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Süpersong

"Lili Marleen"

Ein Lied in 48 Sprachen

Sendung vom 26. Juni 2012

Ein Lied geht um die Welt: "Lili Marleen" wird in 48 Sprachen gesungen. Eine Steilvorlage für Bands, die den Uralt-Hit zum Rappen, Chillen, Headbangen bringen.

Cover des Albums; Bear Family Records


Der Enstehungsmythos des Millionensellers

Hans Leip, der Sohn eines Seemanns, gab den Anstoß. Vor knapp hundert Jahren. Leip selbst war alles mögliche: Zunächst Religions- und Sportlehrer, dann Kunstkritiker und Bohemien, Schriftsteller und Bildender Künstler, zuletzt Mitglied des PEN-Zentrums und Ehrenprofessor. Und irgendwann, ganz früh, auch Garde-Füsilier. April 1915. Hans Leip schiebt Wache. Dort, wo heute der Bundesnachrichtendienst residiert. In der Berliner Chausseestraße. Die wurde durch Wolf Biermanns erste Langspielplatte berühmt. Zu diesem Zeitpunkt existierte sie schon lange nicht mehr, die sogenannte "Maikäferkaserne" des preußischen Garde-Füsilier-Regiments. Denn diese ist gemeint in der ersten Zeile jenes Gedichts, das für den einundzwanzigjährigen Leip zum Hit seines Lebens avancierte. Hier, vor dem großen Tor, im Schein einer Laterne, die wie ein Leuchtturm die Liebenden leitet und lockt, verschmelzen sie zu einem einzigen Schatten: der unbekannte Weltkrieg-1-Soldat und Lili Marleen, seine ihm selbst noch über den Heldentod hinaus treue Heimatfrontliebe. Alleine die Vorstellung, Leip hätte als einsamer Wächter auf verlorenem Kasernenposten die eigenen Sehnsüchte in Versform verpackt — romantischer kann die Legende über den Ursprung eines "Aller-Welts-Songs" kaum klingen.


Lili und Lale

Zweiundzwanzig Jahre mussten vergehen, ehe Leips "Lied eines jungen Wachtpostens" unter dem Titel "Lili Marleen" seinen Siegeszug antrat. Zunächst in der Urfassung von Rudi Zink, einem Hindemith-Schüler, der den Text 1937 in ein Chanson verwandelte. Interpretin war die zweiunddreißigjährige Tochter eines Schiffsstewards aus Bremerhaven, die unter dem Künstlernamen "Lale Andersen" in Berlin und München als Kabarettsängerin auftrat, nachdem sie in Berlin, Zürich und München bereits erfolgreich Theater gespielt hatte. Sie war es auch, die dafür sorgte, dass sich der Name "Lili Marleen" ins kollektive Bewusstsein einbrannte, mit einer Neuvertonung, die beim Anspielen bereits aufhorchen ließ — dank eines einleitenden Zapfenstreichs, so markant wie die ersten Takte aus Beethovens "Fünfter".


Marleen und Marlene

Von dem wegen seiner NSDAP-Zugehörigkeit umstrittenen Komponisten Norbert Schultze auf "zackig" getrimmt und als Erkennungsmelodie des deutschen Wehrmachtssenders in Belgrad täglich zu hören, ließ "Lili Marleen" die Soldatenherzen höher schlagen, und zwar an sämtlichen Fronten des Zweiten Weltkriegs, was für das völkerverbindende Phänomen des Liedes sprach. Sogar eine Anti-Hitler-Version gab es: 1943 von der BBC ausgestrahlt, gesungen von Lucie Mannheim, einer jüdischen Bühnen- und Filmschauspielerin aus Berlin, die seit Hitlers Machtergreifung 1933 im Londoner Exil lebte. Das Ausrufezeichen setzte schließlich "Die Dietrich"! Mit ihrer lasziven Interpretation stärkte Marlene Dietrich nämlich nicht nur die Moral der alliierten Truppen. Mit ihrem coolen Femme-Fatale-Timbre verhalf die Hollywood-Diva dem Song auch endgültig zur Aura eines Welthits.


Lili marschiert

"Wann immer nach 1945 auf der Welt ein Krieg ausbrach, in Indochina, Korea, Israel, Vietnam, stieg die Tantiemen-Kurve des Liedes steil nach oben; Lili marschiert mit", notierte Der Spiegel vor 30 Jahren über den Dauerbrenner, der aktuell zum Repertoire von Radio Andernach gehört, jenem Sender, der die Bundeswehr weltweit mit Musik versorgt. Jenseits der Militärbasen ist der Longseller in rund 50 Sprachen zu hören. Dass für jeden Geschmack etwas dabei ist, dafür haben die unterschiedlichsten Interpreten gesorgt. Einige Adaptionen haben mittlerweile selbst schon Charts-Geschichte geschrieben: Einspielungen von Suzie Solidor und Connie Francis; von Hank Snow, Sinatra, Kid Creole. 1981 erlebte "Lili Marleen" eine Art Renaissance — im gleichnamigen Film von Rainer Werner Fassbinder, der die Entstehungsgeschichte des Sehnsuchts-Songs dramatisiert, mit Hanna Schygulla als Lale-Andersen-Verschnitt. Das beste Resümee über den Titel wurde von John Steinbeck gezogen. Der Literaturnobelpreisträger wörtlich: "Die Wirkung lag in der Dreieinigkeit von Stimme, Text und Musik und rief ein modernes Mysterium, eine weltweite Massenpsychose hervor. Es ist das schönste Liebeslied aller Zeiten. Schade, dass es auf Deutsch entstand!"
(Jürgen M. Thie)





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