Mittwoch, 16.05.2012
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Das Buraka Som Sistema sind das europäische Aushängeschild des Angolanischen Dancefloor-Bastards Kuduro. Die Band besteht zur Hälfte aus Portugiesen und zur anderen Hälfte aus angolanischen Einwanderkindern. Gemeinsam performen sie ein treibendes Uptempo mit harten Kicks, kantigen Basslines und afrikanischen Raps. Mit Komba präsentieren Buraka Som Sistema nun ihr zweites Studioalbum. Unser Reporter Lukasz Tomaszewski hat sich mit Sänger Kalaf Angelo und Produzent Joao Barbosa getroffen um über das Phänomen Kuduro, ihre steile Karriere und ihr neues Album zu reden.
Es begann vor fünf Jahren in der Lissaboner Vorstadt Buraka: Joao Barbosa befand sich nach einem gescheiterten Bandprojekt in einer schöpferischen Sinnkrise und wusste nicht so recht wohin mit seinen am Home-PC gebastelten Hiphop und Electrobeats. Bis zu dem Zeitpunkt als ihm Kalaf Angelo über den Weg lief. Der Sänger ist zwar in Lissabon aufgewachsen, aber er hat Angolanische Wurzeln. Er spielte Joao den neuesten Schrei aus seiner Heimat vor: Kuduro. Dieser treibende Sound erobert gerade im Sturm die afrikanischen Clubs und macht auch in der Lissaboner Community von sich reden. Eine neue Idee ist geboren: Kuduro Raps gepaart mit dem Producer-Knowhow Joaos.
Joao: "Wir besorgten uns also eine ganze Palette angolanischer Kuduro-Instrumentals und nutzten diese Musik für eine monatlich stattfindende Partyreihe im Underground-Klub Mercado. Dazu produzierten wir eine Reihe von Re-Edits und Remixen. Es war in einer Location für gerade einmal zweihundert Personen, aber jeder konnte sich das Mikrophon schnappen oder eine Tanzperformance aufführen. Das war unser Labor; denn innerhalb von einem halben Jahr rekrutierten wir die talentiertesten von ihnen für unser neues Projekt: Buraka Som Sistema."
Diese Gruppe trifft sich regelmäßig, überarbeitet die alten Partytracks und komponiert eigene Songs. In wenigen Monaten steht die erste EP: "From Buraka tot he World". Die kleine Auflage in im Nu vergriffen,und über ihre myspace-Seite kommen die ersten Anfragen von angesagten Produzenten wie dem Briten Sinden, dem Amerikaner Diplo oder der Sängerin MIA. Obwohl Buraka Som Sistema in kürzester Zeit auf den Bühnen internationaler Festivals landen, verewigten sie den Ort ihrer Herkunft im Bandnamen:
Joao: "Wir brauchten einen Namen, und das was wir machten hatte so viel mit unserer Vorstadt Buraka zu tun. Die Multikulturalität Lissabons ist wahrscheinlich der größte Einfluss auf diese Band. Ein geographischer Bezug machte also Sinn. Auf den Schulen Burakas haben circa 60 Prozent der Jugendlichen eine Portugiesische Herkunft. Der Rest hat meistens Angolanische oder Kapverdische Wurzeln. Es ist also der Sound von hier. Kudoro war der gemeinsame Nenner, aber wir haben Kuduro immer aus unserer eigenen Perspektive interpretiert. Unser Sound ist der Treffpunkt zwischen Luanda, Brasilien, London: Lissabon liegt in der Mitte dieser Orte."
Diese Melange der Kulturen macht es der Formation schwer sich als reines Kudoro Projekt zu definieren. Sie selbst sehen sich eher als Teil einer globalen Bewegung von "World Tech" oder "Base". Einer neuen Generation von Weltmusik; gemacht mit elektronischen Musikinstrumenten:
Kalaf: "Für mich ist es eher eine Bewegung als ein Musikstil. Wir leben in einer Ära, in der London, New, York oder Berlin nicht mehr die alleinigen Musikmetropolen sind. Wir sind jetzt mehr Orten und mehr Musikrichtungen ausgesetzt und man kann sich musikalisch neu verorten: Kwaito, Baile Funk, Kudoro, Moombahton kommen doch alle aus dem selben Kontext. Vorstadt-Kids machen Clubmusik. Es ist definitiv eher eine Bewegung als ein Genre."
Die letzten drei Jahre verbrachte die Formation auf Tournee mit ihrem Debut-Album Black Diamond. Aus einem Producer-Projekt kristallisierte sich eine feste Band und ein eigener Buraka-Sound. "Komba", der Titel des neuen Albums ist eine Metapher für diese Konsolidierung. Denn Komba ist eigentlich ein angolanisches Toten-Ritual. Sieben Tage nach dem Tod einer Person, versammeln sich seine Nächsten um das Leben der Verstorbenen zu feiern. Gemeinsam erzählen sie sich Geschichten aus seinem Leben, hören seine Lieblingsmusik und kochen sein Lieblingsessen. Der Tod wird auf eine fröhliche Art zelebriert.
Kalaf: "Für dieses Album wollten wir dieses Konzept übernehmen. Der Zyklus der Art Musik zu machen wie wir es bisher taten, wird mit Komba beendet, aber wir fangen gleichzeitig etwas Neues an. Komba bedeutet für uns aber noch etwas anderes: Wir sollten die Zeit in der Leben voll auskosten, und die beste Party unseres Lebens selbst feiern. Wir müssen die besten Freunde zu Lebzeiten einladen und selbst von unserem Leben erzählen."
Das Konzept des neuen Albums ist gleichzeitig das Motto der Bandmitglieder: Lebe jeden Tag als sei es dein letzter, so schnell und intensiv wie möglich. Diese Einstellung speist sich aus den Live-Erfahrungen der letzten Jahre. Einerseits waren einige Tracks auf dem ersten Album verkopft und ernst. Andererseits merkten Buraka Som Sistema auf der Bühne, dass Club-Remixe fremder Produzenten am besten auf das Publikum wirkten. Der Fokus lag also darauf ein Album für die Dancefloors zu schaffen. Und diese Devise zeigt sich sogar in den Songtiteln. Einer der am meisten pulsierenden Tracks ist: "We stay up all night":
Joao: "Dieser Song ist allen Computer-Nerds und Nachtschwärmern gewidmet. Egal ob sie sich die ganze Nacht auf den Portalen der Sozialen Netzwerke bewegen oder die Nacht in Clubs verbringen. Es ist ein Song für alle die ein aktives Leben führen und den Moment der Freude bis ins Unendliche verlängern wollen um dadurch so viel Spaß wie möglich zu haben."
Doch nach einer durchgefeierten Nacht kommt meistens ein böses Erwachen: Der Schädel brummt und der Katzenjammer dominiert den folgenden Tag; der allerorts gefürchtete: "Hangover". Ein Track mit diesem Titel dufte auf dem neuen Album natürlich nicht fehlen. Doch Buraka Som Sistema haben eine ganz eigene Art ihren Kater wegzustecken:
Kalaf: "Hangover ist ganz klar ein Clubsong. Thematisch passt er wunderbar zum Konzept des Albums. Denn wenn du dein Leben gefeiert hast, wachst du am nächsten Tag sicherlich mit einem Kater auf. Es ist der vorletzte Track auf dem Album; das Ende der Feier. Wir haben uns aber trotzdem für einen Clubsong entschieden; denn anstatt rumzujammern gehen wir an solchen Tagen lieber vor die Tür und schreien unsere Lebensfreude raus."
Komba ist zweifellos ein Party-Album. Eingefleischten Buraka-Fans fehlt im neuen Konzept der Band vielleicht stellenweise die Experimentierfreude und eine rhythmische Diversität des Debut- Albums. Es rutscht in Einem durch. Trotzdem ist Komba wahnsinnig gut produziert, verzichtet komplett auf fremde Samples und erfreut sich hoher Anerkennung in der Klubwelt. "We stay up all night" findet sich in vielen aktuellen DJ-Mixen. Bekannte Produzenten wie Modeselektor haben sich Remixen und Edits von "Hangover" angenommen. Buraka Som Sistema haben sich innerhalb von nur fünf Jahren zu einem der Live-Acts der Ghetto-Tech-Szene gemausert und sie sind erstaunliche Netzwerker. Das zeigen nicht nur Features von Afrikan Boy oder DJ Mixhell, sondern auch der Song "Burakaton" ,den sie zusammen mit Bomba Estereo in Bogotá aufgenommen haben.
Joao: "Wir haben Bomba Estereo nach einem Auftritt in Bogotá getroffen und sind zusammen ins Studio gegangen. Nach 24 Stunden ist Burakatón herausgekommen. Wir nehmen in dem Song all diese Subgenres aufs Korn, die mit "Tón" enden. Alle machen den selben Sound und merken es nicht einmal. Wenn du einen MC über Moombahton singen lässt, ist es wieder Reggaetón. Es ist ein sarkastisches Kommentar unsererseits."
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