Mittwoch, 16.05.2012
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5Planeten Dossier
Sie zählen zu den ganz Großen der Berliner Elektroszene, allerdings endet ihr Horizont nicht im Berghain: Das Produzentenduo Modeselektor haben mit "Monkeytown" ihr drittes und bisher bestes Studioalbum vorgelegt. Unser 5Planeten-Reporter Lukasz Tomaszewski hat sich mit Gernot und Szary von Modeselektor über ihr neues Album und ihre künstlerische Motivation unterhalten. Zwei schlaue Typen die wunderbar erzählen können.
Innerhalb eines elektronischen Rahmens experimentieren Modeselektor mit Soul, Punk oder Hiphop. Ihr Markenzeichen sind wuchtige Drums, gecuttete Vocals und eine meisterlich aufgebaute Spannung. Die zwei Berliner Gernot und Szary legen sich jedoch musikalisch ungern fest:
Gernot: "Wir sind Modeselektor aus Berlin. Mein Name ist Gernot und neben mir sitzt Szary. Unseren Sound kann man nicht beschreiben. Das ist nämlich das womit wir uns hauptsächlich beschäftigen: Ich glaube wir sind so eine Art Forscher in einem elektronischen Musikkosmos! Wir haben das Problem, dass wir alle Musik gut finden die elektronisch ist und das ist so etwas wie eine Krankheit. Und so ist letztendlich auch unser Sound. Wir versuchen alles Genre-spezifische zusammen zu verbinden wie in einem David Lynch- Movie: Komische Szenen die anscheinend keinen Zusammenhang haben aber dann doch in einem großen Kontext- bei uns ist das ein Album- eine runde Sache ergeben."
So bilden die beiden Produzenten eine Art elektronisches Fundament. Von hier aus machen sie jedoch in den einzelnen Tracks stilistische Ausflüge zu Punk, Dancehall, Soul oder Idie-Rock. Ein ganz eigener Sound also, der Modeselektor nicht nur in Berlin einen Namen genacht hat, sondern vor Allem in der britischen Basscamps. Ihre Motivation ist dabei ziemlich einfach:
Gernot: ""Uns geht es nicht um Geld oder um finanziellen Success, sondern uns geht es eigentlich nur darum die Coolsten zu sein. Das ist ja das was wir immer sein wollten. Ja klar: Das ist eine ganz ehrliche Sache. Wir kommen aus Berlin, wir kommen aus der elektronischen Szene und haben diese auch mit geprägt. Und wir machen das ja auch nicht seit gestern. Wir haben selbst das Auf und Ab miterlebt. Ich war das erste Mal mit dreizehn im Tresor, also: Wir sind Techno! Wenn man das als Überbegriff benutzen will. Letztendlich ist das wie in Jungssport. Deshalb haben wir auch Modeselektor angefangen."
Gernot Bronsert und Sebastian Szary sind also Kinder des Berliner Techno. Gleichzeitig distanzieren sie sich ganz klar vom "Berlin-Hype" der hiesigen Minamal-Szene. Sie sagen, dass ihr Sound bunt ist. Und diesen Farbenreichtum beweisen sie auf ihrem aktuellen dritten Album "Monkeytown", dass vor wenigen Tagen erschienen ist. Hier erzählen sie uns vom Produktionsprozess:
Gernot: "Wir haben natürlich das Ziel gehabt wieder eine neue Platte zu machen und haben auch schon vor einem Jahr angefangen daran zu arbeiten. Aber wir sind sehr starke "Prograstinierer": Wir schieben also Dinge immer unglaublich vor uns hin bis es nicht mehr geht. So wie damals in der Schule, wenn man noch schnell in der großen Hofpause das Gedicht auswendig gelernt hat: Aber trotzdem schafft man es dann als Bester, weil man einfach diesen Druck hat. Wir haben also zehn Wochen vor Deadline mit unserer Arbeit erst richtig losgelegt. Zehn Wochen sind für uns eine sehr kurze Zeit. Deshalb haben wir auch alle beteiligten Künstler auf dieser Platte sehr stark unter Druck gesetzt, weil die natürlich auch diese Deadline hatten. Wir haben dann gesagt: Ej du, wir brauchen das jetzt innerhalb von fünf Tagen,wir müssen es irgendwie hinkriegen. Das hat total gut funktioniert."
Die Gäste auf Monkeytown kommen aus den unterschiedlichsten musikalischen Genres: Der Sänger von Radiohead Thom Yorke, Sascha Ring, alias Apparat oder die Berliner Balkan-Soul-Diva Miss Platnum. Mit ihr ist der Song "Berlin" entstanden. Es ist ein perfektes Beispiel für das was Modeselektor auszeichnet: Die Fusion von sich eigentlich fremden Stilen. Sascha und Gernot erzählen hier wie es zu dieser ungewöhnlichen Begegnung kam:
Szary: "Gernot ist eines Nachts durch die dunkle Stadt Berlin gefahren und hat Radio gehört. Und auf einmal lief da ein Song von Miss Platnum und er war einfach so geflasht und sagte am nächsten Tag: Wir müssen....wir müssen sie kontaktieren. Gleich am selben Tag kam sie dann ins Studio. Sie selbst hat sich nämlich als Fan entpuppt. Wir hatten ja schon mit Frank Deleé von Seeed zusammengearbeitet, und sie kommt aus diesem Seeed-Umfeld, so kam der Kontakt zustande. Erst einmal war das ein gegenseitiges Beschnuppern. Aber wir haben uns gleich verstanden. Letztendlich ist es mit allen Künstlern die wir auf dem Album gefeaturt haben eine sehr persönliche Zusammenarbeit gewesen. Es ging darum, dass man sich persönlich versteht, dass man die Idee teilt."
Modeselektor laden deshalb ihre Gäste in ihr Studio im zwölften Stock direkt am Berliner Alexanderplatz ein. Ist eine Skizze fertig, setzen sie sich dann mit dem jeweiligen Gast in ihr Auto und fahren mit der gerade produzierten Musik durch die Stadt. Und wenn alle Insassen nur auf die Fahrbahn gucken, ist der Mix gelungen. Doch bei Gästen aus Übersee sind die Berliner auch gelegentlich zum File-Sharing gezwungen. So war es auf dem neuen Album im Fall des amerikanischen Rappers "Busdriver". Gernot erzählt uns die amüsante Anekdote des Songs "Pretentious Friends":
Gernot: "Die lustige Story an diesem Song ist der Mittel-Part, wo ein Telefonat läuft: Er wird quasi angerufen und unterhält sich. Er hat seine Vocals in LA aufgenommen und sie uns geschickt. An der besagten Stelle hat er einen Monolog geführt und über die "pretentious european citizens"seinen Joke gemacht. Das fanden wir lustig aber ein bisschen zu trocken. Und diesen mittler Teil haben wir dann komplett verändert. Zufällig hatten wir gerade einen Freund aus San Francisco hier, mit dem wir dann dieses Telefonat gefakt haben. Wir haben den Sinngehalt der Worte komplett umgedreht und diesen Mittel-Break eine ganz andere Meinung gegeben. Wir waren zuerst ängstlich, dass er das nicht gut findet, weil wir jetzt auf einmal einen tierischen Joke über ihn gemacht haben. Aber er fand es super. Und das zeichnet ihn einfach aus. Dass er das alles und sich selbst nicht so ernst nimmt. Das gibt der ganzen Sache einen so guten Vibe."
Aber das Internet-Zeitalter sorgt auch bei Modeselektor nicht nur für gute Vibes. Denn gerade die elektronische Musik leidet unter illegalen Downloads. So verschickten sie diesmal nur einer Handvoll ausgewählter Musikjournalisten ihre neue CD wenige Tage vor der Veröffentlichung. Sie verzweifeln aber nicht an der Piraterie: Ganz im Gegenteil: Modeselektor gehen in die entgegengesetzte Richtung: Sie lieben Musik in physischer Form und wollen das auch der Generation nach ihnen nahebringen.
Gernot: "Wir haben ja teilweise auch eine ziemlich junge Hörerschaft, und denen wollen wir auch zeigen, dass Musik einen Wert hat. Und sagen "Musik ist wertvoll, da hat sich jemand den Arsch aufgerissen, damit ihr das jetzt hören könnt und das müsst ihr auch irgendwie respektieren." Und wenn man jetzt beispielsweise auf Facebook einen Comment bekommt:"Ey, ich habe mir gerade euer Album von einem russischen Server downgeloaded, und ich freue mich, dass ihr so geile Musik macht", dann fehlen mir einfach nur noch die Worte. Denn es hilft ja nicht die jetzt an den Pranger zu stellen, sondern man muss es ihnen einfach vorleben. Und das ist unsere Message: Immer weitergehen, nie aufhören und Spaß dabei haben."
Diese Message, dieses Vorleben haben die beiden Berliner sehr konsequent umgesetzt. Anstatt wie die meisten Musiker der elektronischen Musikszene sich durch Nebenjobs ein Grundeinkommen zu sichern, haben sie alles auf eine Karte gesetzt:
Gernot: "Wir haben vor zwei Jahren zwei eigene Labels gegründet: "50 Wapons" und "Monkeytown Records", mit einer Veranstaltungs-Agentur und einer Booking-Agentur, einem Verlag und all dem Schnickschnack. Wir haben also nicht nur dieses typische Modeselektor-Dasein des Tourens und Auftretens, sondern auch einen Business- Vibe reinbekommen. Denn wir waren irgendwann einfach an dem Punkt, wo wir nicht mehr die Möglichkeiten hatten bei einem anderen Label die kreativen Freiheiten zu haben die wir jetzt haben. Wir haben jetzt alles in der Hand und können alles machen was wir wollen. Und das ist eine ehrliche Art und Weise mit dieser ganzen elektronischen Musikszene umzugehen."
Eine Albumproduktion in nur zehn Wochen, ein eigenes Label, eine Agentur. Das ist aber nicht das gesamte Output von Modeselektor. Denn vor kurzem ist die Compilation "BLNRB - Welcome to the Madhouse" erschienen. Ein vom Goethe- Institut und dem Haus der Kulturen der Welt realisiertes Projekt, dass jungen Berliner Produzenten im vergangenen Jahr ermöglicht hat nach Nairobi in Kenia zu reisen, um dort Musik mit lokalen Hiphoppern aufzunehmen. Mit dabei waren auch Modeseektor. Entstanden ist eine tolle CD, die wir bereits im Juni in Funkhaus Europa als CD der Woche vorgestellt haben. Gernot erzählt uns von dieser Zusammenarbeit und seinen persönlichen Eindrücken von der Kenianischen Musikszene:
Gernot: "Dieses Rootsige und wie die Kids da persönlich drauf sind, und auf was sie stehen. Das haben wir vorher nicht gewusst. Und wir sind dort hingekommen und sind eigentlich ziemlich enttäuscht gewesen, weil die auch genau die gleichen NIKEs anhatten wie die Kids hier und auch auf genau die gleiche Musik stehen und eigentlich mit ihrer eigenen Kultur gar nicht so viel zu tun haben wollen. Wir sind dort hingefahren mit dem Glauben mit "Suaheli-Folklore-Musikern" grandiose Musik zu machen und es ist dann Hiphop geworden. Aber letztendlich ist dieser Enthusiasmus und diese Energie die diese Kids dort haben unvergleichlich. So etwas haben wir noch nie erlebt. Wir haben einen Song aufgenommen innerhalb von ein paar Stunden in einem Hotelzimmer! Ich habe noch nie Menschen erlebt, die so sehr Musik leben wie die Musiker die wir dort getroffen haben. Dort geht es nur um Musik, um nichts anderes! Dort ist das normale Leben nicht existent. Es ist da, aber auch das ist Musik!"
Das ist oft der Sinn und Zweck solcher Kulturaustausche: Sie öffnen den Beteiligten die Augen. Denn auch wenn Modeselektor sich selbst mit ihrer Reihe von internationalen Musikerfreunden als "Globale Band" sehen, so mussten sie erst nach Afrika fahren um den wahren Einfluss der US-Amerikanischen Kulturindustrie zu erleben. Hierzulande sind sie stilprägend, dort waren sie die Exoten:
Gernot: "Der eigentliche Kulturclash war nicht dieses: Schwarz-Weiß/ Europa-Afrika-Ding. Sondern es war eher dieser Kampf des amerikanischen Einflusses und des europäischen Einflusses. Den Einfluss den die Kids dort haben, der ist rein amerikanisch. Also die haben komplett eine amerikanische Sozialisierung musikalisch gesehen. Für die ist Snoop Dog das absolute Non Plus Ultra."
Aber das Projekt hat Früchte getragen. Der Beweis ist die beeindruckende CD "BLNRB" erschienen auf dem Münchener Laben "out here records". Und es hat auch Live funktioniert. Das Haus der Kulturen der Welt hat die Musiker in Berlin zusammengebracht. Auch in Köln hat Funkhaus Europa ein Konzert präsentiert. Das beeindruckende dabei war als Zuschauer zu beobachten wie die Musiker aus Berlin und Nairobi improvisiert haben. Denn erst einmal erwartet man von elektronischer Musik keine Spontanität. Gernot erzählt von diesem Bühnen-Erlebnis:
Gernot: "Wir hatten ja auch einen Auftritt mit ihnen in Berlin. Und wir haben wirklich ultraharten Dancehall mit ihnen gespielt. Und die Energie die wir mit unserer Musik erzeugen, wurde von den Jungs und Mädels aus Kenia komplett aufgenommen. Sie wurde kommentarlos innerhalb von Sekunden verstanden und transformiert in Form von einer unfassbaren Session. Wir sollten zwei Songs performen und haben dann über eine Stunde gespielt und zum Schluss kamen sie dann noch mit ihren Trommeln und einem Beatboxer. Das war aber keine Jugendclub-Session, sondern es war amtlich! Es hat gesessen. Die haben einfach diesen Soul. Rhythmus ist für die Menschen dort eine komplett andere Sache, und das ist das was ich faszinierend finde."
Das war Musik des Berliner Prouzenten-Duos "Modeselektor". Und wer Modeselektor Live sehen möchte, der sollte am 30.10. ins Kölner Gloria gehen, dort stellen sie ihr aktuelles Album "Monkeytown vor".
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