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CD der Woche 22. Oktober 2012

"Alien Na Favela"

DJ Farrapo & Yanez

Agogo Records

Zwei Italiener im Brazilfieber: DJ Farrapo und Yanez aus Bologna fusionieren die ganze Vielfalt brasilianischer Rhythmen und Stile mit flotten Club-Beats. "Alien Na Favela", "Außerirdische in der Favela" heißt ihr Debüt-Album, unsere CD der Woche. Und was die beiden zusammenmischen, macht gute Laune und bringt jede Stehparty in Bewegung.


DJ Farapo - Alien no favela; Agogo Records


"Alien No Favela"; Rechte: Agogo Records Bild vergrößern

"Alien No Favela"

Was machen Außerirdische, wenn sie in einer Favela landen? Einem jener Slumviertel am Rande der brasilianischen Metropolen, die nicht nur für Armut und Kriminalität berüchtigt, sondern auch als Kreativlabore und musikalische Hotspots weltberühmt sind. Sie fangen garantiert an zu tanzen! Jedenfalls, wenn sie dort einem Stück wie "Alien Na Favela" begegnen. Mit seinen Salsa-Bläsern vom Band, die mitreißende Latin-Stimmung verbreiten, lädt es tuckernd und fiepsend und ohne Umschweife dazu ein, sich sofort in Bewegung zu setzen. Der fordernde Flow des angolanischen Rappers Ikonoklasta besorgt den Rest: "Move your antenna, the rest will follow!"


Original und Remixes

Der Titeltrack ist, in ganz unterschiedlicher Gestalt, insgesamt sechs Mal auf der Doppel-CD "Alien Na Favela" zu hören. Der dänische DJ und Produzent Al Lindrum, der als Globetrotter zwischen Barcelona und Sarajewo pendelt, hat das Stück auf einen fliegenden Teppich geschnallt, und lässt es mit Sitar- und Tabla-Klängen in orientalische Drum'n'Bass-Gefilde entschweben. Der italienische Produzent Tommaso Berardocco alias Suonho hat in seinem "Broken Cuica Remix" die Bläser und Rap-Parts rausgeworfen und den entkernten Rest mit fetten Funk-Bässen unterlegt, nur die Klarinette geistert noch einsam und verloren durch den Raum. Vergleichsweise originalgetreu ist dagegen der "Acido Domingo Remix" ausgefallen, während die beiden Brüder JrDeep und Guilhermo Lopes aus São Paulo, die unter dem Namen Drumagick firmieren, das Stück kurzerhand durch den Rührfix gejagt und mit lärmigen, fabrikmäßigen Industrie-Beats zerhackt haben, bis vom Original kaum noch etwas übrig geblieben ist.


Die Bologna-Brazil-Connection

DJ Farrapo und Yanez, die "Alien Na Favela" geschrieben haben, sind seit 2005 als Duo unterwegs. Sie stammen aus der norditalienischen Universitätsstadt Bologna, haben aber beide ihr Herz an Brasiliens vielfältige Musikszene verloren. Der Ältere von beiden, Giorgo Cencetti alias DJ Farrapo, begann seine Karriere in den 1980er-Jahren als Keyboarder in einer Band, bevor er als DJ und Produzent auf Breakbeats, Funk und Nu Jazz umsattelte, und schloss sein Studium an der Uni Bologna mit einer Dissertation über die Geschichte der Hammond-Orgel ab. Das mit liebe zum Detail gestaltete Cover ist von dem brasilianischen Künstler Oniound gemalt und wurde umgesetzt vom Grafiker Pezao.


Spielerische Vielfalt

Yanez' poppige Darstellung einer Stadtlandschaft, in der ein Ufo landet, ist verschachtelt und verspielt, weist aber einen klaren Strich, kräftige Farben und scharfe Konturen auf. Vergleichbares lässt sich auch über die Elektro-Tracks von DJ Farrapo und Yanez sagen. Sie schöpfen nicht nur aus Bossa Nova und Samba, sondern aus der ganzen Vielfalt brasilianischer Rhythmen und Stile, vor allem jene des brasilianischen Nordostens wie Forró haben es ihnen angetan. Das aufgekratzte "Frango Assado", der mit einem markanten Hühnergegackern im Intro beginnt, wurde eigens für einen Kurzfilm komponiert und ist schon vier Jahre alt. Auch die Single "Baiano Vem, Baiano Vai" dürfte dem einen oder anderen bekannt vorkommen, denn ihre Stücke konnten DJ Farrapo und Yanez schon auf diversen Compilations, in TV- und Radiosendungen platzieren. Darüber hinaus aber bietet ihr Debüt-Doppelalbum "Alien Na Favela" auf zwei CDs viel Neues - und über zwei Stunden reines Hörvergnügen.


Brazil MCs am Start

Auf "Alien Na Favela" sind viele Gäste zu hören, vor allem aus der brasilianischen HipHop-Szene. Die brasilianische Rapperin Flora Matos, Jahrgang 1988, verpasst der Brazil-Funk-Nummer "Tudo Vira Danca", die mit hektischem Maschinenbeat und quirliger Nordestino-Melodie aufwartet, ihre ganz persönliche Note. Die Sängerin Ivete Souza ist auf "Avisado" und "Baiano Vem Baiano Vai" dabei, MC Papo Reto aus Rio de Janeiro auf zwei weiteren Tracks. Außerdem haben DJ Farrapoi und Yanez tief in ihren Musikkoffern gegraben und allerhand ausgefallene Instrumente ausprobiert. In "Tudo Vira Danca" sorgt ein brummendes Didgeridoo für einen hypnotischen Drone-Effekt. In "Preciso Mudar" greift die Sängerin Eloisa Atti zur Concertina, einer Art Mini-Ziehharmonika, und eine Wurlitzer-Orgel steuert psychedelische Klänge bei. Und in ihrem Hit "Mojito com Cachaca" sowie im Titelsong spielen die kleine Samba-Gitarre Cavaquinho sowie eine Klarinette eine prominente Rolle.


Mojito à la Hemingway

Wegen der Klarinerre klingt "Mojito Com Cachaca" zwischendrin gar, als hätte sich ein Klezmer-Musiker auf ein Dorffest in Brasilien verirrt - was in einem Melting Pot wie Brasilien gar nicht so absurd sein dürfte, wie man zunächst meinen könnte. Das Stück, das lässigen Samba-Flair verströmt, ist eine Hommage an den brasilianischen Zuckerrohrschnaps, der gewöhnlich in Caipirinha-Drinks gemixt wird. Wenn man ihn an Stelle von Rum in Hemingways kubanischem Lieblingscocktail mixt, muss man aufpassen, denn zu viel Minze verträgt sich nicht so gut mit dem Geschmack des Cachaca. Doch DJ Farrapo und Yanez wissen stets, ihre Zutaten gekonnt und dezent zu dosieren, so dass man sich um das Resultat keine Sorgen machen muss.


Global Dance Community

Auch für ihre Remix-Aufträge konnten DJ Farrapo und Yanez geschmackssichere Kollegen gewinnen, die alle in Sachen Global Beats Rang und Namen haben - vom französischen DJ Click bis zu DJ Panko, dem ehemaligen Scratchmeister der Flameco-HipHop-Band Ojos de Brujo, von Chong X, einem tschechischen Ragga-Produzenten, der in Peru sein Lager aufgeschlagen hat, bis zu Alain de Laniere, einem französischen Techno-und Nu-Jazz-DJ, oder den österreichischen Downbeat-DJ Herbert Bachofer alias Shantisan aus dem Etage Noir-Umfeld.


Bass, Raps und Zahnräder

Einige Stücke haben DJ Farrapo und Yanez gleich mehrfach aus der Hand gegeben. Für die ursprünglichen Version von "Preciso Mudar" etwa, dessen tropische Melodie sich so geheimnisvoll wie eine Schlange durch den Amazonas-Dschungel windet, konnten sie die Sängerin Eloisa Atti aus Bologna verpflichten sowie MC Magú, einen der Stars der brasilianischen HipHop-Szene, der gezielt seine lässigen Lyrics fallen lässt. DJ Adish aus Wien hat den Track in einen verrauchten Partykeller gesperrt, aus dem dumpfe Bässe und die Stimme der Sängerin wie aus einem dichten Dub-Nebel dringen. Das Remix-Team "Frohlocker" (aka Wanja Sälzer und Gabriel Zahn) aus Rheinland-Pfalz dagegen hat "Preciso Mudar" dagegen auf über sieben Minuten ausgewalzt, in luftige Sphären über den Wolken verfrachtet, um ihn dann wieder in die Tiefen des Dancefloors hinunter zu ziehen. Wie Zahnräder greifen die fetten Drum'n'Bass-Beats ineinander, auf den Rap-Part des Originals haben sie dabei fast ganz verzichtet.


Kurzum: "Alien Na Favela" ist so abwechslungsreich und vielseitig, dass man es auf jeder Stehparty einfach durchlaufen lassen kann. Irgendwann fangen die Gäste garantiert ganz von alleine an zu tanzen - selbst dann, wenn sie von einem anderen Stern stammen.
(Daniel Bax)



Titel"Alien Na Favela"
VertriebAgogo Records



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