Freitag, 30.07.2010
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Funkhaus Europa
Sendungen
Funkhaus Europa
Die 5. Funkhaus Europa Kriminacht
Sendung vom 27. März 2010
Wer hat da geschossen?
Das Verbrechen, das Ermitteln, das Leben, die Männer: Funkhaus Europa präsentierte in der 5. Kriminacht am 27. März sechs international erfolgreiche, männliche Krimiautoren und einen "Special Guest": Es wurden Ausschnitte der Litcologne-Lesungen von Martin Cruz Smith, Josh Bazell, Ian Rankin, Henning Mankell, Arne Dahl, Håkan Nesser und Carlos Ruiz Zafón vorgestellt.
Kurt Wallander ist wieder da. Obwohl sein "letzter Fall" schon
ein paar Jahre zurück liegt, schickt Henning Mankell seinen
Ermittler doch noch einmal auf die Pirsch: Linda, seine Tochter
heiratet; wenig später verschwindet der Schwiegerpapa, ein
ehemaliger Offizier, spurlos, und die Schwiegermutter wird
ermordet.
Wallander ermittelt - und gerät dabei in zwei Thriller: Der eine
hat mit der politischen Vergangenheit Schwedens zu tun, mit dem
Auftauchen fremder U-Boote in den eigenen Gewässern. Der andere
betrifft Wallanders persönliche Befindlichkeit: Immer öfter spürt
der Kommissar ein seltsame Leere in den Gedanken; die jüngere
Erinnerung verschwindet; uralte Fetzen aus der Vergangenheit
dringen dagegen deutlicher ins Bewusstsein. Es ändert sich etwas in
seinem Kopf: Der Anfang vom Ende?
Diesmal werde es wirklich keinen weiteren Wallander-Roman mehr
geben, sagte Henning Mankell auf der Lit.Cologne. Die Serie werde
definitiv enden, aber nicht durch den Tod des Ermittlers, sondern
durch ein Gebrechen ... Alzheimer also, die Krankheit, bei der
einen das große Vergessen befällt; eigentlich eine sehr originelle
Weise, einem Helden den Garaus zu machen, der in immer mehr
medialen Varianten in der Öffentlichkeit auftritt.
Wallander war der Ermittler, der wie kein zweiter in der
Krimikultur der letzten Jahre die Seelenlandschaften der Männer
vermessen und gespiegelt hat; seine temporäre Reanimation war für
viele Krimileser und Leserinnen einer der Höhepunkte der
Lit.Cologne. Bei der übrigens in Sachen Kriminalliteratur in diesem
Jahr ein klarer Männerüberschuss herrschte. Und so ergaben sich
zwei Themen für die Kriminacht bei Funkhaus Europa: Die endenden
und doch wieder beginnenden Serien - und die Befindlichkeiten der
Männer.
Martin Cruz Smith ließ seinen russischen Ermittler Arkadi Renko
durch ein endzeitliches Moskau delirieren, in dem das Geld die
Moral vollends in die Ecke gedrängt hat. Ian Rankin schickte seinen
neuen Helden Malcolm Fox auf eine Odyssee in die Schlammgruben der
Korruption Edinburghs. Håkan Nesser konfrontierte seinen Gunnar
Barbarotti nicht nur mit einer Schubkarre, sondern mit einem
Aussteiger der ganz besonderen Art. Henning Mankell durchmaß mit
seinem Kurt Wallander die Landschaften der Erinnerung. Vier
Ermittler mit Fokussierung auf vier - mehr oder minder - müde
Helden.
Dem standen gegenüber der Schwede Arne Dahl und der Amerikaner Josh
Bazell. Dahl erzählt seine Geschichten mit Hilfe vieler
verschiedener Charaktere, die die Vielfältigkeit der modernen
Gesellschaft spiegeln. Mit dabei, natürlich, auch Männer, und zwar
in ganz verschiedenen Variationen. Und Josh Bazell, der
Krimishootingstar des Frühjahrs, schickte mit seinem Peter Brown,
einem als Arzt arbeitenden Ex-Mafiakiller, einen Typen ins Rennen,
der mit so viel Power und Witz durch die Handlung tobt, dass für
Nachdenklichkeit und Melancholie (zunächst einmal) kein Platz
bleibt. Das kommt vielleicht mit den Jahren, wenn auch diese Serie
einmal, wie viele der etablierten, Falten bekommt und Speck
angesetzt haben wird.
Last not least waren Lesungen der Funkhaus Europa-Kriminacht
auch ein Wettstreit: Drei englischsprachige Autoren traten gegen
drei schwedischsprachige an. Von den Lesungen her endete das Duell
unentschieden. Bei den Lesetipps der anrufenden Hörerinnen und
Hörer ging eindeutig Schweden bzw. Skandinavien als Sieger in die
Nacht. Bloß zwei oder drei Anrufer äußerten sich genervt vom
unendlichen scheinenden Erfolg skandinavischer Kriminalliteratur.
Alle anderen outeten sich als Fans. Ihre Lesetipps, neben Arne
Dahl, Håkan Nesser und Henning Mankell: Jo Nesbø, Sjöwall/Wahlöö,
Liza Marklund und natürlich Stieg Larsson.
Den Abschluss machte dann zum Hören über den Tellerrand hinaus
einer, der nicht im Krimigenre zu Hause ist, sondern allerorten:
Carlos Ruiz Zafón, der spanische Bestsellerautor, las aus seinem
Debütroman "Der Fürst des Nebels"; einem Jugendroman, der auch
Erwachsene ansprechen soll - und der kürzlich erstmals auch auf
Deutsch erschienen ist. Zafon bedient sich in seinen
Mystery-Geschichten als Magier aller möglichen Schreibweisen eines
unbefangenen Genremixes: Thriller trifft Horror trifft Fantasy
trifft Abenteuergeschichte trifft Bildungsroman trifft
Kriminalroman. Da bekommt man - angesichts der Müdigkeit der
alternden Skandinavier - eine Idee von der Zukunft der
Kriminalliteratur. Diese wird einerseits aus anderen Ecken der Welt
kommen, zum Beispiel aus Südafrika, wo man momentan einen Krimiboom
konstatieren kann. Und andererseits wird sie den Weg der Migration
gehen. Wird im Konzert der verschiedenen Schreibweisen einer
globalen Unterhaltungsliteratur aufgehen; wird zugleich unter dem
Deckmantel "Krimi" andere Schreibweisen ins eigene Konzept
integrieren.
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