Mittwoch, 16.05.2012
Sie befinden sich hier:
WDR.de
Funkhaus Europa
Musik
Frikstailers
Sendung vom 28. Mai 2011
Manch ein Gast der diesjährigen Funkhaus-Europa Party in Mühlheim rieb sich verwudert die Augen als Rafael Caivano und Lisandro Sona alias die Frikstailers die Bühne betraten. Zwei Mittzwanziger mit quietschbunten Perücken und spacingen Sonnenbrillen stellten sich hinter ihre Laptops und programmierten tropische elektro- Beats.
Während der Show sprangen sie auf einen vor ihnen ausgebreiteten "Game-Teppich" der Videospiel-Marke Nintendo. Jeder Tanzschritt ergab einen Sound. Die Irritation war perfekt als sie zu singen anfingen: Einer erinnerte von der Stimmlage an Bösewicht Darth Vader von Starwars und der andere an Mickey Mouse. Die beiden Argentinier machten vom ersten Moment an klar, dass sie es ernst meinen mit ihrem Namen: Frikstailers! Über ihre Geschichte, den urbanen Sound südamerikanischer Soundtüftler und die Zukunft sprach mit den Frikstailers unser Reporter Lukasz Tomaszewski.
Ihre Musik stecken die Frikstailers aus Buenos Aires nur ungern in eine Stilbox. Sie selbst nennen ihren Sound eine "tropische Entführung aus dem All”. Es ist ein durch Synthesizer, Sampler und Effektgeräte generierter Mix aus Cumbia Digital, Tropical Bass, Hiphop und Minimal Dub. Ihre musikalischen Gehversuche machten sie vor fünf Jahren allerdings in einem anderen Genre:
"Als Frikstailers begannen wir 2006 zusammen Musik zu machen. Zuerst ordneten wir selbst unseren Sound als experimentelle Musik ein. Jeder Tune war für uns ein kleines, seltsames Wesen. Die meisten wurden niemals veröffentlicht. Aber dann merkten wir, dass wir nicht an das Konzept von experimenteller Musik glaubten und dass das Publikum sich am meisten zu unseren Club-Tracks amüsierte. Also fokussierten wir unsere Arbeit darauf. So erschien bald unsere erste Cumbia auf dem Label ZZK Records."
ZZK Records ist ein junges Label des Texaners Grant Dull, der seit ca. 10 Jahren in Buenos Aires lebt und sich zum Ziel gemacht hat elektronische Tanzmusik aus Argentinien dem Weltmarkt zugänglich zu machen. Mittlerweile ist es das Gravitationszentrum der Cumbia Digital-Bewegung. Angefangen hat alles in einem Nachtclub, dem ZZK Club. Produzenten wie Dick el Demasiado, Tremor, Marcelo Fabian oder Juana Molina spielten dort und beeinflussten auch die Frikstailers. Rafael erzählt wie es zu der Begegnung kam:
"Der Club und unser Projekt sind zur selben Zeit entstanden. Aber wir kannten einander nicht. 2006 wurden wir dann zu dem renommierten "Mutek Festival" in Buenos Aires eingeladen. Der Clubbetreiber Villa Diamante lud uns dann über myspace in seine neue Location ein. Das Ergbnis war nicht nur eine sehr gelungene Party, sondern auch eine Freundschaft mit der ganzen ZZK-Crew. Aus dem Club wurde schließlich ein Plattenlabel und eine große Künstlerfamilie."
Jungen Musikern und Produzenten aus Lateinamerika fehlte etwas in der Musikszene des Kontinents. Vor allem in Argentinien, wo sich die Popkultur schon lange nicht mehr für den heimischen Tango begeistern konnte. Im elektronischen Zeitalter waren zwar Techno und House auch in hiesigen Clubs populär, aber es fehlte eine eigene tropische Latino-Note. Bis ein lokaler Soundtüftler auf die Idee kam die populäre "Cumbia Villera” -die Schlagermusik der Vorstädte- als Rohmaterial zu benutzen und sie mit elektronischen Elementen zu vermischen:
"Wir dachten, daß Latin Music eine neuen Perspektive braucht. Derjenige, der den Durchbruch einleitete war Dick el Demasiado mit seiner Festicumex. Er nahm Cumbia und generierte sie zu einem neuen Hörerlebnis. Mit vielen Ideen und Spielereien machte er seinen Sound zu einem Avantgarde-Genre und beeinflusste sehr viele Musiker und sogar die Medien. Nachdem es Dick el Demasiado vorgemacht hatte, zogen viele nach die genau das spannend fanden: Elektronische Musik mit "tropical flavours.""
Bei diesen neuartigen, mutierten Cumbia-Interpretationen wird natürlich sehr viel gesampelt. Was für die amerikanischen Hiphop-Pioniere Funk, Soul und Reggae waren- also Fundgruben für Basslines und Beats- sind für die argentinischen Beatbastler oft alte kolumbianische Cumbia Klassiker. Aber die Frikstailers benutzen ebenso gerne Hiphop oder Dancehall-Nummern und unterlegen sie mit einem Cumbia-Rhytmus. So zum Beispiel bei ihrem Remix von "Hold the Line". Ehemals ein trockener Dancehall vom Top-Producenten und DJ Gott "Diplo" (Major Lazer):
"Wir hatten bereits eine mächtige "future-cumbia villera” gebastelt. Aber es fehlte etwas. Im Internet fanden wir die Acapella-Version von Hold the Line; legten sie über unsere Cumbia und: BOOOM! Es war klar, dass es ein Dancefloor-Kracher wird. Pures Glück. Ziemlich schnell meldete sich bei uns eine Werbeagentur aus Buenos Aires. Sie waren begeistert vom Song und wollten unbedingt ein Video dazu machen. Der Clip ist so toll geworden, dass wir ihn zu einer Art Visitenkarte gemacht haben. Wir pressten ihn auf DVD und verschenken ihn an Freunde und Fans bei unseren Auftritten."
Das Video begeistert mit grellen Neonfarben, futuristischen Animationen und Pappmache-Kulissen.Kurz: Mit Electro-Trash. Und das ist genau die Ästhetik, die die beiden Musiker auf der Bühne präsentieren. Rafael erzählt wie sie auf diese Idee kamen:
"Vor circa eineinhalb Jahren bemerkten wir die Wichtigkeit einer guten Live-Show. Aber wir hatten einfach kein Geld um uns professionelle Kostüme und Equipment zu leisten. So fuhren wir zu "Once”, einem großen Ramschladen in Buenos Aires, wo man billige Party-Accessoires bekommt. Und wir deckten uns mit bunten Perücken und den absurdesten Sonnenbrillen ein: Voilà, fertig waren unsere Kostüme. Dann brauchten wir natürlich noch Instrumente, um auf der Bühne nicht nur blöd vor unseren Laptops zu stehen. Der billigste Weg war es hier Videospiel-Interfaces mit Midi-Instrumente zu verbinden. Daher unsere Plastikgitarre und die Control-pads von Nintendo: Damit machen wir Musik. Wir waren schon immer-Fans von Videospiel-Musik, also machte das auch Sinn für uns.
Aber die Jungs können mehr als eine trashige Freakshow abliefern. Sie haben künstlerische Ambitionen und sind Weltweit vernetzt. Ende des vergangenen Jahres veröffentlichten sie auf ZZK-Records ihre EP: ”Bicho de Luz”. Eine Gratwanderung zwischen ihren experimentellen Wurzeln und Clubbeats der neusten Stunde. Und es steht auch schon die Veröffentlichung des Debutalbums an. Dabei reichen die Seilschaften zu echten Größen der Berliner Electroszene:
"Unsere EP Bicho de Luz war eine spontane Geschichte. Wir hatten das Gefühl, dass wir wieder Musik komponieren wollten, die nicht strikt für Clubs ausgerichtet ist. Bevor wir uns Frikstailers nannten, hieß unser Projekt "Sandro Lee and Ralf”. Es war eher Musik zum Hören, also eher fürs Herz und nicht für die Füße. Das war in den letzten Jahren einfach untergegangen. So war das Ziel den Clubsound der Frikstailers und unseren früheren Ideen zu vermengen. Füße und Herz sollten gleichzeitig glücklich werden. Der Titeltrack "Bicho de Luz” ist eher zurückhaltend, während Cumbianchamuyo entschieden nach vorne geht. Die Arbeiten an Debutalbum laufen auf Hochtouren; und wir hoffen, dass wir es schon diesen Herbst rausbringen werden. Es gibt darauf Kooperationen mit Boogat oder den Berliner Electro- Matadoren Jahcoozi. Man darf also gespannt sein."
Der WDR ist nicht für die Inhalte fremder Seiten verantwortlich, die über einen Link erreicht werden.