Mittwoch, 16.05.2012
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Musik
New Jamaican Live Music
In den letzten Jahren hat sich in Jamaika fast unbemerkt eine hochspannende Livemusik-Szene entwickelt. Mittlerweile gibt es überall in Kingston kleine Clubs und Bars, wo junge Bands und Artists auftreten und ein immer größeres Publikum begeistern. Die 5Planeten Reporter Ellen Köhlings und Pete Lilly haben sich auf die Spuren der "New Jamaican Live Music" begeben.
Einer der Schauplätze dieser neuen Livemusik-Szene ist der Wickie Wackie Beach, eine wunderschöne Open Air-Locations direkt am Meer. Dort finden regelmäßig Konzerte mit großartige Bands und Artists statt, von denen außerhalb von Kingston kaum jemand etwas gehört hat. Zu den Veranstaltern solcher Konzerte gehört die Band Raging Fyah. Der Bassist von Raging Fyah, Delroy "Pele" Hamilton, weist auf die selbstgeschaffenen Strukturen der Live-Musikszene hin: Da die Musik dieser Acts so gut wie gar nicht im Radio gespielt wird, haben sie angefangen eigene Veranstaltungen zu organisieren. Meist bauen Produzenten einen Riddim, über den dann verschiedene Artists ihre Songs legen, d.h. es gibt einen Riddim mit etlichen Tunes darauf. Bei Dances oder im Radio bietet es sich an, diese Tunes zu jugglen, also hintereinander weg zu spielen. Einzelne Tunes, die also nicht zu einer Selection gehören, haben kaum eine Chance im Radio zu laufen. Um sich Gehör zu verschaffen und ihre Musik unter die Leute zu bringen, haben diese jungen Bands und Artists eigene Strukturen geschaffen. Sie organisieren selbst Konzerte, zu denen sie dann andere Bands einladen. Statt miteinander in Konkurrenz zu treten und sich gegenseitig zu bekämpfen, wie es im Dancehall üblich ist, ziehen sie an einem Strang. Wenn man einen dieser neuen Acts interviewt, heißt es sofort, habt ihr schon mit dem und dem gesprochen, die müsst ihr unbedingt auschecken, die sind richtig gut. Und das Spannende ist, dass all diese neuen Bands und Artists sehr unterschiedlich sind:
Delroy "Pele" Hamilton: "That's what we really try to focus, the nature of the event, we are trying to keep it rootsy and clean and a mature thing. You come out, driving out of Kingston 13 and just come and relax along the beach. As you say the bonfire also ah represent Raging Fyah, cau' honestly the bonfire only light when we deh pon stage still. And I mean, it's just a different avenue of getting our music to the people, as you might not be able to get it on the radio 24/7 but they know that every first Sunday you can come and look forward to us performing and delivering our songs, you know."
Raging Fyah sind sechs Musiker, von denen fünf das Edna Manley College of the Visual & Performing Arts in Kingston besucht haben. Was die legendäre Alpha Boys School für Bands wie die Skatalites in den frühen 60ern war, ist das Edna Manley College für die heutige Zeit. Nachdem dort lange nur Klassik und Jazz gelehrt wurde, hat der frühere Third World-Keyboarder Ibo Cooper dafür gesorgt, dass dort seit ein paar Jahren auch Reggae und andere Popmusik-Stile unterrichtet werden. Raging Fyah gehört zu der ersten Generation, die davon profitiert. Nach ihrer Ausbildung waren sich die Musiker zu schade, sich als Backingband verheizen zu lassen. Statt nur gängige Reggae-Riddims für bekannte Sänger und Deejays zu spielen und dafür nicht nur schlecht bezahlt, sondern auch mies behandelt zu werden, haben sie angefangen eigene, originäre Musik zu komponieren und unter ihrem eigenen Namen aufzuführen. Wie die Musik von Raging Fyah klingt, beschreibt der Engineer und Background-Sänger Mahlon Moving:
Mahlon Movin: "My reason why I chose roots music, it's pretty straight forward, the simplicity of the music. Sometimes two chords, sometimes three chords, and what I see musicians do with that or holding a certain discipline, you know, just keeping it simple as I said. I like simple things, you know. I don't like something that you hear too much, too much things happening in the music, you know. You must have room and space, that's what I love about roots music."
Einen etwas anderen Background als Raging Fyah hat die Band Uprising Roots und das hört man ihr auch an. Sie sind sehr spirituell und stehen morgens früh auf, um die ersten Sonnenstrahlen mit ihren Chants und Gebeten zu begrüßen und sich so ihrer positiven Energie gewahr zu werden. Der Kern der Band lebt in einer Art Rasta-Kommune im Osten von Kingston. Auf dem Grundstück haben sie ihre Instrumente aufgebaut, die mit allerlei Rasta-Devotionalien geschmückt sind, d.h. sie proben unter freiem Himmel. An den Bäumen hängen rot-gelb-grüne Stoffgirlanden, an einer Mauer verblichene Fotos von dem äthiopischen Kaiser Haile Selassie. Vor dem Gemüsebeet flattert ein buntbemaltes Bettlaken mit der Aufschrift: "Healing with Creativity". In der Mitte brennt ein nie erlöschendes Feuer. Die Kraft des Feuers und des Lichts spielen bei Uprising Roots eine wichtige Rolle. Warum die Band das Wort "Uprising" in ihren Namen aufgenommen hat erklärt Schlagzeuger und Sänger Black Kush, Sohn des Roots-Veteran Winston McAnuff:
Black Kush: "So for I&I to name Uprising we have to be living that naturally and rise up before the rising come, so we rise up with the rising. So we get up like from four o'clock and we would wait for the bright light to come over de mountain. And we have a chant where we would say, while it's rising like brighten up me life like the brightest light my eyes ever see. Or I am the light, the light is within I, the light move through wards I, the light surrounds I, the light protects I. So when we see the brightness in everything, we see that you have a positive and that you have a negative side. So Uprising Roots is on the positive side."
Die Uprising Roots haben ihr Handwerk nicht wie Raging Fyah auf dem Edna Manley College erlernt, sondern in der Kirche. Jamaika gilt ja auch als das Land mit den meisten Kirchen pro Quadratkilometer. Und da die meisten Familien sehr arm und die Schulen schlecht ausgestattet sind, ist für viele Jugendliche die Kirche der einzige Ort, wo sie Zugang zu Musikinstrumenten haben. In jamaikanischen Kirchen stehen in der Regel keine Orgeln, der Gottesdienst wird mit Schlagzeug, Gitarre, Bass untermalt. Dort lernten die Musiker von Uprising die Basics. Der inzwischen verstorbene Sänger Sugar Minott und der Gitarrist Earl "Chinna" Smith, die immer junge Talente gefördert haben, sorgten dafür, dass aus ihnen eine Band wurde. Zunächst eine klassische Backingband, die aber so viele schlechte Erfahrungen machen musste, dass die Vier entschieden auf eigene Kappe zu arbeiten. Uprising Roots stehen für traditionelle Rasta-Werte wie Rechtschaffenheit, Einheit, gleiche Rechte für alle, beziehen sich musikalisch auf den Roots Reggae der 70er Jahre, tauschen aber die Militanz von damals gegen eine Toleranz, die jeden willkommen heißt. Ihr einziger Imperativ lautet: "Know yourself, be yourself, love yourself."
Weitere Vertreter dieser Szene sind die No-Maddz. Ihren Stil kann man als ein Mischung aus Dub Poetry, Funk, Jazz, Comedy und Gospel bezeichnen. Alles, nur keine Reggae... So breit die stilistische Vielfalt bei den No-Maddz auch sein mag, sie sind jamaikanischer als so manch anderer Act von der Insel. Sei es durch ihre Art von Humor, ihr Storytelling, ihre Bezüge zu Rasta oder die Art wie sie ihre Dichtung mit Musik kombinieren. Denn No-Maddz verstehen sich zu allererst als Dub Poets. Wobei sie sich deutlich von den hierzulande bekannten Dub Poets wie Mutabaruka und Linton Kwesi Johnson unterscheiden. Eigentlich kann man ihren Stil - und das macht sie gerade so interessant - in keine Schublade stecken. Das bringt einer der vier Frontleute, Sheldon Campbell, auf den Punkt:
Sheldon Campbell: "We heavy on Jamaican culture. We not very much influenced too much, you know. We doubling other cultures, but we use it as spice, you know. But Jamaican culture is so beautiful, you know, we are Jamaicans, so we just dive headfirst into the Dub Poetry culture, into the Reggae music culture. And people don't even know what to call what we do. They say, you're not doing Dub Poetry, you're not doing Reggae, you're not... Yeah, we are doing No-Maddz music. Yeah, maybe we need to pattern that and call it No-Maddz Music."
Die No-Maddz heben sich aber nicht nur durch ihren eklektischen Stil-Mix ab, sondern auch durch ihre Performance. Ihre Konzerte sind überwältigend. Man weiß bei vier Frontleuten kaum, wo man hinschauen soll. Zumal das alles ausgebildete Schauspieler sind, die genau wissen, wie sie ihren Körper, ihre Stimme, ihre Gestik und Mimik einsetzen müssen. Und sie sind witzig! Man braucht sich nur ihre Werbe-Clips für Puma auf youtube anzuschauen, denen sie ihren Ruf als schnellste Band der Welt verdanken. In einem dieser Clips laufen die No-Maddz singenderweise über eine Tartanbahn. Sie werden von Toningenieuren samt Aufnahme-Equipment verfolgt, bis die nicht mehr mit ihnen Schritt halten können und der Reihe nach auf die Nase fallen. Usain Bolt, der schnellste Mann der Welt, guckt sich das Spektakel von der Seite an und sagt nur: "They really need a faster studio."
Eine der wenigen weiblichen Vertreter der Szene ist Jah 9. Ihr ist es jedoch besonders wichtig, nicht auf ihre Weiblichkeit reduziert zu werden. Mit den No-Maddz, verbindet sie eine Liebe zur Poetry wie auch zu Einflüssen jenseits von Reggae. In ihrem Fall vor allem Jazz. sie regelmäßig mit Uprising Roots und auch Raging Fyah auf und wird von ihren Kollegen für ihre Lyrics und ihr "Feuer" respektiert:
Jah 9: "Right now there is a lot of fire that I am feeling, because of a lot of what is going on and especially, you know, being a woman I want to ensure that when I come out it is very clear that it is not a sex symbol, this is not trying to buzz and trying to be the next Rihanna. This is something you have never seen, this is straight fire and I don't want them to consider me a tough female artist, I want just to be a tough artist."
Ebenfalls ein Einzelkämpfer ist der Künstler Protoje, allerdings mit einem anderen musikalischen Schwerpunkt: HipHop. Das hört man ganz klar an seinem Flow, wobei sich musikalisch eher der klassische Roots Reggae durchsetzt. Der starke Bezug zur eigenen musikalischen Geschichte lässt sich bei fast allen Vertretern der "New Jamaican Live Music" -Bewegung beobachten . Das ist sehr ungewöhnlich, denn die Artists der - sagen wir mal - letzten 20 Jahre konnten mit Namen wie Augustus Pablo oder Jacob Miller meist nichts anfangen. Das ist heute anders, was Protoje mit seinem Geburtsjahr erklärt:
Protoje: "You know, you never really know why stuff happens, it's cycles. The cycle come and go. And spiritually, I mean with the deaths of Jacob Miller, Peter Tosh and Bob Marley, all in the 80s. We as 80s babies like without even knowing those spirits that left us in that time. The energy, it must it have seep to us. You know what I mean? And it's like we are now the resurrection of that era then."
Ein anderer Aspekt dieser jungen Szene, der an Jah 9 und auch Protoje deutlich wird, ist die Überwindung von Klassenunterschieden. Jamaika ist stark geprägt ist von diesen Unterschieden und dass Reggae lange Zeit fast nur vom ärmeren Teil der Bevölkerung gemacht wurde. Ausnahmen bestätigen die Regel. Aber das ändert sich nun so sehr, dass es fast revolutionär erscheint. Der jamaikanische Filmregisseur Storm Saulter, der sich selbst als Teil dieser Szene begreift, hat diese Entwicklung mit dem Aufkommen von Facebook erklärt. Es geht nicht mehr darum, wo du herkommst, sondern darum, was dir gefällt:
Storm Saulter: "There's like a renaissance in Jamaican visual art right now...and music. Acts like Protoje and Jah9, No-Maddz, Raging Fyah, Cess I, there's all this people that are kind of bubbling, there is a real renaissance. It's an exciting time, exciting place to be."
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