Dienstag, 07.02.2012
Sie befinden sich hier:
WDR.de
Funkhaus Europa
Sendungen
David Byrne im Funkhaus Europa-Interview
Sendung vom 17. April 2010
DAVID BYRNE: DER WORLDBEAT-TALKING HEAD ALS
MUSICAL-KOMPONIST
Das neue Album "Here lies love"
David Byrne hatte schon immer eine Schwäche fürs Groteske und Skurrile. Sei es als Chef der Talking Heads oder Solist, der sich in immer neue Abenteuer stürzt. Wobei sein aktuelles Projekt "Here Lies Love" alles Bisherige in den Schatten stellt: Ein Disco-Musical über Imelda Marcos, die ehemalige First Lady der Philippinen, deren Maßlosigkeit die Inselnation fast in den Ruin getrieben hätte. Was Herr Byrne ausgerechnet an dieser Dame findet, hat er dem Funkhaus Europa-Reporter Marcel Anders erzählt:
D. Byrne: "Mich hat interessiert: Was bewegt eine mächtige Person, noch mächtiger zu werden? Und wenn sie Dinge tut, die nicht gut sind: Wie rechtfertigt sie das vor sich und der Welt? Als ich gehört habe, dass Imelda in Clubs ging und eine Discokugel in ihrem New Yorker Apartment hatte, war mir klar: "Das ist die perfekte Figur - denn sie hat einen musikalischen Bezug." Ganz im Gegensatz zu anderen mächtigen Leuten. Ich meine, ich kann mir nicht vorstellen, welche Musik mit Dick Cheney einhergehen würde. Aber bei Imelda war sie vorhanden."
FHE: Das ist der Disco-Sound der 70er und 80er, verbunden mit einem Stilmix aus R&B, New Wave und Rock, Latin- Rhythmen sowie Electronica. Erlaubt ist offenbar, was die Stationen von Imeldas 30jährigem Amtsmissbrauch am besten in Szene setzt. Die Musik des Pazifik spielt aber keine große Rolle?
D.B.:"Zunächst habe ich mir Sorgen gemacht, es könne eine Art typisch philippinischer Musik geben, die ich komplett ignoriere. Denn da ist zum Beispiel Pop, der in Tagalog - der Landessprache - gesungen wird. Aber er klingt als käme er von überall. Und dann gibt es noch Folk, der aber nicht besonders populär ist. Von daher dachte ich mir: "OK, dann vernachlässige ich also nichts, was wie Musik von dort klingen könnte."
FHE: Ihre Protagonistin war First Lady und jetsettenden Diplomatin, gab Millionen für Schuhe, Handtaschen und Kleider aus, faszinierte Staatsmänner… Sie haben mehrere Jahre recherchiert, in Zusammenarbeit mit Norman Cook alias Fatboy Slim. Warum er?
D.B.: "Er hat mit unterschiedlichsten Stilen und Beats gearbeitet. Und er macht nicht nur Techno, House oder Trance, sondern alle möglichen Sachen. Was ich für wichtig halte, denn dadurch sind wir flexibel. Außerdem war er in einer Band - den Housemartins. Er weiß also, was ein Refrain, eine Strophe und ein Mittelteil sind. Was bei vielen DJs nicht der Fall ist. Sie schaffen es nur, eine Menge zum Tanzen zu bringen und einen 10minütigen Track aufzubauen. Aber sie haben keine Ahnung wie ein Song funktioniert."
FHE: Sie haben bereits mit Künstlern aus allen erdenklichen Genres und Kontinenten gearbeitet, was Sie auf "Here Lies Love" fortsetzen. Mit einer Allstar-Besetzung, zu der Newcomer wie Florence Welch, Sia oder Santigold zählen - aber auch alte Bekannte wie Cyndi Lauper, Tori Amos, Steve Earle oder Kate Pierson von den B-52´s. Wie wählen Sie Ihre Partner aus?
D.B.: "Ich habe kleine Listen angefertigt, wer welchen Song übernehmen könnte. Und dann musste ich sehen, ob das Spektrum der einzelnen Sänger zu ihnen passt. Wobei es mir auch darum ging, Stimmen aus dieser Zeit zu gewinnen. Also ein paar moderne, ein paar aus unterschiedlichen Bereichen - und die Disco-Diven der 70er. Doch sie haben abgelehnt. Vielleicht, weil ich nicht viel Geld geboten habe - oder sie mich nicht kennen. Ich bin ja nicht gerade Teil ihrer Welt."
FHE: Nun sind Sie nicht nur Musiker, sondern auch Regisseur, Fotograf, Aktionskünstler und Umweltaktivist. Stimmt es, dass Sie auch regelmäßig Vorträge über das Fahrrad als "urbanes Transportmittel der Zukunft" halten - und das in Manhattan?
D.B.: "Die Stadtverwaltung von New York hat gefragt, ob ich bei einem Designwettbewerb für Fahrradständer mitmachen würde. Als Reaktion darauf habe ich mir einen Scherz erlaubt: Ich habe ein paar Skizzen von lustigen Radständern für spezielle Nachbarschaften angefertigt: Ein Frauenschuh für den Einkaufsdistrikt, ein Hund fürs Village und eine Gitarre für Williamsburg. Das hat ihnen so gut gefallen, dass sie meinten: "Wenn du das so hinkriegst, machen wir mit." Also hat meine Galerie bei der Finanzierung geholfen, und die Stadt hat sie zunächst für ein Jahr aufgestellt."
Der WDR ist nicht für die Inhalte fremder Seiten verantwortlich, die über einen Link erreicht werden.