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Buchtipp: Nazi Paradise
Buchtipp vom 06. Januar 2010
Na, da ist doch mal ein bemerkenswerter Anti-Held: Der Erzähler
von Angelo Petrellas Kriminalgeschichte "Nazi Paradise" ist ein
junger Hacker aus der rechtsradikalen Hooliganszene aus Neapel. Ein
Skinhead. Virtuell treibt er sich in (erotischen) Chatrooms herum;
körperlich in einschlägigen Kneipen, auf Nazidemos, im Knast und
natürlich im Stadion. Ein Leben im Zeichen von Suff und Prügelei -
bis er eines Tages in eine Falle tappt: Weil der Erzähler sich beim
heimlichen Zocken gewisser Geldbeträge von gewissen Konten zu
Gunsten seines eigenen erwischen ließ, wird er zum Spielball der
örtlichen Polizei. Und die hat für den jungen Mann einen klaren
Auftrag: Will er nicht auf ewig in den Bunker wandern, hat er,
entsprechend gekleidet, bei einer Party des linksliberalen
Establishments zu erscheinen - um dort den Rechner des Gastgebers
zu knacken, auf dem die korrupten Bullen belastende Unterlagen
vermuten. Ein Himmelfahrtskommando für den Glatzenmann - und das
ausgerechnet auch noch mit einer Hippietante als Kontaktfrau.
Wie gesagt, ein bemerkenswerter Anti-Held. Der insbesondere Leser,
die sich nicht der politischen Rechten zuordnen, vor gewisse
Herausforderungen stellt; auch deshalb, weil er letztlich nicht
völlig unsympathisch ist, sondern hier und da ganz nett rüberkommt
und insgesamt sowieso ein Produkt seiner Lebensumstände ist: Einer,
der genauso gut Autonomer hätte werden können, der zwar durch
Zufall stattdessen bei den Nazis landete, der aber kein Faschist im
ewiggestrigen Sinne ist. In erster Linie ein Verlierer; ein junger
Mensch auf Abwegen, eben.
Dessen "Abenteuer" leuchtet Autor Angelo Petrella in einer sehr
knappen, reduzierten und direkten Sprache aus, die in guten
Momenten sehr nahe dran ist, an der Wut und der Ohnmacht, die zu
solchen Lebensumständen führen mögen - die in nicht ganz so guten
Momenten hier und da allerdings leider ein bisschen zu zart und
brav ins Deutsche übertragen wurde.
Natürlich darf man eine solche Erzählung nicht als Reportage
lesen: Angelo Petrella leuchtet nicht aus, wie es in der
Hooliganszene Neapels exakt zugeht; er ist schließlich "nur"
Schriftsteller, nicht Naziaktivist. Aber Petrella schafft es durch
die Wahl seiner Erzählperspektive und seines Antihelden sehr
bildstark darzustellen, wie kaputt die Gesellschaft ist, in der der
Erzähler zu leben gezwungen ist: Eine demokratische Gesellschaft,
deren oberste Repräsentanten statt durch kluge Politik mit
Sexpartys, Korruption und Vorteilsnahme "glänzen" - eine
Gesellschaft also, die so verkommen ist, dass selbst ihr
vermeintlicher Abschaum sich angewidert abwendet.
Autor: Ulrich Noller
| Titel | Nazi Paradise |
|---|---|
| Buchautor | Angelo Petrella |
| Verlag | Pulp Master, 2009 |
| ISBN | 978 3 927 734 432 |
| Preis | 12,80 Euro |

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