Dienstag, 07.02.2012
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"Karimba"
ESL Music
Novalima aktualisieren afroperuanische Rhythmen wie Ingá und Tondero mit Clubsounds aus Dub, Latin und Elektro. Die Band aus Lima bringt nun ihr neues Album raus: "Karimba". Darauf setzen sie sich mit der kolonialen Geschichte Perus auseinander. Global Pop auf der Höhe der Zeit. Unsere CD der Woche.
Beitrag von Lukasz Tomaszewski (3'55)
Peruanische Musik kennen die meisten nur aus der Fußgängerzone von Indio-Combos mit Panflöten. Aber Peru blickt auch auf eine über 200 Jahre alte Musikkultur zurück. Es ist die Hinterlassenschaft des Sklavenhandels, der erst 1845 abgeschafft wurde. Das Erbe dieses düsteren Kapitels in der Landesgeschichte, deren Folgen die schwarze Minderheitenbevölkerung bis heute zu spüren bekommt, besteht aus einer weiten musikalischen Tradition: kuriose Instrumente wie der präparierte, schnarrend klingende Eselskiefer, die Holzkastentrommel Cajón, sowie viele komplexe Rhythmen wie Ingá, Tondero, Panalivio oder Zanacueca. Novalima nähern sich dieser kulturellen Schatztruhe mit viel Respekt. Und sie haben ihre Vision auf dem neuen Album "Karimba" noch verfeinert.
Dabei hat keines der vier Gründungsmitglieder afrikanische Wurzeln. Sie stammen aus der weißen Mittelschicht. In der gemeinsamen Schulband begeistern sich die vier Freunde für Punk und Hardcore, während sie auf Familienfesten und auf der Straße traditionelle peruanische Musik hören. Ohne moderne Technologien hätte sich die Musikerfreundschaft vermutlich im Sande verlaufen. Denn das Studium trieb sie nach Hong Kong, London und Barcelona. Fortan verständigten sie sich über das Internet. Sounds und Tracks wurden über E-Mail verschickt. Das Material landete bei Produzent Ramon Perez Prieto, der es mit lokalen Instrumentalisten zu Songs zusammensetzte. Das Ergebnis: das selbstbetitelte Debütalbum "Novalima" von 2001.
Über Nacht wurde das virtuelle Projekt zum Geheimtipp in ihrer Heimat Peru. Der Erfolg zog die einzelnen Mitglieder nach und nach wieder zurück in die Hauptstadt Lima. Aus dem Produzenten-Projekt wurde eine achtköpfige Band mit Sängern, Bläsern und Rhythmussektion. Novalima stellten erstmals überhaupt die Verbindung zwischen kolonialen Wurzeln und moderner elektronischer Musik her. Das 2009 veröffentlichte Album "Coba Coba" setzte sich mit den vielfältigen Rhythmen der afroperuanischen Kultur auseinander und vermengte sie mit ihren musikalischen Geschwistern: Reggae, Dub, Salsa, HipHop, Afrobeat und dem kubanischen Son. Damit krempelten Novalima die heimische Musikszene um und machten "Afro Peru" für die urbane Latino-Jugend attraktiv. Die weltweite Resonanz ist seither erstaunlich gewesen: Konzerte auf den ganz großen Bühnen von Roskilde, dem Central Park oder dem Montreal Jazz Festival folgen. Bei einem Konzert von Funkhaus Europa treten sie erstmals in Deutschland auf. Es folgte eine Latin-Grammy-Nomminierung. Mit diesen Songs brachte er die Menschen zum Tanzen und ihren Geist in Bewegung. Mighty Sparrow gelang es, so über das Weltgeschehen zu berichten, dass es auch der einfache Mann auf der Straße verstand.
Das neue Album "Karimba" ist nun eine gelungene Vertiefung der für sie so charakteristischen Mischung aus Tradition und Zukunft. Wieder treffen satte Clubsounds auf die schwarzen Roots ihrer Heimat. Die neuen Kompositionen heben sich dieses Mal auch textlich stark vom Mainstream ab, ohne dabei in gängige Nord-Süd-Klischees zu verfallen. Novalima thematisieren auf in mehreren Songs den immer noch aktuellen Rassismus in Peru. Traditionelle Rhythmen gepaart mit anekdotenhaften Texten - so präsentieren Novalima die Errungenschaften des afropueruanischen Erbes in der heutigen Zeit.
Zwar hat das Album keine universelle Botschaft. Aber Novalima appellieren immer wieder an das Geschichtsbewusstsein ihrer Landsleute. Beispielhaft dafür ist der Titelsong "Karimba". Karimba hieß das Brandzeichen, das die versklavten Afrikaner mit dem Vieh der Kolonialherren teilten. Der Song erzählt die Geschichte, wie eines Tages auf der Farm des weißen Kolonialherren ein Rind stirbt und den Sklaven zum Verzehr vorgesetzt wird. Diese jedoch lehnen ab, weil das Rind dasselbe Brandzeichen wie sie trug. Es wurde als "Hermano Buey", als "Bruder Rind" angesehen. Mit dem schnellen Stück "Festejo" wiederum beweisen Novalima auch ihr Gespür für Dance Tunes. Über dem treibenden Upbeat singt Rosita Guzman, während Tüftler Perez Prieto an futuristischen Soundeffekten dreht. Mit "Karimba" werden Novalima einmal mehr ihrem Bandnamen gerecht: "Das Neue Lima". Hier wird es erfunden und mit Leben und Groove gefüllt.
(Lukasz Tomaszewski)
| Titel | "Karimba" |
|---|---|
| Vertrieb | ESL Music |
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