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CD der Woche 20. Februar 2012

"Peau Rouge"

R.Wan

Chapter Two

"Peau Rouge" bedeutet rote Haut. Für R.Wan aus Paris gibt es gute Gründe, sein neues Album so zu nennen. In der Hitze der Bühnenshow wird er schnell rot, zugleich fühlt er eine Verwandtschaft zu den Indianern. Mit seinem dritten Werk ist ihm ein furioses Selbstporträt gelungen - entlang von Chanson und Rap. Unsere CD der Woche.


R.Wan; R.Wan


Es war die Pioniertat seiner ehemaligen Gruppe Java, die Kreuzung aus Rap und Musette, jener französisch swingenden, akkordeonlastigen Musik im Dreivierteltakt. Doch Erwan Seguillon alias R.Wan wurde der Bandalltag schließlich zu eng. Auf Solopfaden fühlt er sich heute wohler, denn hier kann er - ganz ohne Akkordeon - einer Bastardisierung verschiedenster Stile frönen, seine eigene "Métissage", Mischung vorantreiben. Und so trifft in den Stücken des aktuellen, in Frankreich bereits enorm erfolgreichen Werks "Peau Rouge" Spoken Word auf psychedelische Chöre, Bolero auf Surfrock und Balkanflair auf einen betörenden Duft.


Piratenradios und Reggae-Vinyl

R.Wan ist einer, der von Anfang an mit dem Untergrund sympathisiert hat, dabei aber durchaus bürgerlich aufgewachsen ist: Als Jugendlicher lauscht er den Ende der Achtziger so beliebten Pariser Piratenradios, lernt über sie Rap und jamaikanische Musik kennen. Er deckt sich mit jeder Menge Reggae-Vinyl ein, beginnt über die B-Seiten zu toasten. Als die französische Musikszene sich des HipHops bemächtigt, ist er mit seinem ersten Soundsystem dabei. Doch von den Gangsta- und Rastaman-Klischees hat er schnell genug, mit seiner Realität haben sie nichts zu tun.


Rap Musette und Radio Cortex

R.Wan: "Peau Rouge"; Chapter Two Bild vergrößern

R.Wan: "Peau Rouge"

Also sucht er sich ein paar Kollegen, mit denen aus der eigenen Kultur schöpft. Java heißt die innovative Band, die sich 2000 formiert und Musette-Samples der 1940er mit Sprechgesang vermählt, das Akkordeon auf den Kopf stellt und dem HipHop authentischen französischen Anstrich gibt. Sechs Jahre später ist ihm das nicht mehr genug: R.Wan biegt ab und verfolgt mit seinen zwei "Radio Cortex"-Alben eine Stichstraße. Die beiden Werke werden zur Widmung an die Piratenradios der Jugend, ein stilistisch ungebremstes Switchen durch alle möglichen Stationen des Weltempfängers.


Der Nashornmann

Im dritten Kapitel seines Solopfades präsentiert sich R.Wan auf dem Cover nun als Monstrum - halb Nashorn, halb Mensch. Der "Rhinocer-homme" steht als schlüssiges Symbol für sein unermüdliches Bestreben nach Verbindung des Unmöglichen, als Metapher für einen musikalischen Mutanten im besten Sinne. "Meine Musik soll immer eine Kreuzung sein", so seine Maxime. Und auch die Widmung an die "Rothaut" passt prima zu seiner Vision: "Der Indianer steht für denjenigen, der das Gesetz verweigert, damit seine Kultur sich behaupten kann, der sich der Gleichmachung widersetzt", erläutert R.Wan.


Rebell mit Humor

Die rebellische Kraft ist in buchstäblich jedem der zehn Titel spür- und hörbar: In "CRS Mélomane" porträtiert er sich als feingeistigen Jazzliebhaber, der groteskerweise bei einer mobilen Schlägertruppe arbeiten muss. Mit Balkananklängen ist "Papier D'Arménie" eine dunkel gefärbte Hommage an die betörend duftenden Rauchpapierchen, in der auch der armenische Genozid angedeutet wird.


Psychedelische Feen

Halluzinogen geht es in den "Trois Fées" zu, als Slam-Poet greift er hier auf einen Text des Schriftstellers Alexandre Kauffmann zurück: "Die drei Feen, die grüne, die weiße und die braune, stehen stellvertretend für Drogen, und in dem Stück zeichne ich nach, wie jemand, der mit diesen Drogen experimentiert, langsam in die Hölle absteigt", so R.Wan. Das gelingt ihm mit gruseligen, psychedelischen Klängen nebst schauerlichem Frauenchor. Handfest und beißend hingegen "Américaine", eine Kritik an die frömmelnde Bigotterie der USA, verpackt in einen Rock'n'Roll. Im Leo Ferré-Cover "La Maffia" schließlich geht es den Mechanismen des Showbusiness an den Kragen.


Französische Liebesaffäre

Ferré war es auch, der ihm die Welt der Dichtung erschlossen habe, bekennt R.Wan dankbar. Denn die französische Sprache ist für ihn eine Liebesaffäre, sie dient ihm zur Perfektionierung seines höchsten Ziels: "Französisch ist an und für sich keine rhythmische Sprache", so seine Einschätzung. "Meine ewige Suche ist es, Rhythmen zu verwenden, die aus Amerika und aus Afrika kommen, die den Tanz in sich tragen. Und dann biege ich die langue française so lange, bis sie zu diesen Rhythmen passt. Eine Lebensaufgabe!" Er hat sie spätestens mit diesem Album gemeistert.
(Stefan Franzen)



Titel"Peau Rouge"
VertriebChapter Two


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16.04 bis 18.00 Uhr
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Moderation:
Zozan Mönch

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