Mittwoch, 16.05.2012
Sie befinden sich hier:
WDR.de
Funkhaus Europa
Musik
Sparrowmania
Strut Records
Karneval steht vor der Tür. Hier schunkelt man zu Schlagern, in der Karibik tanzt man zu Calypso. Mighty Sparrow ist der unbestrittene König des Calypso. Seit über 50 Jahren wird er in seiner Heimat Trinidad und Tobago verehrt wie Bob Marley in Jamaika.
Karibik, 1956. Der 20-jährige Sänger Slinger Francisco alias Little Sparrow kommt gerade von einer Tour aus Guyana wieder. Eine Krankheit zwang ihn, die Tour vorzeitig abzubrechen. Nun ist er wieder in seiner Heimat Trinidad. Der Karneval steht vor der Tür und mit ihm die Talentwettbewerbe, bei denen Calypso-Künstler gegeneinander antreten. Er ändert seinen Namen in Mighty Sparrow und gewinnt mit dem Song "Jean And Dinah" zum ersten Mal den Titel "Calypso Monarch". 1960 covert Weltstar Harry Belafonte den Song, und ab da nimmt die Karriere vom 'Mächtigen Spatz' an Fahrt auf. Belafonte besorgt ihm einen Plattenvertrag in den USA, parallel gründet Sparrow sein eigenes Label National Recordings. Die Zeit des Aufbruchs, als der Calypso-Star außerhalb der Karibik bekannt wurde, dokumentiert die liebevoll aufgemachte Doppel-CD "Sparrowmania".
Die Faszination an Mighty Sparrow ergibt sich aus einer uniwderstehlichen Mischung. Grundlage ist der Calypso, eine Tanzmusik, die sich schon im 19. Jahrhundert in der Karibik entwickelt hat und die Sparrow mit R'n'B, Boogaloo und Big-Band-Sounds würzt. Das macht gute Laune und lässt kein Bein still stehen lässt. Dazu kommt seine Stimme, die von klagenden, fröhlichen bis zu treibenden Kommando-Tönen ein weites Spektrum abdeckt. Als Krönung kommen seine Texte dazu, in denen er immer wieder seine Wortgewandtheit unter Beweis stellt. Bestes Beispiel auf der Doppel-CD ist das Stück "Picong Duell", in dem Mighty Sparrow und sein Mentor Lord Melody sich spontan in einem lyrischen Wettkampf messen. Dieselbe Tradition des verbalen Schlagabtauschs findet man heutzutage im HipHop.
Was ihn noch ausmacht, ist die Fähigkeit, heikle Themen doppeldeutig aufzugreifen. Als ein Beispiel sei hier "Congo Man" von 1964 erwähnt, das bis 1989 nicht im Radio gespielt werden durfte. Auf einem dumpf nach vorne treibenden Groove berichtet Sparrow wie sich zwei weiße Frauen im afrikanischen Urwald verlaufen und von Eingeborenen verspeist werden. Er spielt damit auf die damals instabile Lage im Kongo an, thematisiert aber auch Vorurteile gegenüber Afrika, sowie den Wunsch schwarzer Männer eine hellhäutige Frau zu erobern.
Unverhohlene Sozialkritik übt er auf dem Uptempo-Song "Kennedy and Krushchev und thematisiert dabei den Konflikt zwischen den Weltmächten USA und UdSSR. Höhepunkt des Albums ist "The Slave", das in einem für Calypso ungewöhnlich langsamen Tempo die Leiden eines in die Karibik verschleppten Afrikaners beschreibt. Berichte über Feldarbeit, Peitschenhiebe und Fluchtgedanken werden immer wieder von der Klage "Lord, I wanna be free" unterbrochen.
Mit diesen Songs brachte er die Menschen zum Tanzen und ihren Geist in Bewegung. Mighty Sparrow gelang es, so über das Weltgeschehen zu berichten, dass es auch der einfache Mann auf der Straße verstand.
Doch Mighty Sparrow ging noch weiter und trug Calypso in die Welt hinaus. Er trat in den USA auf und hatte Kontakt zu Big Bands in Trinidad und New York. In "Calypso Boogaloo" vermischt sich die Musik seiner Heimat mit dem damals angesagten Boogaloo zu einem unwiderstehlichen Tanzstück. Songs wie "Sweet Loving" betören mit knackigen Funk-Rhythmen und satten Bläserarrangements. Mit dem jamaikanischen Bandleader Byron Lee verpasste er Otis Reddings Soulklassiker "Try A Little Tenderness" einen karibischen Anstrich. "Sparrowmania" zeigt nicht nur die Fähigkeiten eines großartigen Musikers und Texters, sie präsentiert einen König zum Anfassen - und ein liebenswertes Schlitzohr.
(Adrian Nowak)
| Titel | Sparrowmania |
|---|---|
| Vertrieb | Strut Records |
Der WDR ist nicht für die Inhalte fremder Seiten verantwortlich, die über einen Link erreicht werden.