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Bestsellercheck September 2012
Sendung vom 12. September 2012
Der Krimi regiert die Welt. Zumindest die Welt der Bücher. Das sieht man sehr deutlich auf den Bestsellerlisten: Weit mehr als die Hälfte aller Erfolgstitel passt irgendwie zum Krimigenre. Mit steigender Tendenz. Diesen Monat sind Jussi Adler-Olsen, Juli Zeh und Volker Kutscher im Aufwärtstrend.
Früher gab es Heftchentrash und Groschenromane, heute gibt es Jussi Adler-Olsen. Ein Klischee jagt bei diesem Autor das andere, eine Plattitüde folgt der nächsten, und zwar so dick aufgetragen, dass es kracht.
So auch in "Verachtung", dem neuen Roman des Dänen, der den schlechten Beigeschmack, den seine Lektüre hinterlässt, zusätzlich mit einer hanebüchen angelegten Geschichte abzurunden weiß. Der Lohn für all das: Rang 1.
Direkt nach Erscheinen ist "Verachtung" an die Spitze der Verkaufslisten geschnellt und hat dabei sogar den bis dahin unschlagbar scheinenden Jonas Jonasson mit seinem "Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand" verdrängt.
Ein Psychothriller, der aus der Feder von Patricia Highsmith stammen könnte, so wirbt der Verlag für "Nullzeit", das neue Buch von Juli Zeh - und hängt damit die Erwartung ziemlich hoch. Eine Autorin derart selbstbewusst schon in der Ankündigung mit der Altmeisterin zu vergleichen, das will schon was heißen. Auf Formentera lässt Juli Zeh zwei Paare aufeinander treffen: Tauchlehrer Sven und seine Gefährtin Anja haben es für zwei Wochen mit Schriftsteller Theo und Schauspielerin Jola zu tun.
Zu Land und unter Wasser verwickeln sich die Vier schnell in irgendwelche krassen Psychospielchen, die einen von ihnen möglicherweise das Leben kosten könnten. Ein Generationenporträt, letztlich. Beeindruckend, wie Juli Zeh die Charaktere zeichnet, wie sie die Konflikte dramatisiert, wie sie das Setting der Insel und ihrer Natur zu nutzen versteht, um all das zu orchestrieren.
Einziger Makel dieses ansonsten grandiosen Romans: Wie fast alle Autoren der so genannten "Hochliteratur" meint auch Juli Zeh anscheinend, man komme in der Spannungsliteratur ohne Klischees nicht aus, die sie dann offensichtlich bewusst setzt. Schade drum, und einer Patricia Highsmith wäre das sicher nicht passiert.
Volker Kutscher ist in Deutschland derzeit der prominenteste Verfasser historischer Kriminalromane, und er ist damit erfolgreich. Kutscher hat es sich zum Ziel gesetzt, mit seinen Geschichten die 1920er- und 1930er-Jahre aufzuarbeiten, wozu er einen jungen Polizisten namens Gereon Rath von Köln nach Berlin versetzen ließ, dessen Fälle und Privaterlebnisse seither dazu dienen, die Zeitgeschichte um Rath herum zu erzählen.
"Die Akte Vaterland", Kutschers neuer Erfolgstitel, ist bereits der vierte Teil der Saga, und diesmal bekommt es Rath im Jahr 1932 mit einem merkwürdigen Fall zu tun, der ihn letztlich weit über die Stadtgrenzen hinaus bis nach Masuren führen wird: Im Aufzug des Vergnügungstempels "Haus Vaterland" wird ein Schnapslieferant gefunden - und zwar ertrunken.
Im Gegensatz zu den ersten drei Folgen der Reihe um Gereon Rath erzählt Volker Kutscher diesmal einen "kleineren", einen weniger spektakulären Fall - und das kommt seiner Geschichte sehr zu Gute, denn die Ebene des Zeitkolorits und die der Geschichte finden homogener zusammen. Vielleicht hat Kutscher sich aber auch einfach nur gut eingeschrieben. Wie auch immer: "Haus Vaterland" macht Spaß, führt einen streckenweise wirklich durch Raum und Zeit mitten in die 1930er-Jahre.
(Ulrich Noller)
Jussi Adler-Olsen: Verachtung
DTV, 2012; 19,90 Euro
Juli Zeh: Nullzeit
Schöffling & Co., 2012; 19,95 Euro
Volker Kutscher: Die Akte Vaterland
Kiepenheuer & Witsch, 2012; 19,99 Euro
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