Samstag, 25.05.2013
Sie befinden sich hier:
WDR.de
Funkhaus Europa
Service
Philippe Besson und Zoë Beck
Sendung vom 01. August 2012
Im Zeitalter der Globalisierung herrscht mittlerweile auch grenzenlose Krimi-Freiheit: Gewitzte Autoren bedienen sich ganz einfach der Tradition, die ihnen gerade gut ins Konzept passt. Die Beispiele "Venice Beach" und "Das zerbrochene Fenster" belegen: das funktioniert.
Ein Stricher wurde ermordet. Das ist eigentlich kein sonderlich Aufsehen erregender Fall. Allerdings findet sich in seinem Notizbuch eine ganz besondere Telefonnummer, die von Jungschauspieler Jack Bell, dem angesagtesten Newcomer Hollywoods.
Was den namenlosen Mordermittler, der diese Geschichte erzählt, auch nicht weiter berühren würde; schließlich gibt es wichtigeres, zum Beispiel seine schwangere Frau und die ersten Bewegungen des Babys. Dann muss der Polizist dem Schauspieler einen Routinebesuch abstatten, und ab dem Moment ist alles anders: etwas explodiert in ihm, er wird gepackt, er verliert den Halt, er findet die Liebe seines Lebens.
Raffiniert, wie der Franzose Philippe Besson, geboren 1967, die Tradition des amerikanischen Polizeiromans nutzt, um von einer heftigen Amour fou und von der immer wieder unfassbaren Kraft der Liebe zu erzählen. Dass ein Ermittler sich mit einem bzw. eher: einer Verdächtigen einlässt, ist ja ein bekanntes Erzählmoment in der Kriminalkultur. Wie Philipp Besson diesen Moment variiert, um den Fall, die Geschehnisse, die Ermittlungen, einfach alles aus der Perspektive der unabänderlichen Leidenschaft zu betrachten, das hat es wirklich in sich. Heftig!
Schottland, Schneetreiben, eine Villa, eine Tote: Lilian, die junge Witwe des kürzlich verstorbenen Medienmoguls Lord Darney, wurde ermordet. Cedric, der psychisch labile Sohn des Lords, der mit Lilian ums Erbe stritt, findet die Tote und gehört direkt zu den Verdächtigen.
Allerdings ist da auch noch eine Frau namens Philippa Murray, die zur Polizei kommt und behauptet, ihr vor sieben Jahren vermisst gemeldeter Freund Sean habe die Tat begangen. Keiner glaubt der Frau, die offensichtlich nie über ihr Verlassenwerden hinweg kam - außer Cedric. Sein Argument ist schlagkräftig: Kurz vor ihrem Ende hatte Lilian ihn angerufen und ihr Leben dahin hauchend ein Wort in den Hörer gestöhnt: "Sean ...".
Erstaunlich, wie die verschiedenen Ebenen schließlich zusammen finden; und klasse, wie Zoë Beck auf verschiedenen Zeitachsen und aus diversen Perspektiven dabei eine stringente Geschichte entwickelt und montiert. Die Berliner Autorin, geboren 1975, beweist mit "Das zerbrochene Fenster" endgültig, dass sie zu den interessantesten Krimiautoren des Landes gehört. Wie Zoë Beck britische Krimitraditionen als Echo anklingen lässt, entsprechende Lesererwartungen bedient und zugleich eine komplexe, psychologisch ausgefeilte Story aus dem Hier und Jetzt erzählt, das ist ziemlich beeindruckend. Die Kunst der Kriminalliteratur - Zoë Beck beherrscht sie aus dem Effeff.
(Ulrich Noller)
Philippe Besson: Venice Beach
Dtv premium, 2012; 14,90 Euro
Zoë Beck: Das zerbrochene Fenster
Bastei Lübbe, 2012; 8,99 Euro
Der WDR ist nicht für die Inhalte fremder Seiten verantwortlich, die über einen Link erreicht werden.