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Musik
MEXIKO 2.0
Sendung vom 02. April 2011
Cumbia Digital , Cumbia Rebajada, Huichol Musical… der Musikliebhaber wird täglich mit neuen Begriffen konfrontiert und hat kaum die Chance den Überblick zu behalten. Die 5Planeten schaffen Orientierung und schauen nach Mexiko, einem der Motoren der aktuellen Klub-Szene. Reporter Daniel Wahl hat sich mit dem lateinamerikanischen Kult-Produzenten Toy Selectah und seinen Zöglingen, dem Tribal Monterey Kollektiv getroffen und sich mit ihnen über die neuen, innovativen Subgenres unterhalten.
Toy Selectah (vorne) mit seinen Zöglingen DJ Otto, Sheeqo Beat alias Sergio Savala und Erick Rincon (v.l.) vom Tribal Monterey Kollektiv
Die Cumbia Rebajada ist eine der vielen Varianten der Cumbia, die ursprünglich aus Westafrika, beziehungsweise aus Kolumbien stammt. Sie unterscheidet sich von der traditionellen Cumbia durch ihr Tempo: Es geht deutlich schleppender voran. Man hat das Originaltempo ganz einfach gedrosselt, oder wie es im DJ-Jargon heißt: "heruntergepitcht", und durch Effekte fragmentiert. Im Resultat bekommen die Lieder dadurch eine berauschende Note: Verlangsamte, melancholische Akkordeon-Melodien werden von dunklen Männerstimmen oder androgyn wirkenden Frauenstimmen begleitet. Der Rhythmus der Rebajadas ist schwer, geht aber dennoch treibend nach vorne. Über die tatsächliche Geburt der Cumbia Rebajada in Monterrey kursieren in der Szene diverse Geschichten: So heißt es, dass es bei manchen Cumbia-Soundsystems in den Ghettos aufgrund der schlechten Plattenspieler zu der verlangsamten und leiernden Cumbia kam, oder aber dass die Batterien der Ghettoblaster nachließen und man so begann, die Cumbia Rebajada zu tanzen. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Sicher ist, dass die Entstehung dieser Subkultur durch den amerikanischen "Dirty South"- Hip Hop beeinflusst wurde, in dem diese sogenannte "chop and screw"- Technik schon lange weit verbreitet ist. Toy Selectah, Koryphäe der mexikanischen Cumbia Szene, hat diesen neuen Sound bereits Ende 2010 auf der Worldtronic Musikmesse in Berlin vorgestellt.
Toy Selectah: "Zusammen mit Matias Aguayo hatte ich die Möglichkeit die Sounds der Cumbia Rebajada aus Monterrey vorzustellen und zu zeigen wie durch das "Diggen" der alten Cumbia insbesondere in Monterrey bis heute die Sounds der kolumbianischen Cumbia Sabanera aufrecht erhalten wurden. Das alles haben wir dann im Stile eines Soundsystems verpackt."
Traditioneller und ländlicher werden die Klänge bei Huichol Musical. So nennt sich ein relativ neues musikalisches Phänomen aus Mezquitic im östlichen Bundesstaat Jalisco: Fünf junge Männer zwischen 21 und 29 Jahren, die mit Stolz die Festgewänder ihrer indianischen Huicholen-Gemeinde tragen und mit einer beeindruckenden Bühnenshow ihr Livepublikum beeindrucken. Huichol Musical ist eine der originellsten Musikgruppen, die Mexiko in letzter Zeit hervorgebracht hat. Die Mischung aus traditioneller Huichol-Musik und mestizischen Einflüssen - gesungen wird sowohl auf Huichol als auch auf Spanisch - machen die Gruppe zu modernen Ikonen der regionalen mexikanischen Musik. Mit ihrem Hit "Cumbia Cusinela" eroberten sie nicht nur den mexikanischen Markt, ihr Album wurde in den USA sogar für einen Grammy in der Kategorie "Regional Mexican" nominiert.
Toy Selectah: "Interessant war vor allem diese Mischung verschiedener Sounds: Auf der einen Seite Huichol Musical (UITSCHOL MUSICAL), wie man dem Namen schon entnehmen kann handelt es hier um die indigene mexikanische Ethnie der Huicholen die ihre eigene Sprache und Musik pflegt. Wir haben eine Kostprobe ihrer Feierkunst hier in Berlin erleben dürfen. Das war musikalisch sehr spannend. Einerseits komplett rhythmisch und euphorisch, aber anderseits 100 % akustisch: Kontrabass, Biguela, Gitarre und ein Geige, ein absolut tanzbare Geschichte."
Unter den Teenagern der "native-digital generation" gilt der Tribal Guarachero als letzter Schrei , besonders in der Hauptstadt und im nördlichen Monterrey. Die Anfänge des Tribal, wie er in der Regel genannt wird, gehen auf einen DJ in Mexiko City zurück, der 2005 begann, Tribal-House mit prehispanischem Gesang, Flöten und Trommeln zu mischen - den sogenannten Tribal Prehispánico. Nach und nach lehnten sich die Produktionen immer mehr an House und Elektro an und bekamen im Norden, aber auch an der Pazifikküste eine eigene Prägung. Die Menge der wahrhaft simplen Produktionen, die mit ihren Trance-ähnlichen Synthie-Melodien oft an einen Computerspiel-Rave erinnern, ist erdrückend. Momentan geschieht allerdings genau das, was in jedem neueren Genre der globalen Bassmusik, sei es Baile Funk, Kuduro oder Cumbia Digital, passierte: Die Spreu trennt sich vom Weizen. Die mit einfacher Musik-Software produzierten Hymnen des Tribal Guarachero, eigentlich für die Nachmittagsveranstaltungen der Kids bestimmt, die sogenannten tardeadas, begannen sich in rasanter Geschwindigkeit über Download-Portale und soziale Netzwerke zu verbreiten. In den letzten zwei Jahren waren verstärkt die Produktionen aus der Musikhauptstadt Monterrey zu vernehmen, die nicht zuletzt Toy Selectah veranlassten, sich auf die Suche nach den jungen DJs und Produzenten seiner Heimatstadt zu machen. Es dauerte nicht lange, bis der erfahrene Musik-Scout und ehemalige A&R die drei Jungs unter seine Fittiche nahm, um im Spätsommer 2010 deren erste digitale EP mit dem Titel Tribal Monterrey Putos im Internet zu veröffentlichen.
Toy Selectah: "2009 durchwühlte ich die Stände auf den CD-Märkten in Monterrey (Schwarzmarkt) wo man diese CD's mit über 100 mp3s kaufen kann. Unter den vielen Namen fand ich eben auch den Namen dieses Tribal-Kollektivs, vor allem fielen mir die die Produktionsfortschritte in ihren Stücken auf und natürlich dass sie aus Monterrey stammten. Außerdem merkte ich dass die Jungs mehr kolumbianische Cumbia und Akkordeon und die typische Guacharaca in ihre Lieder mischten. Schließlich verfolgte ich ihren Weg über Myspace und fand heraus das sie bislang viel Latin House und Elektro produzierten. Dann sah ich sich hinter dem Tribal-Kollektiv aus Monterrey die Namen Sheeqo Beat alias Sergio Savala, DJ Otto und Erick Rincon."
Beindruckend ist die Souveränität mit der die drei Mitglieder des Colectivo Tribal Monterrey - allesamt noch minderjährig - auf die Bühne treten: Als hätten sie in ihren Leben nichts anderes gemacht lassen sie ihre eigenen Produktionen auf das Publikum los. Erick Rincon, gerade mal 17 Jahre alt, ist bereits ein gefragter Remixer und hat schon für Namen wie Schlachthofbronx oder Daniel Haaksman seine Fertigkeit unter Beweis gestellt.
Eric Rincon (3Bal MTY): " Hallo. Mein Name ist Erick Rincon, ich bin 16 Jahre alt und Teil des Monterrey Tribal Kollektivs. Mit 13 habe ich angefangen, auf privaten Parties aufzulegen. Auf einer dieser Parties kam dann ein älterer Kollege auf mich zu und lud mich zu einem Nachmittags-Gig in einem Club ein. Kurz darauf hörte mich ein anderer Club-DJ, der mir schließlich meine erste Residency in einem anderen Club verschaffte. Ich spielte zwar schon Tribal, aber das waren noch keine eigenen Produktionen. Ich versuchte mich damals in Trance-Musik, was mich aber offengestanden nicht weiterbrachte. Dann produzierte ich House und Elektro, bis ich mich schließlich auf den Tribal konzentrierte."
Mit Toy Selectahs neuen EP "MEX-MACHINE", die jüngst auf Diplos Mad Decent Label erschienen ist, gelangt der Tribal aus Mexiko nun auch ins Zentrum der Aufmerksamkeit der hippen Musikszene. Unter anderem steuerte auch DJ Sheeqo Beat vom Collectivo Tribal Monterrey einen gelungenen Remix zu der Scheibe bei. Er selbst sieht der Zukunft des Genres positiv entgegen, nachdem es sich mittlerweile in verschiedenen Regionen Mexikos Produzenten zur Aufgabe gemacht haben, mit dem Rhythmus zu experimentieren und diesem damit neue Facetten zu verleihen. Neben den zahlreichen DJs und Produzenten in Mexiko City sind es Projekte wie Maria y José und die Gruppe Los Macuanos in Tijuana, aber auch DJ Tetris in Oaxaca, die dem Genre ihren Stempel aufdrücken.
Sheeqo Beat (3Bal MTY):"Der Tribal Guarachero in Mexiko kennt verschiedene Ausprägungen. Unser Tribal aus dem Norden bzw. aus Monterrey ist sehr elektronisch beeinflusst, in Oaxaca ("Oaháka") an der südlichen Pazifikküste macht DJ TETRIS einen etwas anderen Tribal. Aber nach und nach integriert auch dieser viel elektronische Musik und entwickelt sich zum Positiven. Und in Tijuana zum Beispiel machen MARIA Y JOSÉ und die MACUANOS ebenfalls Tribal, aber wesentlich einladender zum Tanzen d.h auf 115 bis 120 BPM, es ist ein anderer Stil. Gut ist vor allem, dass sich das Genre in Mexiko weiterentwickelt und verändert."
Schon längst haben Produzenten aus den USA und Europa am Tribal Guarachero Gefallen gefunden und einige Stücke aus dem Bereich des UK Funky/House mit prägnanten Tribal-Elementen angereichert, also quasi "europäisiert". Bleibt abzuwarten, wie das Publikum hierzulande das Genre annehmen wird, sobald es in die Marketing-Zirkulation bekannterer Labels dringt, und wie sich diese Musik an sich verändern wird.
Fest steht, dass der Tribal Guarachero der Soundtrack einer ganzen Facebook- und Twitter - Generation ist - zumindest in Mexiko - und immer mehr Kids an sich bindet, egal ob diese in unseren Augen auf den ersten Blick in die Kategorie Emo oder "Cumbia-Gangsta" fallen. Dem regen Austausch von Tribal-Stücken zufolge, scheint die Global Bass Community das Genre mit Wohlwollen aufgenommen zu haben, was die jungen Produzenten in Mexiko antreibt ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen und sich ständig weiterzuentwickeln. Das kommt, so Toy Selectah, einerseits der globalen Szene zu Gute und andererseits dem einheimischen Markt, der damit eine Erweiterung der regionalen Musik erfährt.
Toy Selectah: "Es liegt auf der Hand, dass wir neben der internationalen Entwicklung dieser Musik ebenfalls eine nationale Entwicklung der populären Clubmusik in Mexiko haben: die Kids sind heutzutage 24 Stunden online auf dem Handy und am Computer, sie sind Teil einer audiovisuellen Medienkultur. Ganz egal ob du in Mexiko oder in den USA auf dem Land wohnst oder sonst wo, ziehst du ein rosa Hemd und enge Jeans an, bist du Teil einer neuen Generation. Und ich kann mit Sicherheit sagen, dass der Tribal die mexikanische Musik des 21. Jahrhunderts ist. Und in Mexiko könnte dies nach dem Durangense (moderne, pfiffige Banda-Musik aus dem Staat Durango) die nächste Form regionaler Tanzmusik sein, vielleicht noch in der 2. Hälfte des 21 Jahrhunderts: die Musik der Jugendlichen, die in den Clubs getanzt wird. Fakt ist dass, wir in den nordamerikanischen Rodeo-Clubs und in den Clubs, in denen regionale mexikanische Musik läuft, wie z.B. in Chicago, Dallas und in Kalifornien, Tribal zu hören ist."
Man kann also weiterhin gespannt sein, welche neuen Sounds uns aus den Klanglaboren Mexikos erreichen werden, den Namen Toy Selectah und das Tribal Monterey Kollektiv sollte man dabei allerdings auf jeden Fall auf dem Schirm behalten!
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