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Funkhaus Europa
Musik
"Help!"
Sendung vom 04. September 2012
Sitarklänge, ein durchgeknallter indischer Guru zelebriert ein Opferritual. Das Blut einer schlanken Schönheit soll fließen um die Rachegöttin Kaili zu besänftigen. Doch etwas läuft schief. Der goldene Opferring, den die Lady tragen muß, ist verschwunden. Beatle-Drummer Ringo Star hat sich den Ring angesteckt und wird von der Sekte weltweit gejagt.
Der Regisseur Richard Lester hat sich diesen Plot ausgedacht. 1965 dreht er seinen zweiten Film mit den Beatles und gibt John Lennon den Auftrag den Titelsong für "Help" zu komponieren. Paul McCartney bestreitet die Auftragsvergabe so bis heute. John Lennon jedoch, gibt in einem Interview an, daß "Dick" (Richard Lester) ihn angerufen hat, um ihn davon zu unterrichten, daß der Filmtitel in "Help!" geändert wurde und ihn bat, schnell einen Song dafür zu schreiben, denn die Dreharbeiten sollten schon am nächsten Tag beginnen. Nur zwei Stunden brauchte Lennon um "Help!" zu komponieren. McCartney half ihm im Studio mit der zweiten Stimme für den Chor.
Es wurde ein Lied über die persönliche Lebenskrise von Lennon. Er fühlte sich gefangen und unglücklich. Seine Ehe mit Cynthia zeigte die ersten Risse, die "Beatlemania" war auf dem Höhepunkt, und er konnte sich schon lange nicht mehr frei bewegen. "Es ist eines meiner ehrlichsten Lieder, ein wahrhafter Schrei nach Hilfe", so beschreibt John Lennon seine damalige Stimmung. Die Band und die Musik war das Einzige, was ihm wirklich etwas bedeutete. Das Lied verschafft den Beatles im Sommer 1965 einen weiteren Nummer Eins Hit in den britischen Single-Charts und den vierten, von sechs Nummer Eins Hits in Folge in den amerikanischen Billboard Charts.
Eine Bluegrass Interpretation liefert die Countrylegende Dolly Parton. Aber auch als Skiffle Version funktioniert das Lied mit den Charles River Valley Boys. The Damned hingegen setzen auf Speed Punk und packen es 1976 auf die B-Seite ihrer Debüt-Single. Genial anders interpretiert der Big Band Leader Count Basie. Von ihm gibt es zwei komplette Alben mit Jazz-Arrangements von Beatles Songs. Eine Flamenco-Pop Version auf spanisch bringen Los Rolin. Sie verpassen nicht nur "Help!" ein Flamenco Gewand, sondern auch 17 weiteren Hits der Fab 4.
Tina Turner entschleunigt den Klassiker und zeigt bei ihrer Zugabe im ausverkauften Londoner Wembley Stadion eine ganz persönliche Note. In Brasilien interpretiert es der Songwriter Caetano Veloso 1975 auf seinem Album Joia. Die Girl-Group Bananarama veröffentlichen das Lied als Charity Single für Comic Relief, eine Organisation, die sich um arme und obdachlose Menschen kümmert. STS, eine Band aus der österreichischen Steiermark interpretieren "Help!" mit dreistimmigen Gesang in ihrem Heimatdialekt. Gnade bitte!
Ohne Frage sind Beatles Songs geniale Kompositionen. Das Musikmagazin Rolling Stone listet "Help!" auf Platz 29 der Greatest Songs of All Time. Die zwölf Cellisten der Berliner Philharmoniker würdigen es auf ihren Alben Cello Submarine und Beatles In Classic. Der britische Comedian und Schauspieler Peter Sellers, bekannt als Inspektor Clouseau in Pink Panther, parodiert "Help!" leicht blasphemisch. Er verkleidet sich als christlicher Priester, spicht den Songtext zu einer Art Gregorianischen Choral und sammelt als Beatle Messdiener Opfermünzen ("...no foreign coins, please!"). Sehr gekonnt und witzig ist die Parodie "Ouch" von den Rutles in einer britischen TV Persiflage über die Geschichte der Beatles, mit Mick und Bianca Jagger, Paul Simon und George Harrison, der einen Jounalisten spielt.
Der weltweite Erfolg von "Help!" ist für die Beatles ein Wendepunkt. Nach einer letzten US-Tour im Jahr 1965, mit den legendären Konzerten im Shea Stadium und Hollywood Bowl, beschließen sie keine Konzerte mehr zu geben und konzentrieren sich völlig auf die Arbeit im Studio. Ihre Lieder werden experimenteller und individueller. Lennon und McCartney komponieren nicht mehr gemeinsam, sondern werden zu Rivalen, die sich jedoch kreativ inspirieren. Das Konzept funktioniert noch knapp fünf Jahre, bis die Gruppe im Januar 1970 auseinanderbricht. In dieser Zeit haben sie nicht nur die Musikwelt revolutioniert, sondern auch unsterbliche Klassiker erschaffen.
(Norbert Stolz)
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