Donnerstag, 20.06.2013
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Funkhaus Europa
Musik
25 Jahre MTV Europe
Sendung vom 01. August 2012
Ein Musikfernsehen für Europa. Das war die Idee hinter MTV Europe, als es 1987 zum ersten Mal auf Sendung ging. Zum 25-jährigen Jubiläum ist davon nicht viel übrig geblieben. Statt den Glam der Musikvideos bewundern zu können, müssen sich die Zuschauer heute bei Reality-TV-Formaten fremdschämen.
Vivian Perkovic im Gespräch mit Christian Werthschulte, Musikjournalist
(01.08.12), 3'42
"I want my MTV" - das waren die ersten Worte, als am 1. August 1987 MTV Europe seinen Betrieb aufnahm. Sie standen am Anfang von "Money for nothing" von den Dire Straits, und MTV wird hier als Wunschmaschine beschrieben: Man spielt ein wenig Gitarre auf MTV, dann wird man reich und kriegt die Mädchen ab. Das Video zu "Money for nothing" war eine kleine Sensation, lange vor den Pixar-Filmen war es computeranimiert und begründete den Status von Musikvideos als avancierter Kunstform.
"My MTV" war aber auch der Slogan für MTV Europe. Anders als sein amerikanischer Cousin, sollte es sich an die Hörgewohnheiten des europäischen Publikums richten, das damit sein eigenes MTV bekommen würde. Das war weniger idealistisch als es den Anschein hat. MTV Europe gehört zum Medienkonzern Viacom, der den Musiksender dafür nutzte, seine Filme über die Soundtracks schon vor dem Kinostart in Europa zu promoten. Und auch die Europäisierung des Programms war ein Feigenblatt. Zwar kam das Moderatoren-Team aus halb Europa, aber es wurde nur Englisch gesprochen und der Großteil der gesendeten Musikvideos stammte von britischen und amerikanischen Künstlern. Als 1994 in ganz Europa die Britpop-Welle ausbrach, war das auch ein Verdienst von MTV Europe, die Oasis schon im Tagesprogramm gespielt hatten, bevor diese ihr erstes Album veröffentlichten.
Ab 1995 änderte der Sender seine Politik und führte erste Sendungen in den jeweiligen Landessprachen ein. Nationale Musiksender wie VIVA, das komplett auf Deutsch sendete, waren besonders für jüngere Zuschauer interessanter und boten damit ein besseres Umfeld für Werbekunden, die die Haupteinnahmequelle für Musikfernsehen darstellen. Und so wurde aus MTV Europe eine Senderfamilie mit MTV Italy, MTV Germany, MTV North und vielem mehr. Damit veränderte sich auch die Zusammenstellung der Musik. MTV Germany förderte deutschsprachigen HipHop wie den der Fantastischen Vier oder den Soul von Xavier Naidoo. Beides war beim englischsprachigen Vorgänger nur am Rande vorgekommen. Und MTV Germany bekam eigene Stars - Christian Ulmen ("Herr Lehmann") hatte hier seine erste eigene Sendung.
25 Jahre nach der ersten Sendung ist Musikfernsehen allerdings selbst für Musikenthusiasten eine Nische geworden. In Deutschland ist MTV seit Januar 2011 ein Bezahlsender und die Musikvideos sind aus dem Tagesprogramm verschwunden. Stattdessen strahlt der Sender überwiegend Reality-TV-Formate aus. Dies hängt mit einem Wandel im Pop zusammen. Anstatt der Figur des "Stars", auf den man seine unerfüllten Wünsche projiziert, regiert die Figur des "Celebrity", dessen Verhalten im Zweifelsfall einfach nur peinlich ist. Die erfolgreichste Sendung auf MTV ist im Moment "Jersey Shore", eine Doku-Soap mit italienisch-amerikanischen Hauptdarstellern, die lediglich als Stereotypen vorgeführt werden.
Avantgardistische Musikvideos findet man dann auch am ehesten auf Internetplattformen wie Vimeo oder YouTube. Lady Gagas Video "Telephone" hatte hier seine Premiere. YouTube und Co. lösen das Versprechen von "My MTV" dabei besser ein als es das Musikfernsehen jemals konnte. Die Zuschauer stellen sich ihr eigenes Programm zusammen und Musiker können mit ihren Videos ein großes Publikum erreichen, ohne sich Sendezeit 'erkaufen' zu müssen. Der Rapper Lil'B wurde mit seinen selbstgedrehten Clips auf YouTube bekannt und kann mitlerweile ohne Plattenvertrag nur vom Touren leben. Die Wunschmaschine Pop bleibt ungebrochen, nur die Wunschmaschine Musikfernsehen ist dafür nicht mehr nötig.
(Christian Werthschulte)
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