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Funkhaus Europa  

Die 5. Funkhaus Europa Kriminacht

Sendung vom 27. März 2010

Einschusslöcher in einer Glasscheibe; Rechte: dpa

Wer hat da geschossen?

Das Verbrechen, das Ermitteln, das Leben, die Männer: Funkhaus Europa präsentierte in der 5. Kriminacht am 27. März sechs international erfolgreiche, männliche Krimiautoren und einen "Special Guest": Es wurden Ausschnitte der Litcologne-Lesungen von Martin Cruz Smith, Josh Bazell, Ian Rankin, Henning Mankell, Arne Dahl, Håkan Nesser und Carlos Ruiz Zafón vorgestellt.

Eine Reise durch die Seelenlandschaften moderner Männer

Kurt Wallander ist wieder da. Obwohl sein "letzter Fall" schon ein paar Jahre zurück liegt, schickt Henning Mankell seinen Ermittler doch noch einmal auf die Pirsch: Linda, seine Tochter heiratet; wenig später verschwindet der Schwiegerpapa, ein ehemaliger Offizier, spurlos, und die Schwiegermutter wird ermordet.
Wallander ermittelt - und gerät dabei in zwei Thriller: Der eine hat mit der politischen Vergangenheit Schwedens zu tun, mit dem Auftauchen fremder U-Boote in den eigenen Gewässern. Der andere betrifft Wallanders persönliche Befindlichkeit: Immer öfter spürt der Kommissar ein seltsame Leere in den Gedanken; die jüngere Erinnerung verschwindet; uralte Fetzen aus der Vergangenheit dringen dagegen deutlicher ins Bewusstsein. Es ändert sich etwas in seinem Kopf: Der Anfang vom Ende?
Diesmal werde es wirklich keinen weiteren Wallander-Roman mehr geben, sagte Henning Mankell auf der Lit.Cologne. Die Serie werde definitiv enden, aber nicht durch den Tod des Ermittlers, sondern durch ein Gebrechen ... Alzheimer also, die Krankheit, bei der einen das große Vergessen befällt; eigentlich eine sehr originelle Weise, einem Helden den Garaus zu machen, der in immer mehr medialen Varianten in der Öffentlichkeit auftritt.
Wallander war der Ermittler, der wie kein zweiter in der Krimikultur der letzten Jahre die Seelenlandschaften der Männer vermessen und gespiegelt hat; seine temporäre Reanimation war für viele Krimileser und Leserinnen einer der Höhepunkte der Lit.Cologne. Bei der übrigens in Sachen Kriminalliteratur in diesem Jahr ein klarer Männerüberschuss herrschte. Und so ergaben sich zwei Themen für die Kriminacht bei Funkhaus Europa: Die endenden und doch wieder beginnenden Serien - und die Befindlichkeiten der Männer.
Martin Cruz Smith ließ seinen russischen Ermittler Arkadi Renko durch ein endzeitliches Moskau delirieren, in dem das Geld die Moral vollends in die Ecke gedrängt hat. Ian Rankin schickte seinen neuen Helden Malcolm Fox auf eine Odyssee in die Schlammgruben der Korruption Edinburghs. Håkan Nesser konfrontierte seinen Gunnar Barbarotti nicht nur mit einer Schubkarre, sondern mit einem Aussteiger der ganz besonderen Art. Henning Mankell durchmaß mit seinem Kurt Wallander die Landschaften der Erinnerung. Vier Ermittler mit Fokussierung auf vier - mehr oder minder - müde Helden.
Dem standen gegenüber der Schwede Arne Dahl und der Amerikaner Josh Bazell. Dahl erzählt seine Geschichten mit Hilfe vieler verschiedener Charaktere, die die Vielfältigkeit der modernen Gesellschaft spiegeln. Mit dabei, natürlich, auch Männer, und zwar in ganz verschiedenen Variationen. Und Josh Bazell, der Krimishootingstar des Frühjahrs, schickte mit seinem Peter Brown, einem als Arzt arbeitenden Ex-Mafiakiller, einen Typen ins Rennen, der mit so viel Power und Witz durch die Handlung tobt, dass für Nachdenklichkeit und Melancholie (zunächst einmal) kein Platz bleibt. Das kommt vielleicht mit den Jahren, wenn auch diese Serie einmal, wie viele der etablierten, Falten bekommt und Speck angesetzt haben wird.

Last not least waren Lesungen der Funkhaus Europa-Kriminacht auch ein Wettstreit: Drei englischsprachige Autoren traten gegen drei schwedischsprachige an. Von den Lesungen her endete das Duell unentschieden. Bei den Lesetipps der anrufenden Hörerinnen und Hörer ging eindeutig Schweden bzw. Skandinavien als Sieger in die Nacht. Bloß zwei oder drei Anrufer äußerten sich genervt vom unendlichen scheinenden Erfolg skandinavischer Kriminalliteratur. Alle anderen outeten sich als Fans. Ihre Lesetipps, neben Arne Dahl, Håkan Nesser und Henning Mankell: Jo Nesbø, Sjöwall/Wahlöö, Liza Marklund und natürlich Stieg Larsson.
Den Abschluss machte dann zum Hören über den Tellerrand hinaus einer, der nicht im Krimigenre zu Hause ist, sondern allerorten: Carlos Ruiz Zafón, der spanische Bestsellerautor, las aus seinem Debütroman "Der Fürst des Nebels"; einem Jugendroman, der auch Erwachsene ansprechen soll - und der kürzlich erstmals auch auf Deutsch erschienen ist. Zafon bedient sich in seinen Mystery-Geschichten als Magier aller möglichen Schreibweisen eines unbefangenen Genremixes: Thriller trifft Horror trifft Fantasy trifft Abenteuergeschichte trifft Bildungsroman trifft Kriminalroman. Da bekommt man - angesichts der Müdigkeit der alternden Skandinavier - eine Idee von der Zukunft der Kriminalliteratur. Diese wird einerseits aus anderen Ecken der Welt kommen, zum Beispiel aus Südafrika, wo man momentan einen Krimiboom konstatieren kann. Und andererseits wird sie den Weg der Migration gehen. Wird im Konzert der verschiedenen Schreibweisen einer globalen Unterhaltungsliteratur aufgehen; wird zugleich unter dem Deckmantel "Krimi" andere Schreibweisen ins eigene Konzept integrieren.




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