Mittwoch, 16.05.2012

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Little Mogadishu

HipHop zwischen Piraten und Al-Qaida

In Malmö findet derzeit eine internationale Konferenz zur Meerespiraterie statt. Besonders betroffen ist davon die Region am Horn von Afrika. Funkhaus Europa-Reporter Georg Milz hat sich in Nairobi auf die Spuren der Piraten gemacht und ist dabei auf Rapper gestoßen, die mit ihrer Musik gegen die Piraten ankämpfen wollen.

Wayaaha Cusub; Antartek Records Bild vergrößern

Wayaaha Cusub

Neben den vielen kleinen Straßenshops und fliegenden Händlern ragt der Betonkomplex der Emirates-Einkaufsmall in die Höhe. Zwischen all dem schillernden Kitsch findet sich hier von der Mikrowelle bis zum Plasma Fernseher alles was das Herz eines neureichen Aufsteigers begehrt. Wir befinden uns in East-Leigh, einem Stadtteil Nairobis, der zur Hauptstadt der vielen Exil-Somalis in Kenia geworden ist. Little-Mogadishu nennen ihn die Locals. Shiine, der Frontmann der somalischen Rap-Gruppe Waayaha Cusub, ist gerade auf der Suche nach einem Profi, der ihm das zerbrochene Display seines Smartphones reparieren kann. Wenn er hier durch die Straßen zieht, hat er die Kapuze meist tief ins Gesicht gezogen. Shiine ist hier ein kleiner Superstar und möchte nicht andauernd erkannt werden. Er fürchtet nicht nur die Zutraulichkeit seiner vielen Fans. Er hat Schiss vor Attentaten. Denn seine Texte sind höchst brisant. Gnadenlos geht er alle die Themen an, die junge Somalier heute beschäftigen. Liebesbeziehungen unterschiedlicher Ethnien, muslimischer Terror, der heilige Krieg aber auch die Hoffnung auf den in weite Ferne gerückten Frieden in Somalia, einem Land, wo die Staatsmacht faktisch aufgehört hat, zu existieren.


Wiederstand aus dem Exil:

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Vor allem hat sich der Rapper Shiine mit den radikalmuslimischen Extremisten von Al-Shaabab angelegt, dem ostafrikaischen Arm der Al Quaida. Immer wieder singt er gegen die Islamisten an, die sein Heimat regelmäßig in Angst und Schrecken versetzen. Dass dies auch im Exil in Nairobi äußerst gefährlich ist, haben er und die anderen Mitglieder seiner Gruppe am eigenen Leib erfahren müssen.

Shiine: "Ein Mitglied unserer Gruppe haben sie erschossen. Mich haben auch Kugeln getroffen, einem anderen Mädchen haben sie das Gesicht zerschnitten. Sie haben gesagt: Du siehst gut aus aber wenn wir dir also mit dem Messer verletzen, kannst du nicht mehr auftreten. Auch mich haben diese Al-Qaida Typen vor zwei Jahren angeschossen. Sie wollten mich auslöschen. Aber ich habe einen Schutzengel - jetzt geht es mir wieder ganz gut, Ich kann wieder weitermachen. In unserem Song 'Alla Wayne' haben wir sie ja dazu aufgefordert, die Waffen nieder zulegen. Unsere Botschaften sind stärker als ihre Gewehre. Mit einer Kugel kannst du nur mich töten. Aber meine Lieder werden die ganze Welt erreichen. Sogar in München kannst du unsere Songs hören."


Ständige Gefahr:

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Sechs Kugeln hat Shiine abbekommen, eine davon knapp am Herz vorbei. 6 Monate lag er im Krankenhaus, dem Tod ist er nur knapp entgangen. Heute hat er und seine Gruppe dem Viertel Little Mogadishu den Rücken gekehrt. Sie wohnen nun in einer sichereren Hood, direkt neben der Polizeistation. Das hilft nur bedingt. Auch heute noch wird Shiine eingeschüchtert, bekommt Morddrohungen per SMS. Wenn er sich nach Little Mogadishu begibt, fährt er in einem Auto, dessen Scheiben rundum verdunkelt sind. Wie in einer Burka gibt es links und rechts nur einen kleinen Spalt für die Seitenspiegel. Während wir mit der Limousine durch das Viertel fahren, erzählt mir Lixle (Lehele), einer der jungen Rapper von Wayaaha Cusub, auf der Rückbank, wie er mit der ständigen Gefahr umgeht.

Lixle: "Ich traue keinem Fremden. Wenn mich jemand anruft und mich sehen möchte, sage ich ihm, dass ich beschäftigt bin. Ich gehe auch nicht in die gefährlichen Ecken von Little Mogadishu. Wenn ich aufstehe und zur Arbeit oder ins Studio gehe, gehe ich danach direkt wieder nachhause. Nachts ist es am gefährlichsten. Am Tag können sie dich zwar besser erkennen, aber nachts können sie dich mit einem Messer umbringen oder mit dem Auto überfahren. Du musst dich in Acht nehmen."


Waayaha Cusub - Neubeginn:

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Ein kleiner Bretterverschlag unweit des Mallkomplexes dient der Band zum Abhängen, zum Vorspielen und Verkaufen ihrer Musik. Auf der Außenwand ist dick der Bandname gepinselt: Waayaha Cusub, auf deutsch bedeutet dass soviel wie Neubeginn. Darunter eine aufgehende Sonne. Sie dient als Symbol für die Hoffnung, die die Band in die neue Generation setzt. Alle elf Alben, die die Gruppe bisher veröffentlicht hat, stehen hier im Regal aufgestellt dazu eine handvoll DVD's mit Videoclips zu ihren Songs. Die Rohlinge dafür haben sie von der Amerikanischen Botschaft erhalten. Im Vordergrund steht die Band: Rapper Shiine in Baggy-Jeans, Cappy und XXL Sonnenbrille zusammen mit Sängerin Felis, seine Frau, die meist ohne Kopftuch auftritt - eine Ausnahme für die traditionellen Somalis. Im Hintergrund laufen abschreckende Ausschnitte aus Propagandavideos der militanten Al-Shaabab oder ihren Verbündeten von Al-Qaida. Man sieht brutale Enthauptungen und eine vermummte Miliz, die willkürlich Gewehrsalven in eine hilflose Menge abfeuert. Indem die Band diese ekelhaften Szenen in ihre Rap-Videos montiert, will sie dem durchaus eingeschüchterten Volk zeigen, wie brutal und gnadenlos die radikalen Islamisten vorgehen.

Shiine: ""Sie erschießen einfach jeden, der ihnen nicht passt. In Somalia werde ich entweder von der Regierung oder von Al Shabaab zum Kämpfen aufgefordert. Wenn ich mich weigere, töten sie mich oder schneiden mir die Hand ab. Und behaupten dann, ich sei ein Dieb. Wir sind Muslime, aber wir wollen nicht ohne Grund in den Krieg ziehen. Was wir erreichen wollen, ist der Frieden. Wir wollen den Leuten unsere Situation erklären, denn sie kriegen sonst keine Informationen, weil wir keine Regierung haben."


Piraterie:

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In Somalia herrscht nahezu Anarchie und immer wieder schwappt diese Anarchie ins Nachbarland Kenia rüber. Und welche der zahllosen Gruppen gerade für Terror sorgt, ist nicht immer so leicht zu erkennen. Vor elf Tagen wurde ein britisches Ehepaar auf der kenianischen Urlaubsinsel Kiwayu überfallen. Der Mann wurde gleich ermordet, seine Frau entführt. Ins Visier der internationalen Fahnder geriet sofort Al-Shaabab. Doch die Islamisten dementierten, und gaben die Schuld den Piraten, die mit einem Schnellboot die Ferieninsel erreicht hatten. Beide - Islamisten und Piraten benutzen Nairobi und sein somalisches Viertel Little Mogadishu als Unterschlupf und Rückzugsgebiet. Viele ehemalige Piraten lassen sich dort nieder, waschen ihr Geld indem sie Restaurants aufkaufen und schicke Häuser bauen lassen. Hassan, ein ehemaliger Fischer erzählt, wie er selbst zum Seeräuber wurde.

Hassan: "Eigentlich sind alle im Dorf Fischer geworden mit den Booten raus gefahren. Als ich größer wurde habe ich mich ihnen angeschlossen. Später kam dann der Besitzer des Bootes und brachte uns Waffen. Er sagte wir sollten von jetzt an Jagd auf Schiffe machen. Das würde viel Geld bringen. So fing es für mich an."


Warnung vor dem Piratenleben:

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Über tausend Kilometer Küste hat Somalia. Ein riesiges Gebiet für die Piraten. Aber auch wenn nur ein paar Piraten davon kommen und das dicke Geld machen: in Nairobi werden sie verehrt wie Hollywoodstars. Die Piraten bevölkern auch die Songs von Waayaha Cusub. Aber Shiine, der Chef der Truppe, warnt seine Hörer:

Shiine: ""Wir raten ab vom Piratenleben. Man kann sie nur stoppen, wenn man die Leute aufklärt. Alle hier denken an die 5 Millionen Dollar Lösegeld, dass sie den ganz großen Fang machen, wenn sie sich als Piraten anheuern lassen. In den Medien wird oft auch nur über die Fünf berichtet, die sich die 5 Millionen erbeutet haben. Wir sagen aber: schaut nicht auf die fünf erfolgreichen Piraten. Wer spricht über die Tausend anderen, die auf hoher See gestorben sind oder die jetzt im Gefängnis sitzen."


Somalia - Land ohne Gerechtigkeit

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Zu den Konzerten von Waayaha Cusub kommen oft mehrere Tausend Besucher. Shiine trägt bei seinen Auftritten gerne einen Pulli mit großem Totenkopfaufdruck. Auch wenn er manchmal kritisch über sie rappt - ganz verscherzen will er sichs mit den Piraten nicht - denn die haben hier in Nairobi Kultstatus und insofern eines mit ihm gemeinsam. Sie sind die Helden einer neuen Generation von Somalis. Die Realität in den Straßen von Little Mogadishu ist freilich eine andere. Den meisten Flüchtlingen geht es wie diesem Mann. Seine Tochter wurde ermordet und er hat eine Hand verloren. Nachdem Al Shabab den Reporter auf eine Todesliste gesetzt hat ist er von Somalia nach Nairobi geflohen und lebt dort jetzt im Ghetto von Little Mogadishu. Große Hoffnungen hat der ehemalige Radiojournalist nicht:

Ex-Reporter: "Ich bin hergekommen weil ich mich in meinem Heimatland nicht mehr sicher fühlen konnte. Somalia ist ein Land ohne Gerechtigkeit. Es gibt kein Gesetz und darum kann ich nicht sagen, dass dieser Typ meine Tochter getötet hat. Ich muss ihn grüßen und so tun als wäre nichts gewesen. Alles in allem ich bin hier in Kenia, und ich bin sicher, dass ich nicht in mein Land zurück kann, ich würde gern zurückgehen, aber es geht nicht."


Georg Milz



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