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5Planeten Dossier

Music Underground in HAVANA

Sendung vom 20. August 2011

Gerade wurde in Kuba der 85. Geburtstag von Fidel Castro gefeiert, der Mann mit dem Rauschebart und der grünen Uniform, dessen Spruch "Sozialismus oder Tod" weltbekannt wurde. Kuba - kaum ein lateinamerikanisches Land hat mehr internationale Musikgrößen hervorgebracht: Benny More, Celia Cruz, Cachao aber auch die Musiker des Buena Vista Social Clubs oder die Rap-Combo "Orishas”. Die meisten von ihnen kommen aus Havanna, der Perle der Karibik. Aber wie sieht die Musikszene der Stadt heute aus? 5Planeten Reporter Lukasz Tomaszewski hat sich auf einen musikalischen Streifzug durch die Straßen Havannas begeben und nach populären, lebendigen Orten kubanischer Musik gesucht.

; Rechte: WDR Bild vergrößern

Callejon de Hamel

Das historische Zentrum von Havanna "Havana Vieja" ist voll mit Touristen der mittleren und oberen Gehaltsklasse; denn hier sind die schicken Hotels. Musik auf den Strassen und Plätzen gibt es dort zwar auch, aber eben auf dieses Zielpublikum angepasst. Um in die wahre Musikszene Kubas einzutauchen muss man sich vom Zentrum fortbewegen: Hinein in die Gassen und Höfe in denen die Musik und die Rhythmen Kubas pulsieren.


Junge Talente in Kuba:

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Das Musikalische Erbe der kubanischen Musikgrößen spielt eine sehr große Rolle. Die Klassiker werden auch von der jungen Generation immer wieder neu interpretiert. Allerdings gibt es auch viel Hiphop und Reggaetón, oder Timba, die kubanische Salsa. Wichtige Hiphopper sind zum Beispiel die Band "Gente de Zona". Ihr Produzent heißt Joe Perez und ist als Talentscout unterwegs. Er hat ein eigenes kleines Label namens Espacio Latino. Joe ist auf der Suche nach jungen kubanischen Sängern. Diese betreut er zwei Jahre und macht sie, wie er selber sagt "fit für den Musikmarkt". Zu seinen Talenten gehört zum Beispiel "Samuray", er verbindet- ähnlich wie bereits die Orishas- Hiphop mit traditionellen kubanischen Basslines.

Joe Perez: "Wir versuchen alles aus unseren Sängern rauszuholen und ein maximales Level an Qualität zu erreichen. Der Maßstab ist der Internationale Markt der Popmusik. Wir sind davon überzeugt, dass gerade in unserem Bereich, also R n B und Hiphop die großen Labels eine immer geringere Rolle spielen werden. Wir versuchen eine bestimmte Nische zu bedienen und treten als Manager und Produzenten von jungen kubanischen Talenten auf. Hier bevorzugen die Künstler genau diese kleine persönliche Ebene."


Isolation durch das Embargo der USA:

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Es ist eine große Herausforderung auf Cuba ein Indie-Label zu betreiben. Die staatlichen EGREM-Studios waren bis in die Neunzigerjahre der einzige Ort auf der Insel wo Musiker überhaupt aufnehmen konnten. Mit dem digitalen Zeitalter und der Ära des Homerecordings hat sich das zwar geändert, aber Kuba bleibt wegen der politischen Situation ein Sonderfall.

Joe Perez: "Das größte Problem für mich ist das Embargo der USA gegen Kuba. Korrespondenzen mit Geschäftspartnern im Ausland sind dadurch sehr schwierig. Ich kann von Kuba aus manche Homepages nicht besuchen. Die Bankkonten müssen sich im Ausland befinden, weil die meisten ausländischen Banken keine Abkommen mit den kubanischen Banken haben. Dann gibt es natürlich die eingeschränkte Reisefreiheit, die es mir nicht erlaubt einfach so das Land zu verlassen und schließlich können wir das meiste Profi-Equipment hier gar nicht bekommen. Wir müssen es uns mitbringen lassen."


„Eine Mentalität die keine Konkurrenz kennt“

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Das Internet hat vielen Musikstilen zu einer Wiedergeburt verholfen. Erst kürzlich gab es einen regelrechten Boom der jungen Lateinamerikanischen Musik. Die Protagonisten sind international vernetzt und ohne Internet und Filesharing unter den Musikern, wäre diese Entwicklung gar nicht möglich gewesen. Die Musiker und DJs aus dieser Szene bereisen momentan nicht nur die ganze Welt, sondern remixen sich gegenseitig und kooperieren in jeglichen Formen. Für den normalen Kubaner ist das Internet jedoch nicht zugänglich. In großen Hotels kostet die Stunde 10 Dollar, das kann sich kaum einer leisten.

Joe Perez: "Dadurch dass wir eingeschlossen und blockiert sind, haben wir eine Mentalität für uns zu leben. Und nicht für die Welt. Eine Mentalität die keine Konkurrenz kennt. Wir arbeiten nach dem Motto: Wenn es heute nichts wird, dann morgen. 50 Jahre nach der Revolution haben die meisten die Einstellung langsam zu arbeiten. Und genau deshalb verändert sich nichts in der kubanischen Musik."


Vision von neuem Glanz:

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So rollen in Havanna nicht nur die amerikanischen Oldtymer aus den 50er Jahren, sondern die Musik der Orchester aber auch der Hiphop und Reggatón haben sich kaum weiterentwickelt. Joe Perez ist mit seinem Indielabel "Espacio Latino” einer der Vorreiter in Sachen Internationalisierung der kubanischen Musik. Dabei verfolgt er eine Vision:

Joe Perez: "Die meisten Leute wissen gar nicht was für eine riesige Musikbibliothek wir haben. Und wir sie selbst verrotten lassen. Denn wir müssen auch von der Welt kopieren und uns beeinflussen lassen um diese Bibliothek am leben zu erhalten. Wir müssen Hybride kreieren. Und zwar mit den weltweit etablierten Produktionsweisen. Die Kubanische Musik hat eine enormes Potential. Und ich glaube, dass die Welt darauf wartet sie zu höeren. Aber in einem neuen Glanz. Kubanische Musik des Jahres 2011!"


Porno para Ricardo:

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Eine Band die auf den ersten Blick für kubanische Verhältnisse eher untypische Musik macht ist "Porno para Ricardo”. Sie spielen Punkrock und sind von der Autorität nicht anerkannt. Das bedeutet im Detail Auftrittsverbot und im Extremfall sogar Gefängnis. Die Band gibt es seit 1998 und ihre Texte sind nicht nur sozialkritisch, sondern sie richten sich oft direkt gegen die Staatsmacht. Gorki Aguilar, der Sänger der Band bekam die Konsequenzen bereits am eigenen Leibe zu spüren: Er saß wegen einem angeblichen Drogendelikt für zweieinhalb Jahre im Gefängnis. Als er 2004 freigelassen wurde, sollte die Band von der Bildfläche verschwinden. Sie dürfen weder CDs veröffentlichen noch auftreten. Und als sie zu Konzerten ins Ausland eingeladen wurden, verwehrte man ihnen die Ausreise. Die Band hat trotzdem eine Form gefunden ihre Musik zu verbreiten und zwar über Memory Sticks. Die Fans geben die Musik von Computer zu Computer weiter, und das mit Erfolg: In Havanna kennt jeder "Porno para Ricardo”. Warum der Kubanische Staat so vehement gegen dieses Grüppchen von aufmüpfigen Punkern vorgeht erzählt Ciro, der Gitarrist und Sänger der Band:

Ciro: "Der Staat hat mit uns das selbe Problem, dass er mit allen hat die ihn kritisieren. Es ist ein Einparteienstaat. Er will die Kontrolle über die gesamte Gesellschaft haben und es ist ein Staat der nicht viel Kritik toleriert. Und schon gar nicht wenn man sich über seine Politiker lustig macht. Die mächtigsten Funktionäre wie Fidel und Raul Castro sind über Achtzig Jahre alt. Die Jugend gefällt ihnen nicht. Die Jugend als Avantgarde, die Jugend die den Elan besitzt Dinge zu verändern. Die Revolutionen werden von der Jugend und nicht von den Alten gemacht. Wir haben uns für diesen unbequemen Weg entschieden und wir müssen mit den Konsequenzen leben. Aber wir sind stolz drauf diesen Weg gegangen zu sein und ich sehe keinen Sinn darin hier zu leben wenn es nicht auf diese Art und Weise ist."


Iranische Verhältnisse!

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Ciros Aussagen erinnern an Iranischen Verhältnissen. Selbst im Ostblock gab es eine Punk-Bewegung und Liedermacher die geduldet wurden. Und nicht nur die Künstler selbst müssen sich vor der Obrigkeit fürchten, auch ihre Fans kommen oft nicht ungeschoren davon:

Ciro: "Es wurden Studenten von der Uni geworfen die unsere Musik gehört haben. Einen haben sie dabei erwischt wie er unsere Musik gehört hat, ein anderer hat sie im Studentenwohnheim voll aufgedreht. Und wieder ein anderer hatte unser Album auf seinem Rechner. Die Polizei sagte, dass er subversives und konterrevolutionäres Material auf seinem Rechner habe und er konnte seine Uni-Laufbahn vergessen. Allgemein gefällt dem Staat das Zusammenkommen von unabhängigen Personen nicht. Leuten aus dem Underground werden Steine in den Weg gelegt wenn sie sich treffen wollen. Ein Domino-Abend ist schon ein Alarmsignal. In der Einheit ist die Kraft. Trenne und regiere. Ein Konzert von Porno para Ricardo bedeutet ein Haufen Leute die zusammenkommen und sich gegen den Staat auflehnen. Nein! Das geht nicht."


Veränderungen seit den 80er Jahren:

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Kuba befindet sich in einem sehr langsamen politischen Wandel. Es gibt die harte Hand auf der einen Seite, aber seit wenigen Jahren auch eine Duldung solcher Dissidenten auf der anderen. Im Gegensatz zu der Zeit von vor 20 Jahren ist heute schon viel mehr möglich und offiziell gibt es seit wenigen Jahren auch keine politischen Gefangenen mehr:

Ciro: "Das politische System auf Kuba hat sich seit den 80er Jahren stark verändert. Seit dem Ende des Ost-West-Konflikts versucht auch Kuba den Anschluss ans Globale System zu finden. Denn es bleibt keine Alternative mehr. Früher musste man hier auf den Rest der Welt keine Rücksicht nehmen. Denn man war nur auf die Sowjetunion und den Ostblock angewiesen. Heute ist es der Regierung sehr wichtig was die Welt über Kuba denkt, denn wir haben keine Rohstoffe die uns die Freiheit geben keine Rücksicht auf die Meinung der Weltöffentlichkeit zu nehmen. Die Repression gegenüber Dissidenten hat deutlich abgenommen. Ich habe neulich einen älteren Musiker gefragt: Wie hätte unsere Band wohl in den 80er Jahren ausgesehen? Und er antwortete mir: Nein, euch hätte es einfach nicht gegeben!"


Langsame Revolution auf Kubanische Art:

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Der arabische Frühling zeigt, dass Geschichte ganz schnell und unerwartet neugeschrieben werden kann… Und nicht nur das Internet und Facebook haben dabei eine maßgebliche Rolle gespielt, sondern auch die Musik. Der Unterschied zu den arabischen Ländern ist wohl der Grad der Unterstützung des Systems innerhalb der Bevölkerung und die Loyalität des Militärs. Denn die Kubaner wissen was die Revolution ihnen gebracht hat und auf diese Vorzüge möchten viele nicht verzichten. Stichwort Bildung und Gesundheitswesen. Von einer Verbündung des Militärs mit Demonstranten, wie wir sie in Ägypten gesehen haben, ist auch nicht auszugehen. Es sieht eher danach aus als würde Kuba seinen eigenen, langsamen Weg der Veränderung gehen. Was den jungen Underground angeht ist Ciro jedenfalls sehr Optimistisch. Er sieht, dass seine Band nicht die einzige ist, die die geballte Faust des Protests hebt. Die Hip Hop Band "Los Aldeanos” ist da ein gutes Beispiel: Ihre Texte sind ebenfalls sehr politisch und staatskritisch und auch sie können ihre Musik nicht veröffentlichen. Sie sind zweifellos die Protagonisten der kubanischen Hip Hop Szene.

Ciro: "Ich bin sehr zufrieden mit der Entwicklung der kubanischen Underground-Musik. Es ist die Szene die gerade wächst. Es gab auf Kuba eine Kultur der Angst, aber sie wird immer kleiner. Bis in die späten Neunzigerjahre wurden in der alternativen Musik einige Worte einfach nicht benutzt: Worte wie Kuba, Revolution oder Vaterland kamen in Songtexten praktisch nicht vor. Sie waren vereinnahmt von der Regierung.Ab 2005 sind viele Gruppen- vor alem im Hiphop- aufgetaucht, die sich diese Worte angeeignet haben und ihnen ihre eigentliche Bedeutung zurückgegeben haben. Es gibt wieder ein junges patriotisches Gefühl auf Cuba. Zwar noch ein Bisschen zaghaft, aber es ist wirklich sehr interessant was im kubanischen Underground passiert."



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