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CD der Woche 23. Januar 2012

Le Tour 6

V.A.

Local Media

Popmusik mit französischen Texten: Früher ein Problemfall, heute sexy, trendy und auch in Deutschland gefragt - spätestens seit Stromae und Zaz monatelang in den Charts klebten. Hauptschuld am Erfolg von French Pop ist der Journalist und DJ Thomas Bohnet. "Le Tour 6" heißt seine neue Sammlung mit Pop à la francaise, unsere CD der Woche.


V.A.: "Le Tour 6" ; Rechte: Local Media

Lange bevor Musik aus Frankreich durch Air, Daft Punk und den Charme des Soundtracks von "Die fabelhafte Welt der Amelie" wieder en vogue kam, war Thomas Bohnet ihr schon verfallen. Schließlich schwappte in seiner Kindheit, den sechziger Jahren, die erste große Welle mit französischer Popmusik durch Deutschland. Später interviewte er Künstler wie Francoise Hardy oder Manu Chao (als den noch keiner kannte), schrieb Reportagen über die Independent-Szene der Nachbarn und Plattenkritiken für die Süddeutsche Zeitung, Spex und andere Magazine. Obwohl er unweit der französischen Grenze aufgewachsen ist, konnte er anfangs kein Wort Französisch. Diese Herangehensweise hat er bis heute nicht abgelegt: Spricht ihn die Musik nicht an, dann nützt auch der klügste, witzigste Text nichts. Reggae, HipHop, Rock, French Country, Electro-Pop, Funk, Piano-Ballade, Balkan-Musette, Mariacchi-Chanson, Franko-Latin… Bohnet ist so offen für Einflüsse aus allen Windrichtungen, wie es Popmusik aus Frankreich schon immer war. Nicht nur aufgrund der Kolonialgeschichte.


Tour de France vs. Le Tour

Lisa Portelli; Lisa Portelli Bild vergrößern

Lisa Portelli

Wir schreiben den 10. Juni 1996, es ist Fußball-Europameisterschaft und Frankreich spielt gegen Rumänien. Im Foyer des Konstanzer Kulturzentrums K9 legt der DJ deshalb nur französische Musik auf und nennt den Abend "Tour de France". Les Bleus gewinnen 1: 0 und Thomas Bohnet, der Mann an den Plattentellern, hat sein Spezialgebiet gefunden. Doch erst ab dem Jahr 2000 bedient er das frankophile Publikum regelmäßig mit Clubabenden, zuerst nur in München und Berlin, inzwischen republikweit mit allem, was Frankreich an Tanzbarem hergibt - von French Ska bis Nouvelle Chanson.
Ein großer Fan der Tour de France ist er nicht, ein leidenschaftlicher Radfahrer schon. Doch die Strecke, die man mit Bohnet absolviert führt nicht quer durch Frankreich, sondern quer durch Szenen, Stile und Genres. Es ist eine Tour de Musique francaise. Seit 2003 gibt der French-Pop-Jäger auch Sampler mit seinen Fundstücken heraus, aufgrund rechtlicher Probleme mit dem Namen des großen Radrennens, verkürzt er den Titel kurzerhand auf "Le Tour". "Kein Mensch sagt in Frankreich ‚Tour de France‘, die sagen ‚Le Tour‘, wenn sie von ihrem geliebten Radrennen sprechen", erklärt er grinsend.


Ladies First

Wie überall dominieren auch in Frankreich seit einiger Zeit junge Frauen das Musikgeschehen. Camille, Alizée, Asa, Zaz, Hindi Zahra, Marina Celesta, Amel Bent, Coralie Clement, Yael Naim, Coeur de Pirate, Charlotte Gainsbourg… Die Liste ist endlos und muss ab sofort um einige Namen ergänzt werden. Thomas Bohnet liefert zwar seit der dritten Ausgabe seiner "Le Tour"-Compilations interessante Songs von Mademoiselles, doch noch nie so viele wie mit der aktuellen Ausgabe. Und jede der acht vorgestellten Singer/Songwriterinnen ist hierzulande noch unbekannt, also eine Entdeckung.
Die 25-jährige Lisa Portelli hat Wurzeln in Malta und gibt das wilde Cowgirl, Karimouche ist die schnippische Rapperin, und Elsa Kopf aka Za schwebt durch ein Gitarren-Chanson mit Jazzschmelz. Vanessa Chassaigne aus Paris hat bislang nur eine EP heraus gebracht, ihr erstes Album erscheint in Frankreich erst 2012. Wie bei vielen anderen auch spürt man bei ihr die Sixties und die sinnliche Durchsichtigkeit von Sängerinnen wie Francoise Hardy und Jane Birkin in jener Zeit. Der jüngste Neuzugang mit Sechzigerjahre-Schlagseite ist Lou Cadiny, die Tochter eines Pariser Freundes von Bohnet. Für ein Schulprojekt sollte die Sechzehnjährige einen Song schreiben und aufnehmen. Inzwischen sind es mehrere und möglicherweise gibt es bald ein Debütalbum, denn Cadigny hat diesen frechen French-Girlie-Touch und platziert ihn unverschämt vorlaut zwischen E-Gitarre, Schlagzeug und Klatschrhythmus.


Neu, neuer, nouvelle

V.A.: "Le Tour 6" ; Rechte: Local Media Bild vergrößern

V.A.: "Le Tour 6"

Alle paar Jahre wird sie wieder ausgerufen - die Nouvelle Scène Francaise, die neue französische Popmusik - und neu definiert. Auf "Le Tour 6" galoppieren die Künstler und Bands in alle Richtungen: zum Balkan (Noze feat. Riva Starr), nach Kuba (La casa bancale), nach Mexiko (Balimurphy). Oder sie hören sich so an, als würden die Beach Boys Weihnachten feiern (Maryse Letarte). Auf der Suche nach Gemeinsamkeiten fallen drei Dinge auf: Kein Jahrzehnt wird anscheinend so verehrt wie die Sixties. Rock ist definitiv in en France. Und Geräusche, die mit Atmung und Stimme hergestellt werden können, sind integraler Bestandteil der Musik. Es wird gehechelt, gepfiffen, gegähnt, geträllert und einzelne Worte bilden Rhythmen.


Her mit der Leichtigkeit

Eigentlich wollte Thomas Bohnet gar keinen Sampler mehr machen, denn wer kauft heute noch CDs? Dann waren plötzlich aber doch so viele gute Stücke da, dass er nicht widerstehen konnte. Keine big names, denn Biolay und Co hat er schon gehabt. Nur Namen, die z.T. auch in Frankreich noch echte Geheimtipps sind, waren gefragt. Und es gab eine Bedingung: Für alle Tracks wollte Bohnet weltweit die Rechte am Download und hat sie bekommen. Für großartige Songs wie die Cartoon-Chansons von Romain Lateltin und Oldelaf et Monsieur D oder die Tracks von Balimurphy aus Belgien und L'homme parle aus Nimes, die zeigen, dass man extrem lässig und super gut gelaunt antikapitalistisch und gesellschaftpolitisch agitieren kann. Diese Leichtigkeit des Seins ist typisch französisch und tut verdammt gut!
(Anna-Bianca Krause)



TitelLe Tour 6
VertriebLocal Media


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