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Musik
"Rawhide"
Sendung vom 07. August 2012
Kann man über Leder singen? Über raues, ungegerbtes Leder? Man kann! Zu hören in dem Vorspann einer Fernsehserie, die unter dem Titel "Rawhide" zwischen 1959 und 1966 Fernsehgeschichte schrieb und bis heute zu den erfolgreichsten Western-Staffeln der Welt gehört. Überlebt hat sie in dem gleichnamigen Titelsong von Dimitri Tiomkin — als eine der markantesten Erkennungsmelodien, mit der ein Serienklassiker je seine Folgen eröffnete.
Sie sollte realistisch sein. Hart und ungeschminkt. Authentisch. Das Leben der Viehtreiber und Weidereiter so zeigen, wie es von zeitgenössischen Malern wie Charles M. Russel und Frederick Remington, aber auch von Fotografen wie William H. Jackson und Erwin E. Smith dokumentiert worden war. Die Rede ist von "Rawhide", einer Fernsehserie, die am 9. Januar 1959 vom US-Sender CBS uraufgeführt wurde und es bis 1966 auf acht Staffeln beziehungsweise 217 Folgen gebracht hatte.
Tatsächlich deutete sich in der Serie — von der ARD 1965 unter dem Titel "Cowboys" in lächerlichen dreizehn Folgen ausgestrahlt, während sie PRO 7 zwischen 1991 und 1994 unter dem neuen Titel "Tausend Meilen Staub" komplett zeigte — bereits die schmutzigen Western der sechziger Jahre an, die Gattung der sogenannten "Spätwestern", die die klassischen Pferdeopern demontierte, indem sie deren Romantik entkleidete, Klischees und Vorurteile unterminierte und Gegensätze in Ambivalenzen auflöste. Wahrheit statt Legende.
Was dies für "Rawhide" bedeutete, liest sich im Fernsehlexikon von Michael Reufsteck und Stefan Niggemeier sinngemäß: "Die Serie bildete die große Ausnahme im Westerngenre, das verklärte Geschichten über Siedlertrecks oder das vergleichsweise luxuriöse Leben der Rancher zeigte, für deren Gewinn sich die Cowboys als Lohnsklaven abrackern mussten. Gedreht wurde häufig an Originalschauplätzen, auf der Basis alter Dokumente, darunter das Tagebuch des Cowboys George C. Duffield. Oft waren die erzählten Geschichten von großer Brutalität, wobei der Schutz des Viehs immer Vorrang genoss!"
Keine Fernsehserie ohne ihr Markenzeichen: Die Erkennungsmelodie. War sie gut, konnte das schon die halbe Miete bedeuten. Die Macher von "Rawhide" setzten auf eine sichere Bank. Auf Dimitri Tiomkin, Komponist zündender Soundtracks wie "Ist das Leben nicht schön?", "Der Fremde im Zug", "Giganten", "Rio Bravo", "Alamo" und, vor allem, "Zwölf Uhr mittags" - "High Noon". In diese Phalanx reihte sich auch "Rawhide" ein, ein erdiger Country & Western Song, dessen Text von Ned Washington stammte, der sieben Jahre zuvor schon die Lyrics zu Tiomkins "High Noon" geschrieben hatte. Frankie Laine, Interpret von "High Noon", stand auch bei "Rawhide" vor dem Mikrofon und bescherte dem Italoamerikaner aus Chicago noch einmal eine Platzierung in den Top Ten. Dass die Refrain-Zeile "Head 'em up, move 'em out" Anfang der sechziger Jahre zu einem Werbespruch avancierte, lag möglicherweise daran, mit welcher Verve Laines knallharter Bariton diese Worte auszuspucken verstand.
"Rawhide" - Ein taffer Hit für taffe Typen. Für Kino-Cowboys und Marlboro-Männer. Ein Erfolgssong von Anbeginn an. So unverwüstlich wie das Allround-Material, das er besang: Zähes, ungegerbtes Rohleder, englisch "Rawhide", das Cowboys erst zu Cowboys macht. Halfter und Holster; Sättel, Chaps und Bullenpeitschen: Für all das wurde dieses Leder gebraucht. Es gehörte er zum 'Look' des Wilden Westens wie die Schwingtür zum Saloon. "Rawhide" — das stand aber auch als Metapher. Als Chiffre für Weidereiter, Wrangler und Viehtreiber. Und so verstand es auch die Fernsehserie, die den Alltag von Trail-Cowboys nach Ende des Sezessionskriegs dramatisiert. Mit von der Partie: Rowdy Yates, ein ungezähmter Draufgänger mit markantem Gesicht: Clint Eastwood in seiner ersten und letzten TV-Rolle, begonnen als namenloser Schauspieler, beendet als "Man With No Name". In dieser Rollenbezeichnung aber schon vor der Kamera von Sergio Leone, der den 34-Jährigen 1964 nach Italien gelockt hatte. Für eine Handvoll Dollar, wie wir wissen, wobei man spekulieren darf, ob der Filmtitel von Leones sensationellem Italo-Western nicht auch auf Eastwoods Gage als "Fremder ohne Namen" anspielt.
"Keep rollin', rollin', rollin'" — Tiomkins Hit wurde von Anfang an gecovert. Auch von Frankie Laine, der nach Einspielung des Titelsongs noch eine eigene LP-Aufnahme nachlegte, ohne allerdings an das gewisse Etwas seines Originals anknüpfen zu können. Es waren vor allem Interpreten jenseits des Country & Western-Genres, die frischen Wind in das Zweivierteltakt-Schema des Liedes einbrachten, schräge Typen wie die Blues Brothers, hinter denen sich die Saturday Night Life Komiker John Belushi und Dan Aykroyd verbargen, oder aber coole Campus-Musiker wie Riders On The Storm, dem letzten Standbein von Ray Manzarek und Robbie Krieger, wobei die ehemaligen Doors-Mitglieder mit dem Band-Namen an einen der größten Doors-Erfolge erinnerten. Aus dem Fundus der Doors kursiert auch eine Cover-Version mit Jim Morrison im Internet, die Morrisons kurzes "Rawhide / Ride 'em in / Move 'em out / Mmm … rawhide!" aus der Aufnahme-Session zu "L.A. Woman" verhackstückelt. Der Frontman der Doors hatte diese Texthülse im Vorfeld des zehnten Takes zu "Riders On The Storm" einfach so ins Mikro gebrüllt. Wer daraus dann eine Rawhide-"Coverversion" bastelte, das gehört wohl zu den ewigen Mysterien des Internets.
(Jürgen M. Thie)
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