte 20 reist alleine; zwar lässt er sich hier und da auf Begegnungen mit anderen Reisenden ein, wird eine "Beziehung" aber auch nur einen Hauch zu verbindlich, ist Jonas schon wieder weg.
Bis er auf Olga trifft, die noch verschlossener und merkwürdiger ist als er selbst. Olga übt einen merkwürdigen Reiz auf Jonas aus, mit einem Mal sehnt er sich nach Nähe. Aber die Ukrainerin ist in der Hinsicht eine ziemlich harte Nuss.
Jan Sprenger, geboren 1978, zurzeit Deutschlehrer in China, bringt die beiden mit Camille und Roger zusammen, einem französischen Paar; später stößt noch die Österreicherin Uta dazu. Ein Figurenarsenal mit Konfliktpotential. Und so neurotisch die Protagonisten dieses Generationsportraits reisender Mittzwanziger sich in Beziehungsangelegenheiten verhalten, so illusionslos zeichnet Sprenger die Gefilde, in denen sie unterwegs sind.
Von Reiseromantik ist hier wenig zu spüren, eher von der Lust des Blicks auf die Absurdität des Seins. Dass man - wie Jonas - im Verlauf so einer Reise auf merkwürdige Weise trotzdem wenigstens ein Stück weit zu sich finden und erwachsen werden kann, ist davon unbenommen.
Ana ist weg. Einfach nicht mehr da, ohne ein Wort verschwunden. Vermutlich, so glauben Rupert und Robert, ist sie im Iran, um da ihre Mutter zu suchen, die als Kommunistin im Untergrund lebt. Ana hat ihre Mutter nicht mehr gesehen, seitdem sie ein kleines Kind war; auf der Flucht haben sie und der Vater die Mutter verloren, seither trinkt er.
Weil es immer Anas großer Traum war, kann es gar nicht anders sein, als dass sie unterwegs ist, im persischen Untergrund. Weil Rupert Ana liebt, kann er nicht anders, als ihr nach zu reisen, um sie zu suchen. Und weil Robert Ruperts bester Freund ist, kommt er mit.
Was die beiden dann dort erleben, ist sehr abenteuerlich: Sie schlafen in einer Lehmhütte, sie meditieren mit einem Derwisch in der Wüste, sie werden von einem alternden General an der Nase herum geführt, sie haben Agenten auf den Fersen. Am Schluss finden sie wenigstens das Grab von Anas Mutter - oder auch nicht, so genau kann man das nicht sagen. Und Ana selbst? Tja, wenn man das wüsste, möglicherweise ist sie ganz wo anders.
Abenteuerlich ist auch, wie Andreas Stichmann, geboren 1983, seine flirrende, glänzende Geschichte umsetzt: Die Story ist gewitzt und immer wieder überraschend montiert, die sprachliche Kraft begegnet dem Irrwitz der erzählten Abenteuer auf Augenhöhe, die beiden Helden sind Typen mit Potential. Klasse Debüt, absolut lesenswert - "Das große Leuchten" ist ein echter Wurf.
(Ulrich Noller)
Jan Sprenger: Kirgistan gibt es nicht
Rowohlt Berlin, 2012; ISBN 978 3 871 347 504; 18,95 Euro
Andreas Stichmann: Das große Leuchten
Rowohlt, 2012; ISBN 978 3 498 063 900; 19,95 Euro
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