Freitag, 30.07.2010
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Skandal um Hatun und Can e.V.
Es hätte alles so schön sein können. Alice Schwarzer gewinnt eine halbe Million in einer RTL-Show und stellt die stolze Summe dem Frauennothilfeverein Hatun und Can zur Verfügung. Nach gewisser Zeit will sie Auskunft über die Verwendung des Geldes, bekommt aber keine Antwort, die sie befriedigt.
Schwarzer wird misstrauisch, fordert die Hälfte des Geldes zurück, erstattet Anzeige. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen möglicher Veruntreuung des Geldes. Der beschuldigte Verein Hatun und Can sieht sich als Opfer einer üblen Intrige.
Der Leiter des Vereins Hatun und Can mit dem Pseudonym Andreas
Becker versteht die Welt nicht mehr. Cent für Cent habe er
nachgewiesen, wie das Geld aus der RTL-Spende verwendet wurde: Für
ein Auto, für die Einrichtung einer Schutzwohnung, für Reisekosten,
und der Rest, über 400.00 Euro, seien auf einem Tagesgeldkonto
angelegt und täglich verfügbar.
Nicht allerdings im Moment, denn solange die Staatsanwaltschaft
ermittelt, hat der Verein weder Zugriff auf das Konto noch auf das
Auto. Das bringt Beckers Rechtsanwalt Hubert Dreyling in Rage.
Alles sei eine Intrige eines anderen Frauen-Nothilfevereins, der
neidisch auf die große Geldspende sei.
Dieser andere Verein ist Papatya, eine Anlaufstelle für Mädchen
und junge Frauen, die von zu Hause geflohen sind. Seit 25 Jahren
bietet Papatya in Berlin Beratung und Notunterkünfte mit
psychologischer und sozialpädagogischer Betreuung.
Hatun und Can ist dagegen ein Verein von Ehrenamtlichen, der
bedrohte Frauen aus der Familie herausholt und ihnen schnell und
unbürokratisch eine Wohnung und Startgeld zur Verfügung stellt.
Eine ideale Ergänzung, könnte man denken, doch Hatun und
Can-Vertreter Becker sieht unüberwindbare Hürden: Während Hatun und
Can bedrohte Frauen aus den Familien heraushole, schicke Papatya
sie zum Teil nach einer gewissen Zeit wieder dahin zurück, wo sie
geschlagen und zwangsverheiratet würden.
Unprofessionalität und Verantwortungslosigkeit wirft dagegen die
Papatya-Leiterin dem Verein Hatun und Can vor. Man könne nicht
unselbstständige junge Frauen einfach in eine leere Wohnung setzen
und sie dann sich selbst überlassen.
Auch die Senatsstelle für Frauen steht dem Verein Hatun und Can
mit großer Skepsis gegenüber, hatte sie doch versucht, den
ehrenamtlichen Verein in das Berliner Frauennothilfenetzwerk
einzubeziehen. Das sei aber an fehlender Transparenz und mangelnder
Kooperationsbereitschaft gescheitert, so der Frauensenatssprecher
Stefan Schulz.
Dem Senat seien sie gar keine Rechenschaft schuldig, sagt dagegen
Hatun und Can-Chef Becker, da sie keine Fördergelder bekämen. Im
übrigen könnten sie sich die Kooperationspartner - wie den Weißen
Ring - selber aussuchen.
Und noch eines macht die Hatun und Can-Kritiker skeptisch: die Zahlen, mit denen der Verein operiert. Da ist von Tausenden die Rede, denen geholfen wurde, von etwa 1000 Hilfegesuchen pro Jahr. Der Verein Papatya, den es seit 25 Jahren gibt, hat etwa 600 Anfragen im gleichen Zeitraum. Seriöse Zahlen oder nur medienwirksame Erfolgsgeschichten? Das ist nicht nachzuweisen. In jedem Falle ist Hatun und Can in seiner Öffentlichkeitsarbeit recht erfolgreich gewesen. So erfolgreich, dass der Verein eine 500.000-Euro Spende von RTL bekommen hat. Viel Glück hat ihm das Geld bisher aber nicht gebracht.
AutorIn: Ursula Vosshenrich
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