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Schwein gehabt?
Sendung vom 27. Juli 2010
Miss Piggy würde empört den Rüssel rümpfen: Im Bildband "PIG 05049" sind 185 Produkte fotografiert, die aus Haut, Knochen, Fleisch, inneren Organen, Blut und Fett eines einzigen Schweins entstanden sind. Nein, wer Schwein hat, findet nicht nur ein Kotelett auf dem Teller - Schweineteile sind z.B. in Tapeten, Bremsscheiben, in Wein, Bier, Tabletten, Zahnpasta und in Zigaretten. Sogar in Porzellanglasuren- woraus man wieder ein Sparschweinchen machen könnte. Süperfood verfolgt die Spur der "versteckten" Schweinebestandteile in unserer Nahrung.
Der Schweinefleischkonsum verdoppelte sich zwischen 1961 und 2001. Der Grund dafür liegt in der wachsenden Weltbevölkerung und der steigenden Nachfrage. Das meiste Fleisch verzehrten im Jahr 2003 die Österreicher mit 74 kg pro Kopf. Dort ist das Schwein, seine Zucht und Haltung auch noch Thema im Schulunterricht. Früher blieb vom geschlachteten Schwein kaum etwas übrig.
Aber wer verspeist heute noch die Schwänzchen, Füße oder Ohren von Schweinen? Vor allem Chinesen, die sich solche Leckereien aus Deutschland importieren lassen. Wer kocht heute noch Knochen für eine Fleischbrühe aus? Welcher Metzger putzt noch Därme, um die Wurst hineinzufüllen? Wer lässt sich heute noch gefüllte Schweinsblasen schmecken? Saure Herzen? Lungenwurst? So wenig Verbraucher, dass die Organe in Schlachthöfen meist aussortiert werden. Ein Schwein stirbt heute, vorrangig wegen seiner zarten Lenden. Der Rest ist Abfall oder neudeutsch "Nebenprodukt". Diese kaufen vorrangig Tiernahrungsfirmen, Medizinunternehmen und die Gelatineindustrie. Was nicht verkauft wird, landet in der Tierkörperverwertungsanstalt - dort wird das Fett herausgekocht und z.B. zu Bio-Diesel weiterverarbeitet, der Rest wird gemahlen und kommt als Dünger aufs Feld.
Nicht nur in rosa Ferkelchen und Porki-Speck ist Schwein... auch Gummibärchen und Sahnetorten-Füllungen enthalten meistens Speisegelatine. Und die ist in Europa üblicherweise aus Schweineschwarten, Knochen und Häuten gewonnen - seit dem BSE-Skandal, dem "Rinderwahn", werden fast ausschließlich Schweineteile für die Gewinnung von Gelatine benutzt. Die hat die schöne Eigenschaft, sich bei Wärme zu verflüssigen und bei Kühlung fest zu werden - und im Mund wieder zu schmelzen. Schweinegelatine hat keinen Eigengeschmack und kann deshalb für Süßspeisen und deftige Sülzen verwendet werden. Aber das gleiche Produkt - grob gesagt Kollagen - ist auch für die Kosmetikbranche, besonders zum aufpolstern von Falten in Cremes oder Lippenstiften gefragt.
Außerdem macht man aus Gelatine Arzneimittel-Kapseln, die leicht zu schlucken sind und sich erst im Magen auflösen. Lange Zeit war Gelatine auch das Trägermaterial für Fotonegative bzw. Filme - heute, im Zeitalter der Digitalfotografie kommt die Gelatine meist nur noch für Röntgenaufnahmen zum Einsatz. Gelatine kann in Papier bzw. Tapeten enthalten sein. Was bei der Gelatineherstellung von den Knochen des Schweins übrig bleibt, ist Calciumcarbonat - und das kann in Putzmitteln und Zahnpasta Verwendung finden. Das abgeschiedene Fett aus der Gelatineproduktion wird zu Seife gekocht.
Natürlich sind Borstenpinsel aus Schweineborsten, genau wie der Schrubber und die Handbürste mit "Naturborsten". Die zarte Schweinehaut ist der des Menschen so ähnlich, dass man sie transplantieren kann (das gilt übrigens auch für die Hornhaut des Auges und für die Herzklappen) wenn man die Haut aber zu Leder gerbt, werden feine, weiche Schuhe oder Handschuhe daraus. Schweinegalle kann als Emulsion für Farben genutzt werden - damit ist dann z.B. Stoff gefärbt.
Und - Trost für Miss Peggy - wer das Schwein gar nicht schlachten will, hat nicht einfach eine dumme Sau an seiner Seite, sondern eher ein Schweinchen Schlau: Schweine können nicht nur Trüffel suchen, sondern genau wie Hunde Drogen erschnüffeln oder sich zur Jagd abrichten lassen. Heute ist der Fall zumeist entschieden: der Hund kaut getrocknetes Schweineohr oder Schweinenase (siehe Foto) - der Begriff "Schweinehund" oder "Saurüde" stammt aber tatsächlich aus Zeiten, als große Hunde zur Wildschweinjagd eingesetzt wurden. Weil das Wildschwein oft genug gewonnen hat, wurden die Hunde schließlich gepanzert auf die Jagd geschickt.
Nicht nur George Clooney ist auf die Idee gekommen, ein Schwein als Haustier zu halten - sie hören auf ihren Namen, werden stubenrein.. Aber selten glücklich, denn Schweine lieben Gesellschaft - vorrangig die von anderen Schweinen. In vielen Ländern der Welt wird kaum Schweinefleisch gegessen; vorrangig aus religiösen Gründen - allerdings war Schweinehaltung im Orient, Nahen Osten und anderen Gebieten auch schon vor den religiösen Geboten des Judentums und des Islams verpönt. Vermutlich ist das Schwein schon von jeher in waldreichen, kühleren Gebieten beliebt gewesen - Schweine haben keine Schweißdrüsen und müssen sich bei Hitze daher in Wasser oder Schlamm wälzen. In heißeren Gegenden, gar in der Wüste wird das Schwein zum Konkurrenten für den Menschen um die knappen Ressourcen an Wasser und Schatten.
Dem gläubigen Juden und Muslim ist der Verzehr von Schweinefleisch verboten - für Muslime gibt es allerdings kein "unrein" - sie dürften theoretisch auf dem Schwein reiten, es anfassen, insofern sind Schuhe, Bürsten und andere Schweineprodukte im täglichen Leben kein Problem. Wohl aber die vielen Produkte, die Gelatine enthalten und die in Internet-Foren eine wahre Hysterie auslösen - etwa der Frischkäse-Brotaufstrich und die These, dass die Deutschen absichtlich "das Schwein zu Mehl mahlen und unter alle Lebensmittel mischen". So werden auch Gerüchte verbreitet, dass in Schokolade, Nutella und allen Süßigkeiten Schwein enthalten sei - das ist nicht der Fall!
Süßigkeiten, die Gelatine enthalten und für den orientalischen
Markt als "halal" oder "helal" ausgezeichnet werden, sind wirklich
schweinefrei - die Gelatine wird aus Fisch-Resten hergestellt. Das
ist für Juden und Muslime religiös einwandfrei, kann aber für
Allergiker ein Problem sein!
Veganer und Allergiker können Gummibärchen mit pflanzlicher
Gelatine (z.B. Agar-Agar) im Bioladen oder in der Apotheke kaufen.
Apropos Apotheke: für Muslime gilt, dass Medikamente, die ein Arzt
verordnet hat, eingenommen werden- unabhängig von
Schweinebestandteilen oder Alkohol.
AutorIn: Diana Zulfoghari
Süperfood: Schwein gehabt?
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