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CD der Woche 20. August 2012

"40° Of Sunshine"

Bibi Tanga & The Selenites

(Nat Geo Music)

Es gibt Musik, die nur heute, in der globalisierten Welt, möglich ist und durch den Austausch von Ideen über Kontinente hinweg so herausragend wird. Bibi Tanga ist jemand, der die Speerspitze dieser Bewegung bildet. Ein Sänger und Multi-Instrumentalist, der in Paris lebt, seine Wurzeln aber in der Zentralafrikanischen Republik hat. Sein Stilmix bewegt sich zwischen Funk, Spoken Word, Afrobeat - alles sehr groovy und heiß. Mit "40° Of Sunshine" erscheint nun sein zweites Studioalbum. Es ist unsere CD der Woche.


Bibi Tanga & The Selenites; Nat Geo


"40° Of Sunshine"; Rechte: Nat Geo Bild vergrößern

"40° Of Sunshine"

Das Titelstück auf "40° Of Sunshine" erzählt die Geschichte, was passieren würde wenn man Alkohol durch flüssigen Sonnenschein ersetzt; ein Drittel Liter Sonnenschein in Flaschen. Gedanken, die einer Fata Morgana gleichen. Bibi Tanga & The Selenites verarbeiten auf ihrem zweiten Studioalbum die intensiven Erfahrungen einer zweimonatigen Afrika-Tournee, die sie durch zwölf heiße Länder führte. Entstanden ist ein explosiver Soundtrack "from out of Space". Ein facettenreiches Soundbild in zwölf Stücken voller Afrobeat, Funk, HipHop, Jazz, tiefen Grooves und vielschichtigen Soundcollagen. Die Musiker trafen sich zu nächtlichen Jamsessions um ihren afrikanischen Roadtrip zu vertonen. "40° Of Sunshine" ist die letzte Etappe eines Multi-Instrumentalisten und Bandleaders, der sich selbst als "Weltbürger" versteht.


Von Bengui nach Paris

Bibi Tanga wird 1969 in der staubigen Zentralafrikanischen Hauptstadt Bengui geboren. Doch gleich nach seiner Geburt geht er samt seiner Eltern und der sechs Geschwister nach Paris. Als Diplomatensohn folgt eine Kindheit die von Umzügen in die Metropolen der Welt geprägt ist. Die Großfamilie folgt dem Vater nach Moskau, Washington, New York, ehe sie wieder in der Französischen Hauptstadt sesshaft wird. In der zentralafrikanischen Heimat wird geputscht. In Paris finden die Tangas politisches Asyl und Bibi eine musikalische Crossover-Sozialisation. Britischer New Wave und Punk, Afrikanischer Pop und Amerikanischer Blues und R&B bilden den Grundstock. Den Rest erledigt die riesige Plattensammlung des Vaters, die zu Bibi Tangas Inspirationsquelle wird: Hier findet er Schallplatten von Fela Kuti, James Brown, Bob Marley und Jimi Hendix.


Le Professeur Inlassable und die Selenites

Doch Bibi reicht das Stöbern nicht aus. Er sieht sich als Macher und lernt im Teenager-Alter Gitarre, Bass und Saxophon zu spielen. Später folgen Gesangs- und Stepptanz-Unterricht. Die ersten Performances erfolgen nicht auf Bühnen, sondern in der Pariser Métro. Die ganz normalen Leute auf ihrem Weg zur Arbeit halten als eine Art Jury her. Ihr positives Feedback, die mitwippenden Beine und das Lächeln beim Verlassen der Nahverkehrszüge zeigen dem jungen Franko-Afrikaner, dass er mit seiner Musik auf dem richtigen Weg ist. Wenige Jahre später kommt es zur Schlüssel-Begegnung: Bibi Tanga lernt den DJ und Produzenten Le Professeur Inlassable kennen. Der Soundtüftler haucht Bibis futuristischer Afro-Pop-Melange französische Retro-Zitate von Edith Piaf, Jaques Brel und Serge Gainsbourg ein. Gemeinsam mit Arthur Simonini an der Violine und Keys, Rico Kerridge an der Gitarre und Arnaud Biscay an den Drums sind sie Bibi Tanga & The Selenites.


40° Of Sunshine

Bibi Tanga bringt mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit weit auseinanderliegende Zeiten und Orte zusammen. Tänzelnd schlägt er eine Brücke über den atlantischen Graben, der die USA von Europa und Afrika trennt, und fügt deren musikalische Landschaften zu einem neuen Kontinent zusammen. Er selbst erklärt sein kosmopolitisches Gemisch mit einem Kindheitserlebnis: Mit eigenen Augen sah er Ende der Siebzigerjahre in Brooklyn der Geburt des HipHop zu. Aus Disko, Funk und Jazz wurde etwas Neues: Rap. Bibi Tanga sieht sich als Produkt dieser Mashup-Kultur. Mit "40° Of Sunshine" hievt er diese zauberhafte Melange auf ein neues Level und setzt sich gleichzeitig intensiv mit seinen afrikanischen Wurzeln auseinander. Der Sound ist tanzbarer und sonniger geworden. Auf zwei Songs singt der Franko-Afrikaner sogar in seiner Heimatsprache Sango. Zum Beispiel beim Stück "Banda a Gui Koa". Bei dem treibenden Secousse-Stück geht es um die Liebe von Immigranten zu Speisen aus ihrer Heimat. Der Song "Kangoya" hingegen ist dem traditionellen Palmwein gewidmet: Ein Getränk, das in seiner Heimat wie kein anderes Menschen zusammenbringt.

Doch Bibi Tanga will nicht verklären und ein schiefes Bild seines Kontinets zeichnen. Bei "My people cant handle this" werden sozialkritische Themen wie das Wohlstandsgefälle und der Mangel an medizinischen Gütern in ein kraftvolles Funk-Rock-Gewand gehüllt. Es geht um die Kehrseite afrikanischer Realität: AIDS, Hunger, Rebellion. Ironisch werden Bibi Tanga & The Selenites nur wenn es um die eigene Gesundheit geht: Das Stück "My Heart is Jumping" ist um Professeur Inlassables Loops aus einer obskuren Platte aus den 30ern gebaut, auf dem eine Frau 'My heart is jumping' singt. Zwei Tage nachdem le Professeur den Loop gebastelt hat, hatte er selbst einen kleinen Herzinfarkt. Heute wird über den Zwischenfall gelacht. Wahrscheinlich ist es diese furchtlose und direkte Auseinandersetzung mit dem Alltag, die in Bibi Tanga & The Selenites einen magischen kreativen Prozess hervorruft. "40° Of Sunshine" ist ein Album voller Überraschungen. Man weiß nie wo der Kopf hingeführt wird, aber die Füße bleiben in jedem Fall auf der Tanzfläche.
(Lukasz Tomaszewski)



Titel"40° Of Sunshine"
Vertrieb(Nat Geo Music)



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