Montag, 21.05.2012
Sie befinden sich hier:
WDR.de
Funkhaus Europa
Service
Bestsellercheck Februar 2012
Sendung vom 08. Februar 2012
Neues vom Bücherstapel: Jussi Adler-Olsen stürmt mit seinem Roman "Das Alphabethaus" direkt an die Spitze der Listen, aber diesmal geht's nicht um skandinavische Verbrechen, sondern um die Kriegszeit in Deutschland. Mit der Frage der Erinnerung beschäftigt sich dagegen Julian Barnes in seinem Erfolgsbuch "Vom Ende einer Geschichte", für das er mit dem wichtigen Booker-Price ausgezeichnet wurde.
Manche Geschichten kommen immer wieder. Zum Beispiel die vom alliierten Piloten, der hinter den feindlichen Linien der Nazis abgeschossen wird. So wie jetzt wieder beim dänischen Erfolgskrimiautor Jussi Adler-Olsen, der in seinem frisch übersetzten Debütroman "Das Alphabethaus" von zwei jungen englischen Soldaten erzählt, denen genau das passiert - und die sich mitten im Reich des Bösen in einen Verletztentransport durchschlagen, um sich schließlich als vermeintlich Kriegstraumatisierte in einer Nervenheilanstalt nahe Freiburg einzuquartieren.
Nun ist es ja sowieso schon kein Spaß, in einer NS-Klapsmühle zu landen, und für simulierende Engländer, die des Deutschen nicht mächtig sind, wird es so gesehen bald doppelt fies und kompliziert. Zumal James und Bryan, so legt Jussi Adler-Olsen noch einen drauf, in ihrer Abteilung nicht die einzigen sind, die simulieren. Und die anderen Simulanten sind keine armen Irren, die dem Einsatz an der Front entgehen wollen, sondern richtig gefährlich: Absolut skrupellose, sadistische, hundsgemeine und menschenverachtende Verbrecher, deren blutdurstige Gewissenlosigkeit selbst in so einem Dritten Reich des Bösen ihresgleichen sucht, so dass die SS-Sicherheits- und Simulationskontrollen am Tag im Vergleich zu den Nächten im Mehrbettzimmer unter "Freunden" wie eine Kindergeburtstagsparty anmuten. Kein Wunder also, dass es eng wird für Bryan und James, und dass die Geschichte später, im Nachkriegsdeutschland, noch ein Nachspiel haben wird...
Eines muss man Jussi Adler-Olsen lassen: Der Plot seines Debütromans aus dem Jahr 1997 hat schon was: Wie die verschiedenen Perspektiven gegeneinander gesetzt sind und wie die Geschichte sich in der Nachkriegszeit vollendet, das ist keine schlechte Idee. Leider stehen dem aber kurios überzogene Figurenpsychologien, hanebüchene Logikprobleme sowie chronische Schwächen in der sprachlichen Umsetzung gegenüber, und das dann auch noch aufgebläht und ausgewalzt auf fast 600 Seiten. "Der beste Film, den ich je gelesen habe", wird ein Produzent auf dem Klappentext zitiert. Das mag schon sein. Für gute Literatur fehlt es dieser Geschichte leider an Charakter und Stil.
Jussi Adler-Olsen: Das Alphabethaus
dtv Premium, 2012; ISBN 978 3 423 248 945; 15,90 Euro
Anthony Webster, so scheint's, ist ein ganz normaler älterer Mann: Finanziell passabel versorgt, gesundheitlich gut drauf, glücklich geschieden, alles in allem mit sich und seiner Umgebung im Reinen. Solange er nicht nachdenkt zumindest, denn irgendwie ist in Tonys Leben genauer betrachtet schon alles sehr: quadratisch, praktisch, gut. Aber gut, warum nicht so leben?
Eines Tages allerdings erreicht Tony der Brief einer Anwältin. Eine Frau, mit deren Tochter er vor Jahrzehnten für ein paar Monate zusammen war, hat ihn nach all der Zeit in ihrem Testament bedacht: 500 englische Pfund und das alte Tagebuch seines Jugendfreundes Adrian, der sich mit 22 umbrachte, sollen fortan Tonys Eigen sein.
Warum das denn? Eine Frage, die sich Tony so dringend stellt, wie ihm ihre Beantwortung unmöglich scheint: Veronica, die Tochter der Verstorbenen, seine Ex-Freundin ebenso wie die von Adrian, weigert sich, das Tagebuch herauszugeben. Um an "seine" Erbschaft heran zu kommen, muss Tony sich nicht nur erinnern - er muss sich bald auch mit der Frage auseinander setzen, wie authentisch seine eigenen Erinnerungen überhaupt sind. Und auf diesem Weg wartet dann doch die eine oder andere (gemeine) Überraschung auf ihn.
Wie sehr trügen einen die Erinnerungen, die man ein Leben lang ansammelt? Worauf kann man sich verlassen? Welche Kapitel "bereinigt" das Hirn, welche stellt es in den Mittelpunkt? Welchen Einfluss hat das alles auf den Lebensweg gehabt? Und wie geht man eigentlich damit um, wenn sich zum Schluss des Lebens hin die Chance ergibt, doch noch mal ein bisschen mehr über sich selbst herauszufinden? Diese Fragen sind es, die Julian Barnes, geboren 1946, in seiner so schmalen wie genauen, mit dem wichtigen Booker-Price ausgezeichneten Erzählung "Vom Ende einer Geschichte" umkreist - und deren Beantwortung nur ein Ergebnis bringen kann: Man kann, man darf sich seiner selbst niemals sicher sein. Dann zumindest, wenn die (eigene) Geschichte noch nicht zu einem Ende gelangt ist.
(Ulrich Noller)
Julian Barnes: Vom Ende einer Geschichte
Kiepenheuer & Witsch, 2011; ISBN 978 3 462 044 331; 18,99 Euro
Der WDR ist nicht für die Inhalte fremder Seiten verantwortlich, die über einen Link erreicht werden.