Mittwoch, 16.05.2012
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Funkhaus Europa
Musik
Hollywood
Verve/ Universal
Mit ihrem Debüt-Album "Betcha Bottom Dollar" schossen die Puppini Sisters 2006 direkt an die Spitze der englischen Jazz-Charts. Der Sound und die Bühnen-Outfits des Londoner Damen-Trios zelebrieren den Glamour der vierziger Jahre. Mit ihrer aktuellen CD "Hollywood" tauchen sie wieder tief hinab in die Zeit der Perlenketten, Zigarettenspitzen und Damenhüte.
Schwestern sind sie nur dem Namen nach. Die Puppini Sisters, das sind Marcella Puppini, Kate Mullins und Stephanie O'Brien. Kennengelernt haben sich die drei Damen als Studentinnen des renommierten Londoner Trinity College of Music. Ihre Backgrounds könnten dabei kaum unterschiedlicher sein. Marcella Puppini, Kopf und die Gründerin der Band, studierte Modedesign und arbeitete als Stripperin, wobei sie nach eigener Aussage aber nur über wenig Talent verfügte. Kate Mullins kommt vom klassischen Jazz, Stephanie O'Brien war vor ihrer Zeit am Trinity College Sängerin der Metal-Truppe K.I.A. (Killed in Action).
Girlgroups wie die Boswell Sisters und vor allem die Andrew Sisters gehören sicherlich zu den großen Inspirationsquellen der Band. Noch wichtiger ist im Kosmos der Puppini Sisters aber der wunderschön schräge Zeichentrickfilm "Les Triplettes de Belleville". Hier helfen drei alte Showdamen der verzweifelten Madame Souza und ihrem schwer übergewichtigen Hund, ihren entführten Enkel aus den Händen eines französischen Bösewichts zu befreien. Einer der bezauberndsten Momente entsteht beim ersten Zusammentreffen von Madame Souza und den Triplettes in der an New York erinnernden Metropole Belleville. Madame Souza sitzt völlig abgebrannt unter einer Brücke und improvisiert ein Lied auf den Speichen eines alten Rennradreifens. Plötzlich stapfen die etwas greisen Triplettes um die Ecke und stimmen steppend und singend in das Solo von Madame Souza ein. Genau so könnten die Puppini Sisters in ihrem goldenen Herbst auch aussehen. Die Filmmusik von Benoît Charest wirkt wie eine Blaupause für den experimentierfreudigen Retro-Sound der Puppini Sisters.
"Hollywood" ist eine Verneigung vor dem Flair der US-Filmhauptstadt in den vierziger, fünfziger und sechziger Jahren mit großen Diven wie Marylin Monroe oder Ausnahmekomponisten wie Henry Mancini. Das einzige von den Puppini Sisters selbst verfasste Lied ist der Opener und Titelsong. "Are you ready to shine? Can you handle the light? Don't be scared of the heights, you can fly!" heisst es in "Hollywood". Darauf folgt eine Hommage an Marylin Monroe - "Diamonds are a girl‘s best friend" - eine Upbeat-Nummer in Moll mit leicht subversiver Anmutung. Im Video zum Song feiern die Puppini Sisters die opulente Optik der Swing-Ära und hauchen aufwändig kostümiert in die Kamera. Dabei lassen sie sich den gegenwärtigen Elektro-Swing-Hype lässig den Buckel runterrutschen. Keine aufgepumpten Dancefloorbeats, stattdessen originell instrumentierte Klassiker, mit leicht moderner Note neu eingespielt. Liebevoll ausgearbeiteter Retro-Pop in Vollendung, das ist das Credo der Puppini Sisters.
Noch eine Version von "Moon River"?. Kein Problem: Kate Mullins arrangiert den Ohrwurm aus "Breakfast at Tiffany's" mit einem langsamen Beat, dessen Snare-Wirbel entfernt an Marschmusik erinnern. Eine singende Säge sorgt für geheimnisvolles Flair. Über allem schweben die harmonischen Gesänge der drei Schwestern im Geiste, stilecht mit nur einem Mikrofon aufgenommen. "I feel pretty" aus der "West Side Story" beginnt Marcella Puppini am Glockenspiel mit einem Zitat aus Tschaikowskis Ballett "Der Nußknacker". Im Wakeup-Call "Good Morning" kommen Kuckucksuhr und Ukulele zum Einsatz. Die Puppini Sisters entkommen der Beliebigkeit des populären Retro-Hypes vor allem dadurch, dass sie sich in Aufnahmetechnik und Gestus sehr stark an ihren Vorbildern orientieren, ohne sie dabei einfach nur zu kopieren. "Hollywood" ist eine Liebeserklärung an eine kreative Hochphase in einem der Entstehungsorte moderner Popkultur. So virtuos, elegant, sympathisch und originell wie die Puppini Sisters können das nur wenige umsetzen. Und wenn sie noch einige Zeit so weitermachen, werden sie als alte Damen genau so fröhlich musizieren wie ihre großen Vorbilder, die "Triplettes von Belleville".
(Keno Mescher)
| Titel | Hollywood |
|---|---|
| Vertrieb | Verve/ Universal |
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