Mittwoch, 16.05.2012
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Musik
5Planeten Dossier
Rund um den Globus entstehen momentan neue Rhythmen der Clubmusik: Cumbia Digital, Coupé Decalé, Kwaito oder Moombahton basieren auf lokalen Sounds aus Kolumbien, Südafrika oder der Elfenbeinküste. Einer jungen Generation von DJs und Produzenten ist es mit Hilfe von billiger Audio-Software und dem Internet gelungen ein globales Netzwerk dieses "Global Ghetto Tech" zu spannen.
Das Berliner Festival Radical Riddims präsentiert seine Protagonisten erstmals auf einer Bühne. 5Planeten Reporter Lukasz Tomaszewski hat sich mit Christine Lang, Veranstalterin und selbst Drum'n'Bass- und Dubstep-DJ, über das Konzept von Radical Riddims und die vielen Subkulturen der elektronischen Musik unterhalten.
Berlin ist bekannt als die Welthauptstadt der Clubmusik. Der hiesige Techno und Elektro gelten als das Non plus Ultra in Sachen Produktion und Klangqualität. Clubs wie das Berghain oder die Bar 25 sind Pilgerorte für elektronische Musikfans aus der ganzen Welt. Diese Woche drehten die Kuratoren Christine Lang und Christoph Dreher den Spieß um: Sie luden die Avantgarde der Weltmusik 2.0 nach Berlin. Gebrochene Beats und digitale Folklore standen auf der Tagesordnung. Christine Lang erklärt die Idee:
"Wir haben das ins Leben gerufen, weil wir eigentlich eine Veranstaltung machen wollten mit Global Ghetto Tech. Weil das in Berlin eine unterrepräsentierte Musikrichtung ist. Ich finde die Musik so interessant, weil sie mehr als nur eine Party hergibt, sondern eben der Diskurs darüber interessant ist: Was passiert gerade in der World Music? Was passiert in der Club-Musik? Ich finde, dass Global Ghetto-Tech eine der interessantesten Neuerungen der letzten Jahre darstellt, weil Clubmusik sich durch die Betonung der geraden Beats ein bisschen totgelaufen hat."
Einen frischen Wind auf dem Dancefloor wünschten sich also die Veranstalter. Und ganz wichtig: Durch ein Rahmenprogramm aus Podiumsdiskussionen und Filmen soll das Publikum ins Gespräch kommen und die neuen Netzwerke verstehen. Wie wichtig für die Protagonisten dabei die digitalen Autobahnen des World Wide Web sind weiß Christine Lang:
"Also Global Ghetto Tech, man könnte es auch Weltmusik 2.0 nennen, ist eigentlich eine Musik die ganz stark mit der Digitalisierung und dem Internet verbunden ist. Dass man mit preiswerten Computern ziemlich schnell Musik herstellen kann und relativ unabhängig auch in Provinzen herstellen kann. Und das Internet ermöglicht einen unglaublich schnellen Datentransfer. Das heißt, dass die Musikfiles unglaublich schnell hin und her wandern können. Es ist auch inzwischen so, dass diese neue Remix-Kultur ebenfalls eng mit dem Internet verbunden ist, weil Remixe innerhalb von 1-2 Tagen als eine Art Antwort global vernetzt entstehen können."
Nicht nur Remixe: Ganze Alben entstehen mittlerweile auf diese Art. Das bestätigt sogar der Headliner des Festivals: Der Südafrikaner Spoek Mathambo. Der 26-Jährige lehnt sich stilistisch an aus den Townships kommenden Kwaito an:
"Ich habe gerade eine Kooperation mit einem New Yorker Namens Cerebral Votex. Wir arbeiten an einem Projekt. Er sitzt in den USA und ich in Johannesburg. Wir verabreden uns im Internet und senden uns Files hin und her. So als ob wir in einem Studio nebeneinander säßen. Die ganze Nacht lang. Aber es trennen uns mehrere Tausend Kilometer."
Und genau diese Arbeitweise unterscheidet diese Newcomer von der alten Garde der Musiker und Veranstalter der Weltmusik-Szene. Vorbei ist die Idee lokale Musikstile der sogenannten Dritten Welt in die Konzertsäle der Ersten Welt zu holen um somit das Aussterben "Bedrohter Arten" zu verhindern. Für Spoek Mathambo haben Begriffe wie Weltmusik oder Genre gar keine Bedeutung:
"Ich lehne den Begriff Weltmusik ab. Dadurch werden bestimmte Musikstile in ein kulturelles Ghetto gequetscht. Es entsteht der Eindruck, dass es ein definiertes Establishment gibt und alles was drum herum passiert, gehört nicht dazu. Das ist doch schrecklich. Ich finde, dass selbst die Kategorisierung in Genres altbacken ist. Wir schreiben das Jahr 2011 und Musik sollte sich durch neue aufregende Sounds auszeichnen. Wenn Leute meinen Sound hören, sollten sie sagen: Das ist herausragend und das ist Spoek Mathambo. Ich will neue Grenzen abstecken. Und vieles ist natürlich beeinflusst von Südafrikanischer Musik. Aber vieles eben auch von Grime, Avantgarde-Jazz oder Post-Punk. Alles was ich in meinen 26 Jahren gehört habe. Labels oder Genres nützen mir einfach nicht."
Die Migration von Sounds: Das was den meisten Menschen auf dieser Welt verwehrt bleibt, nämlich das Visa-freie, unbeschränkte Reisen, ermöglicht diese urbane Klasse kreativer Köpfe ihrer Musik. Das Internet kennt keine Grenzen. Es entsteht eine hybride Clubkultur bei der Herkunft keine Rolle mehr spielt. Denn längst sitzen die Multiplikatoren in Städten wie New York oder Berlin. Das beste Beispiel ist Daniel Haaksman. Der Berliner betreibt seit sechs Jahren das Laben MEN- RECORDINGS. Eines der wichtigsten weltweit für den brasilianischen Baile Funk:
"Mein Vater ist Holländer, meine Mutter ist Deutsche, ich bin in Rom geboren, ich habe eine Zeit lang in Mogadishu gewohnt. Ich bin als Kind sehr viel umgezogen. Also jetzt wohne ich schon seit über zehn Jahren in Berlin aber ich sage immer "I´m from everywhere". Ich habe also wirklich auch keine Präferenz mich irgendwie als Deutschen zu definieren. Von dem her, also Herkunft und Authentizität oder Reinheit, das sind alles so Kategorien, die für mich nicht existieren."
Was für seine Biografie gilt, gilt ebenfalls für die Musik seines Labels. Haaksmann ist auf dem Gebiet des Baile Funk ein echter Experte. Als er sich 2003 in einer DJ-Krise befand, traf er auf den brasilianischen Sound aus den Favelas. Postwendend fuhr er hin, erforschte die neue Musikszene und brachte sie auf deutsche Tanzflächen. Der Baile Funk ist ein Migrantenkind mit Wurzeln auf Drei Kontinenten erklärt der Insider:
"Später ist mir dann klar geworden, dass sich mit meiner Arbeit eine Art Kreis geschlossen hat. Und ich bezeichne das immer als den Kraftwerk-Zirkel. 1977 produzierten Kraftwerk "Trans Europe Express" in Düsseldorf. Das wanderte dann über den Atlantik nach New York: Afrika Bambaataa veröffentlichte 1982 "Planet Rock", was maßgeblich auf "Trans Europe Express" basierte. "Planet Rock" wiederum wanderte Richtung Süden, Richtung Miami: Daraus wurde Miami Bass. Einige Jahre später wanderte Miami Bass dann nach Rio und entwickelte sich dort zu einem eigenständigen Sound namens Baile Funk. Und einige Jahre später wiederum wandert dieser Sound in neuer Form wieder zurück nach Deutschland. Und das ist ein Beispiel dafür wie Musik heutzutage migriert und durch Musikbewegungen rund um den Erdball sich immer wieder neue Stile, neue Hybride bilden."
Nicht einmal die Entstehungsorte der Sub-Genres von Global Ghetto Tech sind also definierbar. Ein weiterer Befürworter davon Musikstile aus ihrem geographischem Kontext zu nehmen ist der New Yorker Uproot Andy. Dafür steht sein Name: "Uproot", also Entwurzeln. Er hat sich einen Namen gemacht, indem er die kolumbianische Cumbia mit elektronischen Beats unterlegte und sie damit clubtauglich machte. Andy findet das Konzept des Radical Riddims Festivals spitze. Er spricht sich wie Spoek Mathambo gegen Kategorisierungen in Genres aus. Kwaito, Baile Funk, Cumbia Digital, das gehört für ihn alles auf eine Bühne:
"Wir leben in einer globalisierten Welt und heutzutage wäre es sogar sehr schwer diese Stile voneinander zu trennen. Die Verlockung sie zusammenzubringen ist einfach zu groß. Ich fände es schon sehr komisch auf eine Veranstaltung zu gehen wo den ganzen Abend lang dasselbe Genre gespielt wird. Das wäre schon fast wie eine Motto-Party. Ich bin mir sicher, dass sich diese Vermischung erhalten wird."
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