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5Planeten Dossier

Calle 13

Calle 13 sind die Abräumer der diesjährigen Latin Grammy Awards: Bei der Verleihung vor einer Woche haben sie gleich neun Auszeichnungen mit nach Hause genommen. Funkhaus Europa schätzt sie sehr. Die beiden puertoricanischen Halbbrüder René Perez und Eduardo Cabra alias El Residente und El Visitante füllen in Lateinamerika mit ihrem Latin- Hiphop ganze Stadien und waren das absolute Highlight unserer Summerstage Ende Juni 2011. 5Planeten Reporter Lukasz Tomaszewski hat sich mit den beiden Überfliegern getroffen und mit ihnen über ihren musikalischen Werdegang, ihre politischen Lyrics und ihren persönlichen Lieblingssong gesprochen.

; calle 13 Bild vergrößern


Residente / Visitante

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Calle 13 haben im Jahr 2005 mit dem populären Musikstil der jungen puertoricanischen Generation angefangen: Dem Reggaetón. Doch im Unterschied zu ihren Kollegen wie "Daddy Yankee" oder "Don Omar" waren ihre Texte von Anfang an politisch, provokant und humorvoll. Das beweist die selbstironische Namensgebung. René erklärt:

René: "Wir sind in der dreizehnten Straße aufgewachsen, also der "Calle 13". Unsere Synonyme "El Visitante" und "El Residente" haben ebenfalls einen biographischen Hintergrund. Denn wir wuchsen in getrennten in der puertoricanischen Hauptstadt San Juan auf. Wenn Eduardo mich besuchen wollte, musste er sich zuerst immer beim Pförtner melden. So wurde er zum "Visitante".Ich war der Gastgeber, also der "Residente". Natürlich war es unsere Art uns über die teils abgehobenen Synonyme der Hiphop-Welt lustig zu machen. Im Laufe der Jahre haben wir die Synonyme mit neuer Bedeutung gefüllt. Wir bezogen uns auf Emigranten: Besucher, Gastgeber, ist jemand willkommen oder unerwünscht."


„Atrevete“

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Was im Wohnzimmer als Hobby beginnt wird überraschenderweise zum Erfolgsmodell. Schuld daran ist der Sommerhit "Atrevete".

René: "Wir produzierten Atrevete und drei andere Songs auf einem Demo-Tape. Und danach ging alles wahnsinnig schnell. Zuerst unterschrieben wir bei dem Indie-Label "White Lion". Doch "Atrevete" verbreitet sich wie ein Lauffeuer und wenige Wochen später meldet sich Sony Music. Im selben Jahr gewannen wir drei Grammys."


Reggaeton

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Über Nacht waren Calle 13 zu den bekanntesten Reggaetóneros Lateinamerikas geworden. Obwohl René stets im lokalen karibischen Slang rappt, haben die Jungs selbst ihre Musik nie als Reggaetón gesehen. Und tatsächlich äußern sie sie auf jedem Album eher herablassend über dieses Genre. Eduardo, der als Produzent hinter den Kompositionen steckt, spricht sich ganz und gar gegen eine Kategorisierung in Schubladen aus.

Eduardo: "Wer als Musiker in Genres denkt, schränkt sich nur unnötig ein. Wenn du sagst, du willst eine Merengue-Band gründen, dann wirst du dein Leben lang auch Merengue spielen müssen. Wir schnappen immer wieder Musikstile auf von denen uns andere Leute erzählen, oder die wir beim Recherchieren im Internet fanden. Wir haben uns sogar vorgenommen, dass sowohl die Musik als auch die Texte sich niemals ähneln sollen. Jeder Track soll seinen ganz eigenen Charakter haben. Wir folgen tatsächlich diesem Credo und deshalb sind wir immer auf der Suche und jedes Album hat seine eigene Note"


Musikalische Diversität

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Und natürlich schnappen die Brüder auch neue Musik auf ihren Tourneen auf. Während sie selbst ihr Debut-Album als "moderne puertoricanische Musik" beschreiben, überwiegen auf dem zweiten Album "Los de atrás vienen conmigo" bereits Südamerikanischen Einflüsse. Auf dem aktuellen Album "Entren los que quieran" kamen schließlich US-Amerikanische Rock-Elemente, Afrobeat oder Klänge Andiner Liedermacher hinzu.

René: "Wir haben zwar schon immer versucht uns von den anderen Bands und Rappern unserer Insel abzugrenzen und waren stets auf der Suche nach etwas Eigenem. Aber erst auf unseren Reisen sind wir reifer geworden, als wir den Rest der Welt gesehen haben. Denn als Puertoricaner sind wir vorher kaum herumgekommen. Die meisten unserer Landsleute verlassen die Insel nie. Diese Erfahrung im Gepäck, und unsere Andersartigkeit machten eine Rückkehr zu alten Reggaetón-Klischees unmöglich"


Urbane Poesie

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Neben der musikalischen Diversität zeichnen Calle 13 ihre Texte aus. Sie sind ironisch, politisch, provokant und richten sich in einer so direkten Form gegen das Establishment, dass René bereits Morddrohungen erhielt. Die urbane Poesie spielt mal mit kulturellen Stereotypen von US-Amerikanern, mal mit den Klassenunterschieden der lateinamerikanischen Gesellschaft. Und manchmal rechnen sie mit Korruption und Gewalt der Staatsmacht ab. Untypisch ist, dass in den Textpassagen eine akademische Sprache durchscheint. Das erklärt sich aus Renés Biographie:

René: "Ich wurde von Haus aus politisch erzogen und entwickelte sehr schnell eigene Ideale. Aber ich habe auch acht Jahre lang Kunst studiert. Wenn du meine Gemälde aus der Uni-Zeit anguckst, so haben sie eine ähnliche Aussage wie meine Texte. Auch mit meinen Bildern wollte ich zum Nachdenken anregen und provozieren. Die Kunst hat mich gelehrt mich gegen die Mächtigen aufzulehnen und heute verarbeite ich das in meinen Liedern."


„Digo lo que pienso“

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So schreibt René Texte gegen das F.B.I. oder für die Unabhängigkeit seiner Heimat Puerto Rico. Denn die Insel in der Karibik ist eines von sechzehn sogenannten US- Außengebieten. Puertoricaner haben zwar einen US-Pass aber sie können beispielsweise nicht an den Präsidentenwahlen teilnehmen. René und Eduardo sehen sich wie 90 Prozent ihrer Landsleute als Latinos und ihr Land als Kolonie der USA. Auf dem aktuellen Album beschimpfen Calle 13 den Gouverneur von Puerto in ungewohnter Schärfe. Im Song "Digo lo que pienso"- also "Ich sage was ich denke" unterstellen sie ihm unter anderem Kokainsucht. Der Refrain:"Ich habe keine Angst die Wahrheit zu sagen". Aber müssen die Musiker tatsächlich keine Angst vor Repressionen haben? Schließlich wurden ihre Lieder in ihrer Heimat bereits zensiert und Calle 13 werden nicht mehr im Radio gespielt.

René: "Wir sind in unserer Karriere an einem Punkt angelangt wo wir keine Angst mehr haben müssen. Außerdem finde ich nicht, dass ich etwas Negatives mache. Ich lasse in diesem Lied Frust ab. Meinen eigenen und den des Volkes, dass sehr unzufrieden ist mit der aktuellen Regierung. Ich bin ihr Sprachrohr. Diese Regierung ist einfach unerwachsen und faul. Alleine deshalb muss man vor ihnen Angst haben. Aber nicht weil sie organisiert ist und sich an mir rächen könnte. Diese Macht hat sie nicht."


„Baile de los Pobres“

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Abseits harter politischer Themen verweben Calle 13 Sozialkritik mit musikalischer Experimentierfreude. Das wird in keinem Lied so deutlich wie beim "Baile de los Pobres", also dem Tanz der Armen. Aus der Sicht eines Slumbewohners versucht der Sänger ein Mädchen aus der Oberschicht von seinem Partykonzept zu überzeugen: "Wir sind zwar grundverschieden, denn du isst Filet und ich esse Dosenfleisch, du trinkst destilliertes Wasser und ich Wasser mit Mikroben, aber um sich zu bewegen braucht man keine Kohle, sondern Feeling!" Untermalt wird der Gesang von Bollywood- Musik. René erklärt die Idee:

René: "Die Idee hinter Baile de los Pobres war ein Stück für den Dancefloor zu komponieren, dass gleichzeitig eine sozialkritische Message hat. Jeder sollte den Text verstehen und darüber lachen können. Dafür eignete sich natürlich das Problem der" Soziale Schere" zwischen den Schichten in Lateinamerika. Jeder kennt diese Diskrepanz. Und das Selbe Gefühl kennen die Inder mit ihrem Kastensystem. Das ist der Stoff für ihre Bollywood-Filme. Es geht immer um die unerfüllte Liebe eines armen Schluckers, der sich in die Prinzessin verleibt. So interpretierten wir auf unsere Art mit Streichern und Bläsern indische Bollywood-Musik."


„Latinoamerica“

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Der Lieblingssong von Calle 13 hat auch seinen ganz eigenen Rhythmus. Er erinnert an Andenmusik und es ist eine Ode an den Kontinent Südamerika. Und so heißt er auch: "Latinoamerica". Wie die Brüder sagen, haben sie auf den Reisen nach Kolumbien, Venezuela, Peru und Bolivien als Künstler und als Menschen viel gelernt. Der Song "Latinoamerica" sollte eine "Dankeshymne" werden:

René: "Es war eine komplexe Arbeit, weil es sehr schwierig ist einen Song für Lateinamerika zu schreiben ohne in ein Klischee zu verfallen. Ich musste also eine Art und Weise finden damit es nicht wie eine Glorifizierung eines Kampfes oder wie ein Öko-Etikett klingt und textlich das Gleichgewicht halten. Es sollte nicht abgehoben klingen. Die Gastsängerinnen Toto la Momposina, Susana Baca und Maria Rita aber auch mein Bruder als Produzent haben sich sehr viel Mühe gegeben. Ich denke, es ist unser bester Song."


Spagat zwischen Romantisierung und Realität

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Die poetischen Zeilen meistern den Spagat zwischen Romantisierung und Realität. Gesungen aus der Perspektive des Kontinents selbst: "Ich bin das was sie von ihren Raubzügen übriggelassen haben, ich bin die Arbeitskraft eines Bauern um deinen Konsum zu befriedigen, ich bin die schönsten Gesichter die ich je gesehen habe und ich bin Maradona der gegen England zwei Tore schießt. Calle 13 gelang der große Coup, drei Frauen als Gäste zu gewinnen, die allesamt Legenden in ihrer Heimat sind: Toto La Momposina aus Kolumbien, Susana Baca aus Peru und Maria Rita aus Brasilien. Sie wechseln sich beim Refrain ab und singen: "Du kannst den Wind, die Sonne, die Hitze, die Freude nicht kaufen".

René: "Die Idee für den Refrain kam mir, als der Staat auf Puerto Rico alle Öffentlichen Güter verkauft hat. In vielen lateinamerikanischen Ländern wird privatisiert, bei uns ist das mittlerweile abgeschlossen, sogar die staatliche Uni wurde privatisiert. Und in diesem Moment war ich einfach wütend. Ich habe mich hingesetzt und geschrieben, weißt du was, du kannst nicht diesen Wind kaufen und nicht meinen Mut und auch nicht unsere Farben. Es gibt Dinge die unverkäuflich bleiben, obwohl manche es immer wieder versuchen. Ruben Blades singt in einem Lied "Ein Land, dass sich nicht verkaufen lässt, kann auch nicht gekauft werden"."



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