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Süpersong

"Gloomy Sunday"

Das Lied vom traurigen Sonntag

Sendung vom 16. Oktober 2012

Wer Trübsal bläst, der sollte es besser nicht hören: "Gloomy Sunday". Denn angeblich löste es eine Welle von Selbstmorden aus, nachdem es 1936 veröffentlicht wurde. Sogar der eigene Komponist brachte sich um, der Ungar Rezsö Seress. "Gloomy Sunday" selbst hat bis heute in vielen Coverversionen überlebt, wovon die meisten nur noch erahnen lassen, wie depressiv die Anti-Ode an eine gescheiterte Liebe einmal klang.

Szenenbild aus Gloomy Sunday; picture alliance/united archives


Rezsö Seress, Komponist und Pianist, der nur durch ein einziges Werk bekannt wurde, das aber gewaltig. "Gloomy Sunday" heißt der Hit, genauer gesagt "Szomorú Vasárnap", denn Seress stammte aus Ungarn, ein Musiker ohne Eigenschaften und ohne Fortüne. Nicht einmal einen ordentlichen Lebenslauf kann der Autodidakt jüdischer Abstammung vorweisen, nur Daseins-Fragmente. So soll er vor seinem Leben in Budapest kurz in Paris gewohnt haben, unter dem Namen Rudolf Spitzer, aus dem dann das magarysierte Rezsö Seress wurde.

Mit Anfang Dreißig schließlich der große Wurf. Das Ausrufezeichen. Ein Klavierstück voller Tristesse, so düster, dass sich 1933 kein Verleger dafür fand. Kein Wunder, verbreitete die Weltwirtschaftskrise doch Depression genug. Was folgte, ist Kolportage, Melodram. Eine nicht mehr zu trennende Mischung aus Wahrheit und Legende. Das Phänomen eines Liedes, das es aus der Schublade des Vergessen doch noch auf die Plattenteller und in die Hitlisten schaffte.


Tief unten

Zwei Strophen reichten aus, um aus Seress' Klavierstück einen Schlager zu machen. Autor der Verse: Lázló Jávor, ein Dichter, der mit Seress das Schicksal eines No-Name-Künstlers teilte. Und eine gemeinsame Freundschaft. Für "Gloomy Sunday" habe der Lyriker seinem Freund einfach eines seiner Gedichte vermacht. Ob unbearbeitet oder nachbearbeitet, das ist bis heute ungeklärt. Bei einigen Rechercheuren verschwindet Jávor sogar völlig aus den biographischen Fragmenten. Seress sei alles selbst gewesen, heißt es da. Komponist und Texter. Eine gescheiterte Verlobung habe ihm die Eingebung gegeben. Die Trennung von Jávors Freundin, wie einige Quellen zu wissen glauben, während sich andere Nachforschungen auf eine nicht näher definierte Liebe beziehen.

Selbst vor den Schrecken des Ersten Weltkriegs wird nicht halt gemacht — auf der Suche nach Erklärungen für ein Lied, das fünfzehn Jahre nach Ende des Völkerschlachtens für ein traumatisches "Tief unten" steht, für postsymbolistische Seelenqual: "Einsame Sonntage hab ich zu viel verbracht / Heut mach ich mich auf den Weg in die Lange Nacht (…) Der letzte Atemzug bringt mich für immer heim / Im Land der Schatten, da werd ich geborgen sein."


Anstoß

"Lied der Selbstmörder". Der Volksmund brachte auf den Punkt, was immer offenkundiger wurde: "Gloomy Sunday", 1935 mit Hilfe von Starsänger Pál Kalmár doch noch zu Schelllack-Ehren gekommen, avancierte von Anfang an zum Soundtrack der Todessehnsüchtigen und Lebensmüden. Wo immer ein Ungar Hand an sich legte, ein Grammophon mit der fatalen Platte stand meist daneben, Nadel in der Auslaufrille. Andere stürzten sich mit dem Cover in der Hand in die Donau. Oder aber es war der Barpianist um die Ecke, der gebeten wurde, den hippen Trauersong zu spielen, bevor man von der Brücke sprang. Die Boulevard-Presse überschlug sich in der Meldung solcher "Faits divers", ohne aber deren Kausalität auch nur ansatzweise zu überprüfen. Weshalb sollte sie auch. Moderne Zeiten leben von modernen Mythen. Und die Medien erst recht.


Vorstoß

1936, ein Jahr nach der ungarischen Plattenpremiere, wurde der Überdruss-Song, der überdrusslos gehört wurde, auch auf Englisch vermarktet. In der Übersetzung von Sam M. Lewis, einem amerikanischen Top-Texter, der die besten Musiker seiner Zeit mit Lyrics versorgte. Für die USA hatte Lewis aber nicht nur die beiden Strophen von Seress' Original übertragen, in einer dritten Strophe ließ er den Ich-Erzähler auch noch aus einem Albtraum erwachen. Heil blieb also die Welt — wenn auch nicht zu heil. Denn mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kam "Das Lied vom traurigen Sonntag", wie "Gloomy Sunday" seit der Adaption der Münchner Chanson-Künstlerin Mimi Thoma in den deutschsprachigen Ländern hieß, doch noch auf den Index. Zumindest in Großbritannien. Das Lied sei zu depressiv für die kämpfende Truppe, befürchtete die BBC während der Luftschlacht um England und verbannte Billie Holidays frisch gepresste Sam-Lewis-Version kurzerhand ins Archiv. Ausgestrahlt wurde stattdessen eine melancholiegeschwängerte Instrumentalfassung.


Bloomy Sunday

Vom Covern seines Bestsellers profitierte Seress nur unwesentlich. Der Komponist hatte sich 1968 aus dem Fenster seiner Wohnung gestürzt, war im Krankenhaus gelandet und hatte sich dort mit einem Kabel erdrosselt. Wieso, weshalb, warum — auch hier sucht man vergebens nach Erklärungen, getreu der surrealen Devise, die einem bei der Biographie des Pianisten in den Sinn kommt: "Nichts Genaues weiß man nicht." Wie es hätte sein können, davon lebt auch die 1999 realisierte deutsch-ungarische Koproduktion "Gloomy Sunday - Ein Lied von Liebe und Tod", Hommage an einen Dauerbrenner, den zu diesem Zeitpunkt bereits Stars wie Ray Charles, Lydia Lunch, Elvis Costello, Serge Gainsbourg, Marianne Faithfull oder Sinéad O'Connor in ihr Repertoire aufgenommen hatten. Im Abspann des Films steuerte auch Heather Nova eine Interpretation zur Cover-Geschichte des schwarzromantischen Ohrwurms bei, im Fahrwasser von Björk, die 1998 im Rahmen einer AT&T-Gala mit einer Kunst-Pop-Version von "Gloomy Sunday" aufgefallen war. Im September 2010 widmete Björk diese Version dem Stardesigner Alexander McQueen, der sich sieben Monate zuvor in seiner Wohnung erhängt hatte. In London. An einem tristen Donnerstag.
(Jürgen M. Thie)





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